| Film der Woche – 25.04.2008 |
Der Debütfilm "Neandertal" von Ingo Haeb und Jan-Christoph Glaser ist eine Coming-of-Age-Geschichte über einen Jugendlichen, der seit seiner Kindheit an Neurodermitis leidet. Als er nach einem besonders schweren Schub gar ins Krankenhaus muss, beginnt er sein Umfeld zu reflektieren, und entdeckt, dass die heile Familienwelt nur auf Lügen fußt.
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Neurodermitis ist eine Hautkrankheit, die man an roten, schuppenden Ekzemen erkennt, begleitet von einem oft quälenden Juckreiz. Durch die Beeinträchtigung des Aussehens fühlen sich Betroffene sozial ausgegrenzt oder ziehen sich selbst zurück. Etwa sechs Millionen Menschen sollen allein in Deutschland betroffen sein. Im Film Neandertal, der Anfang der 1990er in einer Kleinstadt gleichen Namens spielt, leidet der 17jährige Guido (Jacob Matschenz) - er steht kurz vor dem Abi und seit er sich erinnern kann, hat er diese sichtbaren Ekzeme am Körper, die er je nach "Tagesform" mit Rollkragenpulli oder Halstüchern zu verdecken versucht.
Guido ist in eine Mitschülerin verliebt, und seine Gefühle werden auch erwidert, aber er schämt sich sich in ihrer Gegenwart auszuziehen. Nach einem besonders schweren Schub muss er noch dazu ins Krankenhaus. Dort erfährt er erstmals explizit, dass Neurodermitis (oft) ein Ausdruck von seelischem Ungleichgewicht sei, und so be-ginnt der Teenager sein Umfeld viel genauer zu reflektieren und entdeckt, dass die scheinbar so heile Familienwelt auf Lügen beruht: der Vater betrügt seine Frau seit Jahren mit ihrer besten Freundin und deshalb - auch das ist Guido bisher entgangen - säuft die Mutter sich teils um den Verstand. Wohl auch deshalb hat der ältere Bruder das Elternhaus unlängst Hals über Kopf verlassen und will gar aus-wandern.
Guido hält nun ebenfalls nicht mehr zuhause. Er zieht in die WG seines Bruders, lernt dort den politisch ambitionierten Rudi (Andreas Schmidt) kennen, den er um seine Unabhängigkeit und seinen Lebensmut beneidet. Im Umgang mit dem in Wahrheit aber nicht minder problembeladenen Draufgänger bessert sich auch der Zustand von Guidos Haut, endlich braucht er sich nicht mehr zu verstecken - entsprechend genießt er das Leben. Bis die Mutter im Alkoholrausch schwer stürzt und er wieder gewichtige Entschei-dungen treffen muss...
Der Debütfilm "Neandertal" von Ingo Haeb (er spickte das Drehbuch laut
eigener Aussage mit reichlich biografischen Elementen) und Jan-Christoph
Glaser ist dabei aber keine wirklich typische Coming-of-Age-Geschichte.
Liebeskummer, kleine Katastrophen, Probleme mit den Eltern oder die Angst vor
dem neuen Lebensabschnitt werden zwar gestreift, aber das Hauptaugenmerk
liegt auf der Suche nach einem harmonischen Verhältnis zwischen Nächstenliebe
und Egoismus. Guidos Krankheit steht als Symbol für die Unfähigkeit, sich von
den Problemen anderer abzugrenzen. Die Haut ist schließlich ein Seismograph,
der auf seelische Unannehmlichkeiten reagiert.
Nachdem der Film bereits an vielen Festivals teilnahm - Premiere auf den
Hofer Filmtagen, Max-Ophüls-Festival, Berlinale - und auch für den
Förderpreis Deutscher Film in der Kategorie Schauspiel nominiert wurde,
startet er - wenn auch leider nur mit sehr wenig Kopien - nun bundesweit im
Kino. Besonders sehenswert ist er dank der extrem starken schauspielerischen
Leistung von Jacob Matschenz (Jahrgang 1984), der zuvor beispielsweise schon
in Till Endemanns "Das Lächeln der Tiefseefische" mitwirkte und in diesem
Jahr auch in weiteren Filmen auf der Leinwand zu sehen ist: Seit Wochen in
"Die Welle" und ab Ende April auch in "1. Mai - Helden bei der Arbeit". Der
junge Mann ist übrigens auch für die Wahl zu den zweiten
Kulturtrüffel nominiert.
Oliver Renn