| Neu im Kino - 17.12.2009 |
"Brand upon the brain" heißt der traumartige, schwarz-weiß Film des kanadischen Regisseurs Guy Maddin, der nach seiner Aufführung auf der Berlinale 2007 in der Nebensektion Forum fast schon in der Versenkung verschwunden wäre: Als erwachsener Mann kehrt darin ein gewisser Guy zurück zu jener Insel, wo er seine Kindheit verbracht hat. Wie zu erwarten wird er von der Vergangenheit eingeholt. Nun kommt die Mischung aus expressionistischem Detektiv- und Horrorfilm endlich bundesweit ins Kino.
Guy Maddin aus einer der
kältesten Städte der Welt, dem kanadischen Winnipeg, gilt als Autodidakt - bereits
mit seinem Debütfilm „The Dead Father" (1986) sorgte er für besondere cineastische Freuden. Sein
Markenzeichen - eine Vorliebe
für Stil und Ästhetik alter Stumm- und früher Tonfilme - scheint auch in jeder
Faser seines 2006 gedrehten "Brand up the brain" durch, der ein Jahr
danach im Rahmen der Berlinale-Nebensektion Forum mit der Live-Begleitung eines
Orchesters, Geräuschemachern, einem Sänger und Isabella Rossellini als
Sprecherin in der Deutschen Oper aufgeführt wurde. Nun hat es der auf Super8
gedrehte Stummfilm endlich auch als regulärer Filmstart in die deutschen Kinos geschafft und betört und irritiert
die Zuschauer mit formal betrachtet antiquiertem Handwerk - doch wer auch nur
ein wenig Interesse an wirklichen Arthouseproduktionen hegt wird bei dieser
Verneigung vor legendären
Filmpionieren mit Schwarz-Weiß-Bildern, kolorierten Sequenzen sowie
"gewagten" Montagetechniken bestimmt nicht enttäuscht nach Hause gehen.
Nach über dreißig Jahren kehrt der erwachsene Guy (Erik Steffen Maahs) zu der kleinen Insel
zurück, wo er seine Kindheit verbracht
hat. Er folgt dem Ruf seiner Mutter (Gretchen Krich), die sich vor ihrem Tod
per Brief von ihm gewünscht hat, dass der Leuchtturm, das einzige Gebäude
dieser unwirklichen Gegend, weiß angestrichen wird.
Dieser Bau diente Guy (Sullivan Brown als Kind) und seiner älteren
Schwester Sis (Maya Lawson) als Zuhause, und er war gleichzeitig auch ein
Waisenheim, geführt von der tyrannischen Mutter, sowie dem Vater, einem
zweifelhaften Wissenschaftler, der im Keller Tag und Nacht experimentierte.
Während der Zurückgekehrte die Innen-Wände mit Farbe zu
übertünchen sucht, wird er von teils heftigen, verdrängten Erinnerungen
eingeholt, die Geister der Vergangenheit geben ihm fortan keine Ruhe mehr: Die Mutter, die
die Insel mit Hilfe eines Aerophons und den Scheinwerfern des Leuchtturms kontrolliert; Sis, deren erwachende
Sexualität, ihr ständiger Kampf mit der Mutter; gar ihr Zombieartiges Verhalten nach jedem
"Besuch"
des Vaters in dessen Kellerlabor; das Detektivmädchen Wendy (Katherine E. Scharhon),
in das sich Guy verliebt und die sich wiederum um das Herz von Sis zu gewinnen,
irgendwann als
ihr eigener Bruder ausgibt; die merkwürdigen Kopfverletzungen der Kinder, zu deren
Ursachenforschung die jugendliche Detektivin von besorgen
Adoptiveltern auf die Insel geschickt worden war; ein ominöses Verjüngungselixier, mit dessen
Hilfe sich die egomanische Mutter zu einem Baby verwandeln will... Das Ganze
war schon damals
"Too much for Guy".
In elf Kapiteln erzählt Regisseur Maddin mit wunderschöner
Stummfilmästhetik, die aber dann aufgrund zahlreicher moderner Kniffe niemals
altbacken wirkt - bewusste formale Brüche, viele Seitenhiebe und auch
ironische, gar zynische Zutaten in der Geschichte selbst -, die bizarre Geschichte der
großen und kleinen Inselbewohner und ihrer Besucher. Als erzählerischer Rahmen
dient dem Kanadier der dauernde Kampf zwischen der Mutter und ihren Kindern sowie die Qualen der ersten Liebe. Maddins
Darsteller agieren in der extrem ausgeschmückten Geschichte allesamt sehr
ausdrucksstark, die Musik verstärkt die Wucht der Bilder nochmals. Isabella Rossellini,
die bereits in Maddins Filmkunstwerk „The Saddest Music in the World"
mitspielte, fungiert als Erzählerin, die statt, wie früher bei Stummfilmen
üblich, die Handlung zu erklären, die Stimmung des Publikums einfängt und sich
von den Emotionen treiben lässt. "Brand up the brain" ist ein Filmjuwel,
das besonders wahre Cineasten schätzen werden.
Red.