logo


Nie mehr ein Gewinnspiel oder einen Geheimtipp verpassen!
Lassen Sie uns Freunde werden ;-) kulturkueche.de
ab sofort auf Facebook

Advent 2009 - 15. Türchen - Geschenketest

Direkt erst einmal zu Trüffelkandidat Nummer 11?! HIER LANG!

Seitenwahl am Frühstückstisch

Eigentlich gilt Print im Internetzeitalter ja vielen als gnadenlos veraltetes Medium, aber der Trend zur so genannten Individualisierung weckt den Geschäftsgeist auch
auf diesem Gebiet: zwei Jungunternehmer starteten vor einigen Wochen "niiu": das Projekt fußt auf dem Gedanken, dass sicher recht viele Menschen aus bestimmten Zeitungen nur ein bestimmtes Lieblingsressort haben, aus einem anderen Titel ein anderes - etwa das "Bunte" der Bild, den Meinungsteil der taz und dazu noch den Politikteil des Berliner Tagesspiegel... Mal ab davon, dass man unserem kritischen Erachten nach heuchlerische und gezielt verdummende Boulevardmedien auch auf ihren vermeintlichen Aushängeseiten - den "menschelnden Themen - keineswegs unterschätzen darf, haben wir für Sie die "persönliche" Tageszeitung, für die man außer aus regionalen und überregionalen deutschsprachigen Zeitungen auch aus russischen und amerikanischen Printtiteln und aus Hunderten von Internetinhalten wählen kann, recht ausgiebig getestet.

Wenn eine neue Zeitung in vier Punkten, die da Konfiguration, Softwaretechnologie, Druck-technologie und Zustellung lauten, umreißt, wie sie entsteht, wird man spätestens nach einer viertel Minute des alzheimergleichen Grübelns - "da fehl doch irgendwas" -  darauf kommen: die Redaktion! Doch das ist, wie Sie ja ggf. unserem Textvorspann respektive der von niiu selbst erstellten Grafik hier links entnehmen konnten, genau das Konzept: das Projekt lädt Sie ein, Ihr eigener Chefredakteur zu sein, sich aus den derzeit kooperierenden Printtiteln Berliner Morgenpost, Tagesspiegel, B.Z. (Berlin), Abendzeitung München, Ham-burger Abendblatt, Nord West Zeitung, Mittel-deutsche Zeitung (regional); Handelsblatt, Frankfurter Rundschau, Neues Deutschland (national) und der hierzulande als häufigst zitiertes Medium - Gute Nacht, Deutschland! - geltenden BILD sowie der New York Times, RBC Daily (international). International Herald Tribune, The Washington Times und - ja! die gibt es auch noch im Jahr 2009 -, Komsomolskaya Prawda schön übersichtlich nach klassischen Ressorts unterteilt Stoff für immerhin 20 Innenseiten Ihrer auch individuell betitelbaren Morgenlektüre zusammenzubauen. Das kann dann Ausgaben mit reinen Titelseiten oder bloßer Kulturberichterstattungssammlung ergeben - oder Sie kriegen beispielsweise auch eine Zeitung auf den Tisch, die Ihnen ab Seite zwei nach Ihren Wünschen das Geschehen des Vortages zusammenfasst: erst mal Sport zum Wachwerden - unglaublich, das Glück ist mit den Dummen, der FC Bayern hat doch tatsächlich bei Juve gewonnen - dann vielleicht Vermischtes gefolgt von Lokalnews und erst dann Politik? Neben den vier genannten Ressorts können Sie auch aus den Rubriken Titelseite, Seite 2&3, Meinung, Wirtschaft und Feuilleton nach Herzenslust verschiedene Blätter bestimmen aus denen Sie jeweils lesen möchten, teilweise können Sie - was sich beim Thema Titelseite natürlich erübrigt - auch bestimmen, wie viele Seiten einer bestimmten Sparte aus einem bestimmten Blatt Sie lesen möchten. Um es zu unterstreichen: Übernommen wird jeweils die komplette Originalseite inklusive Werbung.

Die Einstellungen im Niiu-Kundenmenu erfolgen übrigens recht intuitiv, die Software wirkt zwar schlicht, und anfangs übersieht man vielleicht jenen Editierpunkt für die Wahl des Umfangs eines Zeitungsteils, aber wenn man sich wenigstens zwei, drei Minuten Zeit nimmt, bevor man sämtliche Auswahlmöglich-keiten ausprobiert, ist vieles selbsterklärend. Vor allem, wenn Sie einen groben Fehler gemacht haben und etwa ein böses Erwachen haben, dass Ihre individuelle Zeitung morgen gleich drei Seiten Kultur aus dem "ND" liefert und Sie doch lieber nur eine hätten: bis 14 Uhr haben Sie täglich - bei Bedarf oder auch bei purer Langeweile auch wirklich immer wieder - die Möglichkeit auch schon für den nächsten Tag eine neue, leicht oder vollkommen modifizierte Auswahl zusammenzustellen. Bei einer klassischen Tageszei-tung muss man sich mit dem Themen-Mix begnügen, den die jeweilige Blattpolitik ausgibt, genau damit macht Niiu tatsächlich Schluss - sowohl die gewünschte Auswahl, die gewünschte Sortierung und Gewichtung als auch eine völlige Neukonzeptionierung hat bis zum Testende reibungslos geklappt.

Die Erscheinungsweise ist derzeit auf Montag bis Samstag beschränkt, für eine richtig bunt gemischte Sonntagsausgabe gibt es auch sowieso zu wenig Auswahl am hiesigen Blätterwald; Niiu wird derzeit nur (!) für Berlin angeboten, weitere Großstädte zu beliefern sei in Vorbereitung, langfristig steht natürlich ein deutschlandweites Angebot auf der Wunschliste der beiden Berliner Jungunternehmer (23 und 27 Jahre); wenn man diversen Internetdiskussionen und vor allem auch "Verlagsangaben" Glauben schenkt, klappt es in der Hauptstadt im Großen und Ganzen mittlerweile recht gut mit der Zustellung bis 8 Uhr morgens. Da unser Büro seinen Standort vor ein paar Jahren aus dem dicken B. Richtung beschaulichere, aber u.a. wettermäßig leichter auszuhaltende fränkische Gefilde verlegt hat, kamen wir nur über einen kleinen Umweg in den "Genuss" Niiu testen zu können: die hinter dem Projekt stehende InterTi GmbH hatte uns versprochen, zehn Tage "händisch" die ersatzweise an eine Berliner Privatadresse gelieferte Zeitungen am jeweiligen Erscheinungstag mit der Deutschen Bundespost nachzusenden. dass letztlich gleich zwei Sendungen mutmaßlich auf diesem Weg verloren gegangen sind, wollen wir dem Start-Up nicht ernstlich vorwerfen. Dass hingegen irgendwann im Testzeitraum statt "unserer" einzigartigen Niiu-Tagesausgabe eine fremdbestimmte Zusammenstellung eintrudelte, machte indes keinen allzu guten Eindruck, auch wenn die Macher in Berlin sich bereits vor Eintreffen jenes Altpapiers entschuldigten ("aus technischen Gründen" hätte an jenem Montag unser Blatt "nicht gedruckt werden" können). Richtig schlimm aber sieht es bei Niiu zumindest zur Zeit noch mit der Vorder- und der Rückseite aus. Hierfür werden generell keine Seiten aus bekannten Tageszeitungen eingebunden, sondern der Nutzer hat die Vorauswahl aus diversen RSS-Feeds, Webblogs, Internetforen oder Webangeboten wie kicker.de, presseportal.de oder netzpolitik.de. Und vermeintlich kann man hier nun noch eine ganze Menge personalisieren. Etwa spezielle Suchbegriffe auswählen, zu denen dann auf jenen beiden Seiten Meldungen stehen, ein eigenes Foto einbauen und natürlich abermals die Reihenfolge der WWW-Medienauswahl bestimmen, die für die tägliche Zeitungsproduktion eine Rolle spielen sollen. Zu drei - wir haben den Direktvergleich unter anderem mit "Google News"-Abo  gemacht - in jenen Testtagen in diversen Medien sehr präsenten Worten, nämlich Bamberg, Nürnberg (der von Manager Bader vor allem sportlich heruntergewirtschaftete 1.FCN und das unvermeidliche Christkind lassen grüßen) und Kaukasus (Olympia 2014, Russland-Georgien-Thematik...) war bei uns nur einmal etwas zu lesen. Und das dann dafür gleich über zwei Spalten in doppelter Ausfertigung.

Dass sich Artikel auf diesen Außenseiten bei Niiu wiederholen können, hatte bereits vor Wochen ein vermeintlicher Medienexperte bei der scheidenden Netzeitung bemängelt. Wobei wir eine solche Kritik aus einem "Blatt", das im Grunde wie Niiu seit sehr langer Zeit übermäßig auf Fremdleistungen - aka bloße Agenturmeldungen - baut (die dann aber - das die einzig auffallende Eigenleistung neben einigen ganz wenigen originären Geschichten -, oft stümperhaft redigiert wurden und das vor ziemlich genau neun Jahren 2000 hoffnungsvoll gestartete Internetzeitungsprojekt so wirklich nicht mehr als eigenstän-diges Medium erscheinen ließen; allen nun im von Lesern im Aufmacher vergossenen Krokodilstränen zum Trotz) und vor allem selber sowohl vor diesem irgendwie ziemlich überheblichen Abwatschen der Niiu-Macher als auch danach regelmäßig mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatte (vgl. Sie bitte ggf. dieses exemplarische PDF, namentlich die Meldung "Überraschend weniger Arbeitslose im November" Seite 2 unten links und Seite 3 vorletzter Teaser unten links) nur mehr lächerlich finden. Zumal Matthias Breitinger auf eine Anfrage von kulturkueche.de genau diese Probleme im eigenen Haus gar explizit von sich wegschob: da die Netzeitung (noch) "von Menschen" "erstellt und gesteuert" werde und das NZ-eigene "Content- Management-System "schon technisch" ausschlösse, dass "derselbe Artikel" "doppelt auf der Startseite auftauchen" könne... wir haben sehr gelacht und schmunzeln seit Montag auch sehr darüber, dass sich die Kollegen seit Tagen im Streik befinden und ihre Leser darüber bestenfalls implizit informieren.

Aber zurück zu Niiu - dieses Projekt hat nämlich tatsächlich viele weitere Schwächen. Allen voran das Preis/Leistungsverhältnis. Schön, dass es ermäßigte Kosten für Schüler, Zivis, Azubis und Studenten gibt - womit wohl auch die Hauptzielgruppe definiert sein dürfte - aber weder 1,20 Euro, geschweige denn die regulären 1,80 Euro sind derzeit angemessen. Die Haptik einer richtigen Zeitung ist zwar ansatzwei-se da, aber dass man sich in Berlin anscheinend nicht einmal Gedanken machte, die unterschiedlichen Zeitungsformate für die personalisiertes Best-of der Tagespresse vernünftig auf das eigene Format (etwas größer als ein Tabloid) umzusetzen, ohne dass der Leser bei manchen Titeln zur Lupe greifen muss, ist ernüchternd. Ebenso die bereits angesprochenen Personalisierungsmöglichkeiten - da wird man etwa eingeladen, die besagten beiden Außenseiten außer mit zum Beispiel einem lokalen Wetterbericht, einem Horoskop, einem Sudoku auch mit einem eigenen Foto aufzuwerten - was einem dann, bis man es löscht oder gegen ein anderes Bild austauscht, täglich grüßt - doch das steht dann auch ziemlich verloren da, für eine kleine Beschriftung gibt es keinerlei Möglichkeiten. Oder noch ätzender, alle unsere Testausgaben hatten stets das gleiche, große Aufmacherfoto, eine Eigenwerbung, bedeutungsschwang-er thronend im Hintergrund das Brandenburger Tor. Aber gerade die Titelseite soll doch verlocken sich mit dem Ding fortan dauerhaft zu beschäftigen, oder liebe Niiu-Verantwortliche? Und da es denn auch mit den Webmeldungen von vorne bis hinten nur so etwas wie Kraut und Rüben zu entdecken gibt, ist da leider so gar nichts außer dem individuell beschrifteten Zeitungskopf, was auch nur ansatzweise Spaß macht. Dass mittels einer guten Drucker- und Softwaretechnik die diversen Zeitungsseiten analog der Wunschzusammenstellungen aneinandergepappt werden, betrachten wir als noch keinen großen Wurf. Seltsam fanden wir auch, dass die letzten beiden Innenseiten, die mit ganzseitigen Anzeigen auf die man selber keinen - die Werbetreibenden dagegen sehr wohl (entpersonalisiert können sie stadtteilbe-zogen oder je nach Alter und Geschlecht sortiert ausgewählte Leserschichten ansprechen - und nur diese)  - Einfluss hat, mal "weiß" blieben. Hier hätten ja wenigstens Eigenanzeigen stehen können.

Positiv aber, dass man sich anders als bei klassischen Printabos nicht über Gebühr und schon gleich gar nicht voreilig binden muss, neben einem derzeit dreitägigen Gratisprobeabo für quasi alle Berliner, kann man hübsch gestaffelt (und auch hübsch betitelt) unterschiedlich lange in Vorleistung gehen, denn bezahlt wird vor Erhalt per Paypal, Kreditkarte oder Lastschrift.

FAZIT: Selbst in einer Startup-Phase ist es unseres Erachtens unverzeihlich, gerade auch schon auf der Titelseite derart viele Ungereimtheiten zu bieten, beginnend beim tagelang gleichen und ohnedies belanglosen Aufmacherfoto oder dem nicht betitel-baren Individualfoto, das man relativ frei auf der Vorder- oder Rückseite platzieren kann. Dazu der Preis und das nicht durchdachte Mischen verschiedener Originalformate - die Idee der personalisierten Zeitung ist sehr interessant, die Umsetzung im Moment aber noch ziemlich mit Macken behaftet, die wir leider nicht nur unter den üblichen, verzeihbaren Kinderkrankheiten subsumieren würden. Jetzt wo die diversen Verlagshäuser als Partner gefunden sind, sollte bei der sicher nötigen Suche nach zahlenden Werbekun-den, die die zielgruppengenaue Ansprachemöglichkeiten zu schätzen wissen sollten, zügigst etwas für die dringendst notwendige Attraktivitätssteigerung gerade der ersten und letzten Seite geschehen und insgesamt noch eine ganze Menge an Feintuning. 

zurück zum bzw. weiter mit  Trüffelkandidat Nummer 11 - einfach auf den LINK klicken ;-)

Red.

Legende der Punktwertungen:

= schlichtweg herausragend

= empfehlenswert

= interessant

= zwiespältig

= ziemlich mau

= grausam