| Feminine Ecken und Kanten im Web 2.0 - 29.07.2010 |
Das Internet gilt als hierarchiefreier Raum: Die Rollen von Rezipientinnen und Produzentinnen scheinen aufgehoben. Jede, die Zugang zu einem internetfähigen Computer hat kann sich ihr virtuelles Wohnzimmer erschaffen. Die geschlechtliche Zugehörigkeit müsste folglich im so genannten Web 2.0, also insbesondere bei interaktiven und kollaborativen Elementen des Internets, speziell des World Wide Webs, keine Rolle spielen – doch im surfenden Alltag sieht das anders aus.
Egal ob bei der Anmeldung zu
Facebook, Lokalisten, Xing oder für den Account von Immobilienscout:
die Frage nach dem Geschlecht ist obligatorisch. In Foren wird man anhand des
Schreibstils schnell einem Geschlecht zugeordnet – egal wie neutral der
Nickname ist. Dann haben wir halt unser Geschlecht auch im Netz, na und?
„Und?“ können sich User leisten, die durch die ihr Geschlecht betreffenden
Vorurteile klar im Vorteil sind: Während „Kerle“ Sachlichkeit, Vernunft und
Entscheidungsfreudigkeit einheimsen, dürfen „Frauen“ mit emotionaler Fürsorge
und Wankelmütigkeit zu Hause bleiben. Gerade in der BRD hat es den Anschein,
dass für Gleichberechtigung und gegen Sexismus (um gleich zwei Schlagwörter
zu nennen) genug getan wird. Dabei ist Deutschland im Global Genderreport von
2009 mittlerweile auf Platz 12 gesunken. Eines der bekannten Ergebnisse:
Frauen verdienen konsequent 23 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen.
Dazu gesellen sich die normierenden Vorstellungen davon, wie „Frauen“ zu sein
haben – Vorstellungen, die man besonders zahlreich in Dialogen des Web 2.0
findet. Dieses Korsett aus attraktivem Äußeren und Freundlichkeitsfalle macht
es Frauen nicht leicht, auf den Tisch des Chefs zu hauen und diese 23 Prozent
„pronto“ zu verlangen.
Bloggen sie oder nicht?
Tatsächlich tauchen Blogs von
„Frauen“ in den deutschen Blogcharts, die nach dem Prinzip „Wer wird am
meisten verlinkt?“ wöchentlich die 100 beliebtesten Blogs feiern, erst ab ca.
Platz 30 auf. In sozialen Netzwerken ist der Anteil der „Frauen“ deutlich
höher.Dass Bloggerinnen nicht genügend verlinkt werden, muss nicht unbedingt
heißen, dass sie nicht gelesen werden. Es zeigt nur, dass das Netzwerkdenken
bloggender „Männer“ intuitiver ist. „Männer“ unterstützen sich in ihrer
Meinungsmache gegenseitig und
blenden dabei unabsichtlich weibliche Blogs aus. Seit etwa zwei Jahren hält
die feminine Blogosphäre fleißig dagegen: allen voran die Mädchenmannschaft
(das ist der Blog der Autorinnen der „Alphamädchen“), der Genderblog (größter
kollektiver Gemeinschaftsblog) und der Mädchenblog. Sie bemühen sich,
„Frauen“ im Netz sichtbarer zu machen, organisieren Gendercamps und gründeten
im
vergangenen Jahr die „Girls on Web Society“ auf Facebook. Dieses Jahr
brachten sie verschiedene feministische Themen auch ins Programm der
re:publica – der Konferenz rund um Begriffe wie
„Web 2.0“ oder „Social Media“. Hinein ins diskursive Getümmel Vielleicht ist
diese Relevanzdebatte
„Bloggen sie oder nicht und wenn ja, wie viele?“ auch der falsche Ansatz.
Diese Diskussion suggeriert nämlich, dass alle „Frauen“ dahin sollen, wo
Männer bereits sind, und „Frauen“, die da nicht hinkommen, folglich
irgendetwas falsch machen. Stattdessen tummeln sie sich an
unterschiedlichsten
Orten. Besonders stark in Koch-Back-Strick-, Do-it-yourself- sowie
Kinderwunschportalen.
Wer sich die Mühe macht, ihre Subscriber-Zahlen mit denen bekannter Blogs zu
vergleichen,
kommt ins Schleudern. Doch um ernst genommen zu werden, dürfen „Frauen“
keinesfalls über „weibliche“ Sphären schreiben. Die „echte“ Bloggerin hat
sich in das diskursive Getümmel
um die Meinungsmacht in Politik, Recht, Wirtschaft und Internetkram
einzumischen.
(Queer-)Feminismus
Anscheinend gibt es eine ganz gute
Vorstellung davon, was als weibliche Sphäre und was als männliche Sphäre
gilt. Egal ob im Web 2.0 oder anderswo. Wenige hinterfragen diese
gegenüberstellende Denke „Du Frau, ich Mann“. Queer-Feminist_innen sind da
argwöhnischer, was die gebräuchliche alltägliche Einordnung von „Männern“ und
„Frauen“ angeht. „Queer“ heißt im Englischen verdächtig, eigenartig, seltsam
und war lange Zeit ein Schimpfwort für Homosexuelle. „Queer“ als Kennzeichen,
von der Norm abzuweichen, nicht so ganz „richtig“ zu sein. Mittlerweile ist „queer“
ein Beispiel für die Aneignung und Umdeutungsmöglichkeit von Sprache und
Wörtern. Heute bezeichnet „queer“ das politische Sammelbecken Intersexueller,
Homosexueller, Transsexueller und eben Feministinnen, die sich von
Identitätszuschreibungen per Geschlecht abgrenzen. Damit ist „queer“ ein
politisches Statement, das für Feministinnen die konsequente Weiterführung
der politischen Thesen von Simone de Beauvoir ist: Biologie ist kein
Schicksal – oder: „Man wird nicht als Frau geboren, sondern zur Frau
gemacht.“
Nur eben eine Prise heftiger. Hier wird nicht mehr nur davon ausgegangen,
dass unsere soziale Geschlechtsrolle (Gender) Ergebnis der Sozialisation ist,
sondern auch, dass unser „Sex“, unser
anatomisches Geschlecht, eine normierende Anweisung an alle Körper ist.
Judith Butler, die oft als Queer-Theoretikerin erster Stunde genannt wird
(was ihr nicht behagt, da man als Identitätskritikerin
ungern in Kategorien landet), stellt in ihrem geschlechterkritischen
Hauptwerk „Gender Trouble“
(zu Deutsch: „Das Unbehagen der Geschlechter“) eine Theorie zur Verfügung,
die biologistischen Argumentationen um „unser“ Geschlechterleben die Luft
rauslässt. Sie analysiert westliche Gesellschaften als normierende
Zwangsordnungen, die bestimmte Begehren nur durch den Intellekt erkennbar
erscheinen lassen: Begehren Heterosexueller, die nie abends an der Bar mit
der Frage konfrontiert werden: Warum bist du eigentlich heterosexuell und
seit wann genau? Auch bekannt
als die Matrix der Heterosexualität, die auch im World Wide Web sehr stark
ist.
Trend von Retraditionalisierung
Dagegen schreiben
Queer-Feminist_innen an: Sie vertreten zwar auch klassisch feministische
Themen wie aktuell etwa den Hebammenstreik, sie bemühen sich aber vor allem,
Stereotype zu de-konstruieren und zu de-naturalisieren. Alles, was wir als
„männlich“ oder „weiblich“ bezeichnen, auf ihre dahinterliegenden Dichotomien
zu untersuchen. Queer-Feminist_innen leugnen aber nicht die augenscheinliche
Differenz der Geschlechter, sondern fragen nach der Bedeutungszuschreibung
„männlicher“ und „weiblicher“ Attribute, die gerne als historisch
unveränderbar dargestellt werden. Dem stellen sie neue Bilder von Sexualität,
Körper und Geschlecht gegenüber. Bevor wir uns also erneut die Frage stellen,
inwiefern „Frauen“ in die falsche Richtung bloggen, sollten wir uns
vielleicht eher
fragen, warum wir ausgerechnet in einer virtuellen, angeblich
hierarchiefreien Zone den Trend einer Retraditionalisierung der Geschlechter
beobachten, die feministischen Inhalten mit Argwohn
und Ablehnung begegnen und in denen die Positionen „männlich“ und „weiblich“
erneut festgeschrieben werden, die in unserer Alltagswelt bereits zunehmend
an Bedeutung verlieren. ■
Julia Jäckel
Die Autorin bloggt zusammen mit anderen Autorinnen auf Simulationen des Selbst (Simulanten) und promoviert an der LMU München am Lehrstuhl Prof. Dr. Paula-Irene Villa.