| Reportage - 29.04.2008 |
Ob bei der Sicherheitskonferenz in München oder beim G8-Gipfel in Heiligendamm - die „Clandestine insurgent rebel clown army“ (CIRCA) ist immer mit dabei. Wie aber wird man ein Rebel Clown? Eine dreitägige Grundausbildung im Gewerkschaftshaus Fürth schmiedete zukünftige Rekruten. Passend zum 01. Mai, an dem in Nürnberg Nazis wieder öffentlich marschieren dürfen ein Erfahrungsbericht von "General Shanti Avanti".
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| Fotos: Leonhard Seidl |
Zehn Menschen haben sich rekrutieren lassen. Frauen wie
Männer. Alle mit nur einem Ziel: Ein Rebel Clown werden. Ob sie den
anarchischen Anforderungen gerecht werden, wird sich nach dem ersten
Kampfeinsatz zeigen.
Die Stimmung ist entspannt neugierig. Ein gemeinsames Frühstück stärkt die
Teil-nehmer für den Tag. Denn den inneren Clown zu finden, ist anstrengend. Die
zukünftigen Rebellen tanzen, springen, weinen, kriechen und lachen; vor allem.
Sie mutieren im Spiel "evolution" von Amöben zu Drachen um bestenfalls als
aufgedunsene, sprachlose Kartoffeln zu enden. Eine absurde Diskussion wie viel
weniger Chromosomen die Kartoffel als ein Mensch hat, schließt mit dem Fazit,
dass ein Regenwurm immerhin keine Atombombe bauen könne. Die destruktiven
Kräfte kontinuierlicher Ablehnung verdeutlicht ein weiteres Spiel. In dem als
nächster Schritt in Zweiergruppen dazu überge-gangen wird, dem Rekruten
Gegenüber Angebote zu machen, die uneingeschränkt mit einem freudigen "Ja"
beantwortet werden müssen. Nach einer Weile soll ein zögerliches "Aber" folgen.
Noch nie habe ich auf die Frage: "Soll ich dich ins Klo einsperren?", ein so
erfreutes "Ja" erhalten.
Aber schon in Rebel-Clownkunde erfahren wir von Admiral Amphit Ami, dass Clowns
nicht fies sind. Hilfs-bereit sollen sie vielmehr sein, Grenzen weder im Kopf noch in der
vermeintlichen Realität akzeptieren. Die werden umspielt und in Energie
umgesetzt. Mitunter deshalb ist ein Clown immer frei. "Das, was du willst,
sollst du schenken", fügt Major Nature Lightstar hinzu. Ermöglicht wird dies
etwa dadurch, dass wir in den Zustand gehen, den wir uns für andere
auch wünschen, wie eben Freiheit.
Das CIRCA-Motto „Run away from circus“ meint, dass Hierarchien wie im Zirkus,
wo der Direktor den weißen Clown, mit weißem Gesicht Befehle erteilt, der
wiederum den roten Clown triezt, gänzlich abge-lehnt werden. Kommt die CIRCA
doch auch aus der antimilitaristischen Bewegung.
Der Höhepunkt des Tages ist eine Traumreise durch saftige Wiesen, und zu
Flüssen voll lila Himbeer-sirup. Die zukünftigen Clowns setzen beim
vermeintlichen Erwachen erstmals ihre roten Nasen auf; erkunden die neu
erschaffene Welt, mit achtsamen Sinnen. Ich entdecke dabei die Gemeinsamkeit von
Besenborsten, den Dreads einer Clownine und meinen Barthaaren. Schüchterne,
zärtliche Blicke machen uns zu einem Paar, der Besen wird zum Zepter für das
Zeichen unserer Macht - welcher auch immer. Das Erwachen nach dem Ablegen
der Nasen hat einen Hauch von Pubertät: Das Vertraute, Kindliche ist gegangen,
eine fremde, kalte Welt stürzt auf mich ein. Und doch ist ein süßer
Nachgeschmack geblieben, der sich an diesem Abend aber erst wieder einstellt,
als die Nase anschwillt, sich wieder rötet und alte Konstrukte und
Deutungsmuster an Gehalt verlieren. Beim Abendessen klingt der
erschöpfte Tag aus. Videos von Aktionen der englischen CIRCA folgen, die
gemachten Erfahrungen sind noch bis spätabends Thema.
Das Manöver am nächsten Tag beginnt früh und im Sonnenschein, ganz so wie es
sich für die Rebel clown army gehört: um zehn Uhr.
Die CIRCA agiert clandestine, also geheim, unter anderem, in dem die Mitglieder
ihre bürgerliche Namen verbergen. Ich heiße ab heute Shanti Avanti. Ab Morgen
verpasse ich mir sogar noch den Titel General, nachdem die Widerwehr vor
militärischen Titeln in clowneskem Nihilismus aufgegangen ist, was einen
weiteren Clownsschritt in Richtung Unkontrollierbarkeit darstellt. Die eigene
Persönlichkeit tritt damit zurück, Emotionen dafür nach vorne. Darum lerne ich
auch ohne Widerstreben stramm zu marschieren. Begleitet von den rhythmischen
Worten: „Links, links, hinterm Hauptmann stinkts!“
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Nicht nur am letzten Tag der Grundausbildung geben wir uns keinesfalls mit einem Stück vom Kuchen zufrieden, wir wollen die ganze Bäckerei! Wir sind insurgent, Aufständische, unzufrie-den mit uns und der Welt - stets dabei uns weiterzuentwickeln. Darum marschieren wir zur mittlerweile fast verwaisten Hartz IV Montagsdemo, die in der Nürnberger Fußgängerzone ihr kärgliches Dasein fristet. Dort reißen sich Kinder von ihren Müttern los, um mit uns zu spielen, wie wir von unseren ver-staubten Denkmustern. Der Wagen der Müllabfuhr wird geputzt, ein einsamer Polizist vor den Arbeitslosen beschützt, damit die ihm nicht seine Arbeit nehmen. Er quittiert es mit einem Grinsen und erzählt der Einsatzzentrale, wie toll er es findet, woraufhin noch mehr Kollegen kommen. Die begleiten uns nach dem Ende der Kundgebung durch die Fußgängerzone. Wir aber wollen nicht mehr mit ihnen spielen, schütteln sie ab. Mehrere Streifenwagen suchen uns und wir haben wieder Arbeitsplätze geschaffen. CIRCA sei Dank. Bis zum nächsten Mal ihr Polizisten!
Und das wird der 1. Mai sein. Wenn Neo-Nazis nach Nürnberg kommen, weil sie das Marschieren von uns Rebel Clowns lernen wollen. Wir wissen noch nicht, ob wir es ihnen zeigen werden. Aber wir werden ihnen auf alle Fälle zeigen, dass man außer marschieren auch noch spielen kann! Und wenn ihr, liebe Freundinnen und Freunde der Freiheit auch gerne spielt, kommt zahlreich und spielt mit uns und den Neo-Nazis!
Shanti Avanti