| Musik - 18.08.2009 |
Ob Barock oder Mozart, ob Belcanto-Oper oder Operette – die bulgarische Mezzo-Sopranistin Vesselina Kasarova gilt als eine der vielseitigsten Sängerinnen auf der Opernbühne, ausgezeichnet mit dem Europäischen Kulturpreis und 2003 mit dem Klassik Echo. Aktuell ist die Künstlerin mit Bizets „Carmen“ auf einer langen Tourneereise durch Europa - im September ist sie wieder in Deutschland und Österreich auf Tour.
Carmen hält sie generell für eine undankbare Rolle.
Wegen der Klischees, die noch immer über diese Figur vorherrschen. Carmen gilt
als Frau mit einer gewissen Brutalität, zum Teil auch als schlichtweg böse, sie
versprühe nur auf billige Art und Weise Erotik. "Aber als ich zum ersten Mal
gelesen habe, was sie sagt, und dann die Musik - ich war total überrascht und
bin seither überzeugt, das wird völlig falsch interpretiert. Carmen ist nichts
anderes als eine emanzipierte, eine erotische Frau - sehr intelligent, eine
Revolutionärin gar, deswegen 'La Liberté', sie will die Freiheit… Und dennoch
hat man all die Jahre gesagt, 'armer Jose'. Wieso arm? Er bringt eine Frau um!
letztlich ist Carmen eine Geschichte von heute: Viele Frauen sind mutig, sie
wollen sich trennen von den Männern und wenn dann ein Mann seine Frauen
umbringen würde, sagen wir dann auch 'arme Männer' oder was?"
Vesselina Kasarova liebt Emotionen und Ästhetik - und allen voran Mozart. Mit
dessen Oper „La Clemenza di Tito“ hat die mittlerweile 20jährige Karriere der
bulgarischen Sägerin mit Schweizer Pass angefangen. Aber auch bei französischen
Komponisten wie eben Bizet oder Jules Massenet oder Camille Saint-Saëns fühlt
sie sich auch bestens aufgehoben. Sie schätzt den musikalischen Ausdruck jener
Werke - von einem gekünstelten Stil könne keine Rede sein, denn ohne Gefühle
könne sie einfach nicht singen. "Ich habe manchmal versucht, einfach nur
trocken zu sein, das geht nicht… Und ich bin traurig, dass man manchmal sagt,
das ist manieristisch."
Kasarova mag zudem Rollen, die sich entwickeln, sie arbeite gerne mit
Regisseuren, die aus dem Schauspiel kommen: "Früher hat man Sänger gefragt, wo
ist dein akustischer Punkt, die Sänger waren auch opulenter, mit ihrer gänzlich
anderen Statur könnten sie heute nicht einfach Treppen hin und herrennen und
dabei singen… Die Herausforderungen sind viel höher als früher… Dazu kommt das
Thema offene Bühne, Regisseure mögen heute leere Bühnen. Offen, das heißt aber
auch keine Akustik; dazu kommen die riesigen Orchester, die viel größer sind
als früher, und meist auch höher stehen, da die Dirigenten es lieben, wenn das
Orchester gesehen wird..."
Zum Singen kam die zierliche Frau mit den sanften Gesichtszügen über das
Klavierspiel. Aufgewachsen in einer Familie, wo die Mutter Buchhalterin war und
der Vater Chauffeur, habe man ihre Neigung zur Musik sehr früh erkannt und
gefördert. Mit vier Jahren hat sie bereits ersten Klavierunterricht bekommen:
"Ich erinnere mich an meinem Vater, der gesungen und auch entweder Akkordeon
oder Klavier gespielt hat... Er ist kein Musiker, war aber ein Naturtalent,
obwohl er keine Noten lesen konnte - wenn ich heute mit 43 so überlege, ist das
für mich der Beweis, dass jeder Mensch mit einer Gabe auf die Welt kommt, egal
für was und egal was die Eltern gemacht haben. Ich denke daher man soll die
Kinder im richtigen Moment mit ein bisschen Aufmunterung unterstützen, sie tun
lassen was sie wollen, nicht was die Eltern wollen."
Als junges Mädchen besuchte Kasarova dann ein musikorientiertes Gymnasium. Ihr
Klavier-studium schloss sie mit Diplom ab, entdeckte ihre Liebe zum Gesang und
begann an der Musikakademie in Sofia zu studieren. 1989 ging sie in die
Schweiz, wo sie mit kleinen Rollen startete, bis die Opernwelt 1992, nach ihrem
Auftritt in „Tancredi“ von Gioacchino Rossini, bei den Salzburger Festspielen
auf sie aufmerksam wurde. Ihre bulgarischen Wurzeln hat Kasarova dabei bis
heute nie vergessen, vor sechs Jahren etwa nahm sie zusammen mit einem Chor aus
Sofia Volkslieder ihrer Heimat auf. Das melancholische in dieser Musik passe
gut zu ihrem eigenen Charakter. "Ich habe etwas Ernstes meine ich", so Kasarova.
Sie denke viel nach und das tue ihrem Beruf sehr gut. Nur so konnte sie trotz
der langen erfolgreichen Karriere sehr bodenständig bleiben.
(Red.)