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Buch - 31.08.2010

Skandalgenudel

Mit der Literatur ist es ja so eine Sache. Natürlich weiß frau und man, dass es sich dabei um Fiktion handelt und so weiter. Aber wird dann ein Roman veröffentlicht, bei dem die Handlung allzu sehr an wirkliche Konstellationen erinnert, kommen offenbar die papierenen und virtuellen Blätterwälder nicht mehr umhin, einen Kurzschluss mit der Kategorie „Schlüsselroman“ zu rechtfertigen. So geschehen im Falle des neuen Romans 'Die ganze Wahrheit' von Norbert Gstrein.

Daher beschäftigt sich nun seit zwei Monaten ein Heer von Rezensenten mit dem, was ihnen sonst verwehrt ist: Tratsch. Das im Roman dargestellte Verlegerpärchen Dagmar und Heinrich Glück sei unübersehbar eine schlecht verschlüsselte Blaupause von Ulla Unseld-Berkéwicz und Siegfried Unseld und hinter dem österreichischen Kleinverlag verberge sich nichts anderes als der Suhrkamp-Verlag. Daraufhin wird ein Indizientribunal gehalten, nein, nicht über sich selbst, sondern über Literatur als Abbild: die zigeunerhafte Kleidung, die Spekulationen um ihr Alter, das Annehmen des Nachnamens der Großmutter, all das verweise auf Unseld-Berkéwicz. Und wenn man dann schon einmal bei Kurzschlü-ssen ist, liegt die Gleichsetzung von Autor und Erzähler natürlich nahe. Damit wird aus dem Rachefeldzug im Buch ein Rachefeldzug des Buches also des Autors selbst.

Damit tut der Leser dem Buch unrecht und tut es zugleich nicht. Denn der Text ist viel zu klug, um es bei einer so einfachen Kausalkette zu belassen. Es handelt sich weniger um eine Geschichte des Suhrkamp-Verlags als um die eines Skandals mit der absurden Pointe, dass der Text die Situation zugleich schafft, die er selbst verhandelt. Denn das interessante Spannungsfeld des Romans entsteht zwischen dem Titel 'Die ganze Wahrheit' und seinem Untertitel 'Roman'. Beides wird im Text aufgegriffen. So nimmt der Erzähler, ehemals Lektor in Glücks Verlag, in Anspruch, keine literarische Ambition zu haben, „sondern den Wunsch, mich nach besten Wissen an die Tatsachen zu halten“. Moment, war das nicht ein Roman, und handelte es sich nicht um einen Autor, sondern um einen Erzähler? Und heißt es im Text nicht, ein Roman sei eben etwas „Unverbindliches“? Aber das ist ja dann auch im Text und schon haben wir uns gemeinsam mit den Kretern einmal im Kreis gedreht.

Damit denkt Gstrein weiter, was er in seinem Roman 'Das Handwerk des Tötens' begonnen und in seinem Essay 'Wem gehört eine Geschichte?' fortgesetzt hat: die Arbeit an der Schnitt-Naht von Fiktion und Realität. Und wie auch schon in seinen vorangegangenen Veröffentlichungen wird der Leser mehr und mehr verunsichert, wie sehr er dem Erzähler denn überhaupt vertrauen kann. Zugleich wird das Tratschbedürfnis der E-Kultur befriedigt. Gerhart Hauptmann schrieb in seine Ausgabe von Thomas Manns 'Zauberberg', als er auf die Ähnlichkeit zwischen ihm und der Figur Peeperkorn hingewiesen wurde: „Dieses idiotische Schwein soll Ähnlichkeit mit meiner geringen Person haben?“ Natürlich würde man gerne wissen, was Unseld-Berkéwicz in ihr Buch notiert hat!

Stefan Rehm