| Buch - 30.07.2010 |
In einem Land, in dem etwa anlässlich jährlicher
Soldatengottesdienste von Kardinal Meisner Kriegsminister und militärisches
Fußvolk mit Sätzen wie „Einem gottlobenden Soldaten kann man guten Gewissens
die Verantwortung über Leben und Tod anderer übertragen, weil sie bei
ihm gleichsam von der Heiligkeit Gottes abgesegnet sind“ oder „In betenden
Händen ist die Waffe vor Missbrauch sicher“ von Verantwortung und Skrupeln
freigesprochen werden, sollte es einen nicht wundern, dass anderenorts
kirchliche Einrichtungen ebenfalls zum Büttel oder Initiator fragwürdiger
Politik werden. Aber im Detail geben die von Gregor Mayer und Bernhard Odehnal
in „Aufmarsch. Die rechte Gefahr aus Osteuropa“ aufgezeigten Entwicklungen denn
doch zu denken.
Es gebe unumstößliche Belege,
dass zumindest Teile der orthodoxen
Kirche unverhohlen faschistischem
Gedankengut ideologisch sehr
nahestehen, gar Anhaltspunkte, dass
ihre Organisationen in Wirklichkeit
„Kirchenformationen“ für Straßenaktionen
seien. Beispielsweise zeigten
Forschungsberichte von Menschenrechtsorganisationen
in Serbien, dass
beide Seiten den Genozid an Bosnien
in den 1990er Jahren leugnen, antisemitische
Persönlichkeiten verehren
und mutmaßliche Kriegsverbrecher
wie den bosnisch-serbischen General
Ratko Mladić (gilt als Hauptverantwortlicher
für das Massaker in Srebrenica
an 8.000 Menschen 1995) verteidigen.
Richtig schauderhaft wird es
bei den sich ähnelnden Agitationen
gegen ethnische Minderheiten oder
Homosexuelle – wenn es eben um das
Beschwören von „nationalen Werten“
und „Traditionen“ geht oder um Dinge,
die in ihren Augen nicht „gottgewollt“
sind. Passend dazu sei augenfällig, wie
blind die entsprechenden Regierungen
und staatlichen Polizeibehörden auf
dem „rechten Auge“ sind.
Mayer und Odehnal haben seit Jahren
die Entwicklung der rechtsextremen
Szenen in Ungarn, der Slowakei,
Tschechien, Serbien, Kroatien und
Bulgarien beobachtet. In ihrem mit
einem sehr soliden Quellenteil, interessanten
Interviews und einigen Farbfotos
angereicherten Buch porträtieren
sie somit recht profund auch viele
führende Köpfe aus jenen Ländern, die
auffallend häufig aus studentischem
Milieu kämen.
Rechtsextremismus in Ungarn
Das größte Kapitel ist Ungarn gewidmet.
Hier wird die Vernetzung in der
Gesellschaft besonders deutlich. Im
April dieses Jahres schaffte die rechtsextreme
Partei Jobbik den Einzug ins
Parlament und wurde zur drittstärksten
Kraft in der Regierung. Bereits
bei der Europawahl 2009 errang sie
auf Anhieb drei Abgeordnetensitze im
EU-Parlament. Monate davor fackelten
ihre paramilitärischen Mitglieder
Häuser in Roma-Siedlungen ab und
erschossen Menschen, die in Panik aus
ihren Heimen flohen, Erwachsene wie
Kinder. Wie der Gegenpol zu Rechtsextremen
in der ungarischen Gesellschaft
formiert ist, wird aus dem Buch
leider nicht klar. Auch zu anderen Ländern
fehlen hierzu Beispiele.
Hingegen wird veranschaulicht, wie
vielerorts, als der Ostblock zerfiel, eine
starke Rückbesinnung auf die „eigenen
Wurzeln“ greifbar wurde. Die Hinterfragung
der patriotischen Geschichtslehre
wurde und werde nicht nur von
Ultrarechten fast mit Landesverrat
gleichgesetzt. So auch in Bulgarien, das
fast 500 Jahre lang Provinz des Osmanischen
Reiches war. Eine Historikerin
dort bekam so nicht nur von Rechtsextremen
Morddrohungen, sondern auch
von der Regierung massiven Druck. An
anderer Stelle helfen Mayer und Odehnal,
wenn man die stark aufgekommene
Ustascha-Nostalgie in Kroatien
verstehen oder etwas über die rechtsextreme
„Arbeiterpartei“ in Tschechien
erfahren möchte. Allerdings überfordern
einen als nicht vollends mit allen
jeweiligen geschichtlichen Entwicklungen
Vertrauten die zahlreichen Namen
lebender oder historischer Personen.
Zusammenhänge bleiben oft schleierhaft,
ebenso welchen Stellenwert die
aktuellen Strömungen und Parteien in
der jeweiligen Gesellschaft haben. So
bleibt am Ende gar das im Untertitel
aufgeworfene Schreckensbild aus dem
Osten für ganz Europa genauso wenig
begreifbar wie die Tatsache, dass Nazis
eben auch hierzulande viel zu wenig
entgegengesetzt wird. ■
Mayer Gregor & Odehnal Bernhard: Aufmarsch: Die rechte Gefahr aus Osteuropa.
Residenz Verlag, 2010, 21,90 Euro