logo
Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen Diese Seite zu Yigg hinzufügen

Kunst - 22.04.2008

Weite Wege zum Motiv

Mit dem Wien-Graz-Bamberger Künstlerkollektiv „monochrom“ mischte er die Biennale 2002 in São Paulo auf. Jetzt hat ihn auch seine Heimatstadt Bamberg entdeckt und ausgezeichnet: Der 37-jährige Richard Wientzek erhält im April den mit 5.100 Euro dotierten Volker-Hinniger-Preis. Unter dem Motto „Tagwerk“ werden seine Bilder und Zeichnungen in der Stadtgalerie Villa Dessauer vom 26. April bis zum 1. Juni ausgestellt. 

Die gelben Stiefel  Fotos: Tina Deml

Herzlichen Glückwunsch. Sie erhalten am 25. April den Volker-Hinniger-Preis. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Als ich es erfuhr, hab ich’s erst mal kaum geglaubt. Blut, Schweiß und Tränen verwandelten sich schlagartig in Ruhm und Reichtum. Nee, im Ernst: Der Preis ist ja das Höchste, was es im Kunstbereich in Bamberg geben kann. Und die damit verbundene Einzelausstellung in der Villa Dessauer sowieso.

Sie haben Germanistik, Kunstgeschichte und Niederlandistik in Bamberg und Amsterdam studiert und haben sich dann über Umwege für eine Künstlerlaufbahn entschieden. Wo und wie haben Sie sich Ihre beeindruckende Maltechnik angeeignet?

Viel geht nach der Methode „trial and error“, Scheitern inklusive. Im Studium haben mich die Techniken Alter Meister begeistert. Aber gemalt habe ich schon immer; ich habe als Schulkind meine erste Mark mit dem Bemalen von Faschingswägen verdient.

Der Titel Ihrer aktuellen Ausstellung lautet „Tagwerk“. Ein Begriff, der heute nicht mehr so geläufig ist…

Ja, ein fast ausgestorbener Begriff, eine landwirtschaftliche Maßeinheit, und ich liebe Maßeinheiten und fast ausgestorbene Begriffe. Zum anderen schwingt da die Bedeutung „Arbeitsleistung“ und „Arbeitsplanung“ mit, was für eine Werkschau gut passt.

Sie malen bevorzugt Landschaften. Sind Motive aus Bamberg und aus der fränkischen Provinz zu sehen?

Landschaft war sicher ein Schwerpunkt der letzten vier Jahre. Das Genre klingt für viele zuerst so nach „Pastell-Impressionen aus der Toskana im Café Soundso“. Aber 99% der Erdkruste sind nun einmal Landschaft und per se nicht banal. Und die Erdkruste vor meiner Haustür kenne ich am besten. Wenn ich etwa einen Acker bei Hirschaid male, dann meint das zunächst natürlich den konkreten Ort. Zugleich ist der ländliche Strukturwandel ein übergeordnetes, ein globales Phänomen, das ich gerne „Hirschaidisierung“ nenne.

Ihre Gemälde werden bisweilen als „fotorealistisch“ bezeichnet. Ist dieses Attribut zutreffend?

Nicht wirklich. Der Fotorealismus der 70er hat sich ja einen aberwitzigen Sport daraus gemacht, mittels Malerei die malerische Handschrift auszublenden. Das war mal ganz spannend, wurde aber irgendwann zur reinen Manie. In der Regel baue ich Bilder wie „Die Gelben Stiefel“ im Kopf oder mit Skizzen vor; Fotos sind für die Komposition ein Ausgangspunkt, ein Rohmaterial, aber kein Selbstzweck. In der Farbgebung befreie ich mich dann zusehends. Manche Bilder wie „Weiter“ entstehen völlig frei. Eine schöne Anekdote dazu: eine Bekannte sah mal ein neues Gemälde von mir und sagte: „Jetzt hab ich gedacht, das ist ein Bild.“ Sie wollte eigentlich „Foto“ sagen. Der Versprecher ist sehr vielsagend, weil die Fotografie so omnipräsent ist und als objektiv abbildendes Medium gilt, übrigens zu Unrecht, während Malerei mit subjektiver Phantasie gleichgesetzt wird. Es reizt mich, mit diesen Klischees zu spielen.

Wie lange brauchen Sie für ein Gemälde?

Je nach Größe, Stillage und Technik zwischen einer Woche und zwei, drei Monaten.

Ihre Bilder haben originelle und ironische Titel...

Treffende Titel sind mir sehr wichtig, sie machen ein Bild zur Story. Sie sollten offen oder mehrdeutig sein, wie ja ein Bild oder eine Story offen und mehrdeutig sein sollte.

Sie haben auch Kunstgeschichte studiert. Wenn Sie Ihren Stil aus der Sichtweise eines Kunsthistorikers betrachten: Woran erkennt man einen „Wientzek“? Gibt es etwas Typisches?

Ich würde sagen: Kühler Illusionismus mit linearer Strenge in der Fernwirkung, freierer Duktus und farbliche Lockerheit in der Nahsicht. Diskreter Umgang mit Anspielungen und Humor. Frisierte Alltagsästhetik. Understatement.

Haben Sie künstlerische Vorbilder, und ist abstrakte Malerei für Sie ein Thema?

Ich fang mal mit Negativvorbildern an: Chagall und Hundertwasser gehen gar nicht. Großartig finde ich den Romantiker Caspar David Friedrich, und bei den Zeitgenossen natürlich Gerhard Richter, vor allem deshalb, weil er ständig zwischen Naturalismus und Abstraktion wechselt, und trotzdem alles nach Richter aussieht. Generell bin ich schon ein Schwamm, der viel aufsaugt, was auch gerade für die Musik gilt. Beim Malen höre ich am liebsten Bach und Pat Metheny.

Wie ist Ihr Verhältnis zur „Auftragskunst“? Kann man bei Ihnen ein Portrait in Auftrag geben?

Da man als Maler den ganzen Tag allein vor sich hin macht, ist es klasse, wenn eine konkrete Interaktion mit einem Auftraggeber stattfindet, das kann vor Betriebsblindheit schützen. Portraits sind natürlich etwas heikler; da spielen Repräsentationsbedürfnisse mit rein. Da ist es wichtig, die Person zu kennen oder erst mal kennenzulernen.

Was machen Sie als Ausgleich zur Malerei? Sport?

Sport weniger. Heilig ist mir aber die klassische Sonntagswanderung. Möglichst lang und möglichst weit. Das Problem ist nur: was ich beim Wandern sehe, wird wieder unweigerlich zur Malerei. Ein spannender Gegenpol sind die Projekte mit dem Wiener Kunstkollektiv „monochrom“; die tanzen auf sämtlichen medialen Hochzeiten. Da mische ich manchmal mit, wenn es um musikalische oder theatralische Sachen geht.

Sie sind ein waschechter und weitgereister Bamberger: Was mögen Sie am „Fränkischen Rom“? Was weniger?

Angenehm ist hier diese Unaufgeregtheit und Übersichtlichkeit. Ich wohne mitten im Gärtnerviertel zwischen Gemüsefeldern und einem der besten deutschen Programmkinos. Peinlich wird’s immer dann, wenn man die Bedeutung der Stadt aufbläst mit so Sachen wie: „das weltweit beliebte Wiener Würstchen wurde übrigens von einem Metzger aus Gasseldorf bei Ebermannstadt bei Bamberg erfunden.“

Im April hat das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia neue, zugereiste Stipendiaten für ein Jahr aufgenommen. Steht die lokale Kunstszene im Schatten dieses „kulturellen Leuchtturms“?

Die internationalen Stipendiaten stehen ja auch nicht gerade im hellsten Licht, Stichwort Elfenbeinturm. Und ob es hier eine echte Szene gibt, ich sehe eher Einzelkämpfer...

Haben Sie schon Pläne und Projekte nach der „Tagwerk“-Ausstellung?

Weitermalen. Ich fürchte, ich kann nicht anders.

Das Gespräch führte Detlef R. Pauly

Ausstellung „Tagwerk“ - Gemälde und Zeichnungen von Richard Wientzek. Stadtgalerie Bamberg - Villa Dessauer, 26. April bis 1. Juni 2008,Di-Do 10-16 Uhr, Fr-So 12-18 Uhr; Bildgespräche mit dem Künstler in der Ausstellung am 18. Mai um 14 und um 16 Uhr.