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Neu im Kino - 20.08.2009

Wenn das Schicksal entscheidet

Mit "Tengri - Das Blau des Himmels" verfilmte die Französin Marie-Jaoul de Poncheville eine Liebesgeschichte nach einem Roman von Tschingis Aitmatov, die kirgisischen Dorfregeln trotzt; Rudolf Thome hingegen lässt in seinem neuen Film "Pink" die Protagonistin auf der Suche nach dem privaten Glück in kürzester Zeit dreimal heiraten; Und in "Schreibe mir, Postkarten nach Copacabana", einem Coming-of-Age-Drama made in Bavaria, träumen zwei von der großen weiten Welt - drei Neustarts dieser Woche unter der Lupe.

Temur, ein 30jähriger Kasache, hat früher am Aralsee gefischt, bis ihm der sterbende Binnensee durch eine Fieberkrankheit Frau und Kind genommen hat. Nach einem langen Irrweg landet er in einem kleinen Nomadendorf hoch in den kirgisischen Bergen, an der Grenze zu Afghanistan. Er ist hier geboren und hofft auch seinen Vater wieder zu sehen, mit dem er anscheinend längere Zeit keinen Kontakt mehr hatte. Aber auch der ist inzwischen verstorben. Ohnedies wirkt das Dorf ziemlich menschenleer. Viele sind weggezogen, so dass hier heute fast nur Alte, Frauen und Kinder leben. Obwohl sich keiner an ihn erinnert, wird Temur mehr oder minder unkompliziert in die Gemeinschaft aufgenommen - alsbald gewinnt er gar das Herz einer jungen Frau für sich: Amira ist 18 und mit einem Mann verheiratet, der als Mujahedin in Afghanistan kämpft und selten zu Hause ist. Die Annährung zwischen Temur und Amira bleibt den anderen nicht unbemerkt, einer petzt als der Ehemann zurückkehrt; und weil deshalb im Dorf die Gewalt einmal mehr zu eskalieren droht, entscheiden die zwei Liebenden, den noch dazu recht trostlosen Zuständen zu entkommen, jetzt, wo Temur den Glauben an das Leben zurückgewonnen hat. Der beschwerliche Weg führt sie durch ewig lange Steppen, eine rach-süchtige Delegation des Dorfes ist ihnen dicht auf den Fersen.

Für ihr Spielfilmdebüt Tengri - Das Blau des Himmels hat die französische Regisseurin Marie-Jaoul de Poncheville den Roman "Dshamilija" des kirgisischen Autors Tschingis Aitmatow ausgewählt. Tengri war für die früheren Alttürken die Bezeichnung für Himmel und erhielt später einen Bedeutungswandel und meint seither "Gott". Von Letzterem ist im Film, in dem unter anderem eine Mutter von zwei Kindern brutal zusammengeschlagen wird und an den inneren Verletzungen stirbt, kaum etwas zu spüren; dafür spielt vieles der ungemein fesselnden Geschichte unter traumhaft blauem Himmel vor hohen Bergen und einer auch ansonsten nahezu atemberaubenden Landschaft. Die äußerst glaubwürdig agierenden Haupt-darsteller Ilimbek Kalmouratov und Albina Imacheva, die bis dahin kaum vor der Kamera standen, tun ein Übriges, dass die Geschichte über Entwurzelung, Patriarchat und wahre Liebe im ex-sowjetischen Asien aufgeht.

Pink ist der Künstlername einer jungen Literatin, die recht böse Liebesgedichte schreibt und auf ihren Lesetourneen von ihrem Publikum frenetisch gefeiert wird. Fremden gegenüber hüllt sie sich in dunkelschwarzes Kunsthaar und verbirgt den Rest des Gesichts mit einer großen Sonnenbrille - als ihr bei einer Zugfahrt ein Fan dennoch auf die Schliche kommt, ihr Komplimente macht und ein Autogramm haben will, bedroht sie ihn gar mit einer Pistole. Und von den Männern von denen sie selbst etwas will, gibt es derer gleich drei, die "natürlich" auch alle von-einander wissen und unter anderem mittels unterschiedlich üppiger Blumensträuße anscheinend gerne miteinander konkurrieren. Doch da will Pink unvermittelt bei einem Kirchbesuch die Stimme Gottes wahr genommen haben, und der riet ihr einem aus dem Trio das Jawort zu geben. Nur leider ohne Zusatz wen genau. Und so erstellt die Dichterin für jeden der Kandidaten an einem Abend Punktelisten zu den ihr wichtigen Attributen, unter anderem zu Vermögen, Aussehen und Bildung. Ziemlich flugs wird der klare "Sieger" geheiratet, doch wie zu Erwarten wähnt das Glück nicht lang.

Nach drei Monaten hat Pink endgültig die Schnauze voll von ihrem vermeintlichen Workaholic, bepinselt noch rasch die Wände mit Selbstmitleidparolen und ist weg - der erste Auserwählte beantwortet diese Trennung mit Selbstmord. Wir erzählen das bewusst so emotionslos, denn es ist dem Film respektive Handlungsverlauf mehr als angemessen! Und es geht nicht nur im melodramatischen Sinn schrecklich weiter: Schon kurze Zeit nach der Beerdigung von Gatte Nummer eins, heiratet Pink den Punktsieger Nr. zwei. Und weil der sie bei der erstbesten Gelegenheit nach den Flitterwochen betrogen hat - mit einem Rudel offenkundig wenig auf Hygiene bedachter Nutten (weil sie bei sich unvermittelt eine Geschlechts-krankheit ausmacht, kam Pink ihrem aktuellen "liebsten" auf die Schliche) - schmeißt sie ihn, da ist ihr offenkundig echtes "Spielzeug" wieder im Einsatz, mit vorgehaltener Pistole aus der Wohnung, beim Scheidungstermin erkundigt sie sich gleich nach der Sperrfrist, ehe sie das dritte mal in den Hafen der Ehe darf - auf wen die Wahl fällt ist klar...

Hannah Herzsprung spielt die Dichterin auf der Suche nach dem Glück in Rudolf Thomes ("Paradiso - Sieben Tage mit sieben Frauen") neuestem Werk, das dieser einmal in Personalunion als Regisseur, Produzent und Drehbuchautor verantwortet .Die Geschichte einer Frau, die in schier atemberaubender Geschwindigkeit – von Herbst bis Frühling – dreimal heiratet, strotzt vor gekünstelten Dialogen und Figuren, ohne Tiefgang. Vor allem die Männer sind allerdings unlustige und unkritische Karikaturen von irgendwelchen viertklassigen Reißbrettentwürfen. Und obwohl der Film nicht einmal 90 Minuten lang ist, scheint er sich auch noch ins Unendliche zu ziehen. Selbst die vermeintliche Idealvorstellung von Glück – auf dem Land leben, fernab vom hektischen Stadtleben, mit einem Baby im Arm berührt nicht wirklich.

Nur mit einem Koffer voller Aspirinpulver bewappnet, schreitet Alois in bayrischen Trachten in einen Bergsee. Die Blaskapelle spielt dazu ein Abschiedslied. Nach einer langen Wanderung auf dem Meersboden taucht der Blondschopf in Bolivien auf, am Ufer des Titicacasees. Dort lernt er die hübsche Elena kennen, die beiden verlieben sich - Zeitsprung: obwohl Alois nun schon lange tot ist, schwirrt sein Geist noch immer sanft lächelnd in der Umgebung der alten Apotheke im kleinen Ort Copacabana umher, zumindest ist die alte Frau davon überzeugt. Die 14jährige Alfonsina, ihre Enkelin, scheint derweil das Fernweh von ihrem Großvater geerbt zu haben. Sie sammelt fleißig Postkarten aus der ganzen Welt und träumt von ausgedehnten Reisen. Ihre Mutter, Stewardesse Rosa, ist selten zuhause: Die recht hübsche Frau ist seit Jahren verwitwet und dient anderen Frauen der Gegend, die alle recht fleißig Telenovelas gucken, gerne als Klatschvorlage. Auf einmal taucht wieder ein junger Bayer im Ort auf - und Alfonsina fühlt sich direkt hingezogen zu Ornithologiestudent Daniel. Und als sich dann auch noch ein Geschäftsmann im kleinen Hotel von Copacabana einmietet, der alsbald Elena einiges an Haus und Grund abkaufen will und Rosa schöne Augen macht, ist für alle drei Frauen nichts mehr wie vorher.

Schreibe mir - Postkarten nach Copacabana, der neue Film von Thomas Kronthaler ("Die Scheinhei-ligen", sein Abschlussfilm an der HFF München feierte einige Achtungserfolge) ist ein rundum exzellent gespielter, märchenhafter Sommerfilm über Liebe, Enttäuschungen und Sehnsüchte – das Leben wie in einer Telenovela, aber unterm Strich kein zehntel so kitschig, und vor allem weitaus Anspruchsvoller und teils auch ein wenig unvorhersehbar. dazu die wunderschönen Bilder der Bolivianischen Hochebene und die sehr unprätentiös und mit viel Humor erzählte besondere Beziehung zwischen der recht verträumten Alfonsina (Júlia Hernandez) und ihrer Oma.

Red.

Legende der Punktwertungen:

= schlichtweg herausragend

= empfehlenswert

= interessant

= zwiespältig

= ziemlich mau

= grausam