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Musik - 13.12.2009

Am Ende: vorwiegend grüblerisch und düster

Neben Igor Strawinski und Sergei Prokofjew gilt Dmitri Shostakovich als bedeutendster Komponist Russlands im 20. Jahrhundert. Im Laufe von fünf Jahrzehnten schrieb er 15 Sinfonien, Streichquartette und Instrumentalkonzerte, die zu den Hauptwerken des zeitgenössischen Kammermusikrepertoires gehören. Außerdem verfasste Shostakovich Musik für Oper, Ballett und Theater, komponierte aber auch Soundtracks für rund 40 Filme der Sowjetzeit, zwischen 1930 und 1970. Schlicht „Shostacovich Filmmusic“ heißt eine 3-teilige CD-Edition von Warner Classics, intoniert vom Belgischen Radio Symphonieorchester unter der Leitung Jozé Serebrier.  

1923 tritt der Film ins Leben von Dmitri Shostakovich, bzw. in das von Mitja, wie der schmächtige kränkelnde 16jährige Student des Petersburger Konservatoriums gern genannt wird. Er verdient etwas Geld als Klavierspieler in Stummfilmkinos, um seine Familie nach dem Tod des Vaters inmitten der wirtschaftlich und politisch unsicheren, nachrevolutionären Zeit zu unterstützen. Die Improvisationen machen ihm anfangs Spaß, hindern ihn aber an seiner Entwicklung als Komponist. Und so hört er alsbald auf, schreibt bereits mit 19 seine erste Sinfonie, die ihn auch schlagartig weit über die russischen Grenzen hinaus bekannt macht. 1928 kommen die Regisseure Grigori Kosinzev und Leonid Trauberg auf ihn zu und bitten ihn, die Begleitmusik für „Das neue Babylon“ - eine traurige Geschichte aus der Zeit der Pariser Commune - zu schreiben. Das Urteil der staatlichen Zensoren über den "Soundtrack" ist vernichtend, Shostakovichs mutmaßlich zu experimentelle Klänge werden mit schlagerartiger Musik ersetzt - die beiden Regisseure werden aber zu wichtigen Partnern im weiteren Karriereverlauf, es entstehen insgesamt elf gemeinsame Filme. Fortan ist Shostakovichs Filmmusik immer wieder mit politischen Ereignissen verflochten.

In „Goldene Berge“, einem Film aus dem Jahr 1931 von Sergei Jutkewitsch geht es um das Thema Industrialisierung: Bauer Pjotr kommt 1914 nach St. Petersburg, um dort in einer Fabrik zu arbeiten. Er will Geld ansammeln, um sich ein Pferd für seinen Hof zu leisten. Die Fabrikdirektoren wollen ihn zum Streikbrecher bestechen; im letzten Augenblick erkennt er seinen Irrtum und wechselt zu seinen Kameraden. Die Fabrikpfeifen von Petersburg bis Baku rufen die Proletarier zum Kampf auf. Ein - typisch für diese Zeit - recht propagandistischer Film, mit allerdings eben eindrucksvoller Musik: Shostakovich begleitet unter anderem mit der „Fuge“, einem neubarocken Konzert für Orgel und Orchester, eine Sequenz, die von den Ölfeldern in Baku zu den von ihnen gespeisten Fabriken in Petersburg wechselt.

Der Komponist bekam immer mehr Aufträge Filmmusiken zu schreiben. Doch fiel das in die Zeit, als gegen ihn die erste Kampagne Stalins lief. Dem bekanntlich wenig zimperlichen "Väterchen Russlands" missfiel Shostakovichs Oper „Lady Macbeth“. Der Künstler wurde als Volksfeind bezeichnet, und verbrachte somit Monate in ständiger Angst, verhaftet zu werden. Seine Einnahmen sanken, und er konnte nur mit Musiken für recht schlechte Produktionen überleben.

In den 1940er Jahren kommen viele Filmbiografien ins Kino – es sind Geschichten von Revolutionären oder liberalen Russen, die eine entscheidende Rolle in der Bildung des sowjetischen Staates gespielt hatten. Ein solcher Film war „Pirogov“ über den Chirurgen Nikolaj Pirogov, der im 19. Jahrhundert lebte und wirkte, und als einer der Pioniere der Anatomie und der Feldchirurgie gilt. Fanfaren und Märsche des militärischen Milieus kontrastiert Shostakovich hier in den Gesellschaftsszenen mit volkstümlicher Tanzmusik.

Während des zweiten Weltkrieges diente Shostakovich Stalin dann als großes Propagandainstrument gegen den Westen: Der Komponist wurde als freiwilliger Feuerwehrmann im belagerten Leningrad inszeniert, die 1941 geschaffene 7. Sinfonie in C-Dur gilt als sein bekanntestes Werk. Die Uraufführung in der von Hunger geplagten Stadt wurde von allen sowjetischen Rundfunksendern übertragen. Schostakowitsch erhielt den Stalinpreis. Das nützte ihm aber wenig, kurz nach dem Krieg fiel er wieder in der Gunst der Machthaber – diesmal wurde ihm „Formalismus“ vorgeworfen. Und so lieferte er alsbald Musik zu Welt- und Bürgerkriegsfilmen wie "Der Fall von Berlin" (1949) von Michail Tschiaureli, einem Stalin sehr ergebenen Regisseur, der hier einen unglaublich kitschigen Film vorlegte, wie Stalins "Genie" die Welt vor dem Nationalsozialismus rettete.

1953 starb Stalin, und Schostakowitsch veröffentlichte seine 10. Sinfonie in e-Moll, was Musikexperten als künstlerische Abrechnung mit dem Diktator bewerten. 1960 hielt sich der Komponist einige Tage in Dresden auf, um seine Arbeiten zur Musik von "Fünf Tage - Fünf Nächte" zu beenden. Der Eindruck der teilweise immer noch zerstörten Stadt und die schrecklichen Berichte von dem verheerenden Bombenangriff im Februar 1945 veranlassten ihn innerhalb von drei Tagen diese zutiefst tragisch klingende Musik mit der Widmung "Dem Gedächtnis der Opfer des Faschismus und Krieges" niederzuschreiben. Parallel zu dieser Filmmusik arbeitete er an seiner 8. Symphonie für Streichquartett.

Im gleichen Jahr wurde Dmitri Shostakovisch als Kandidat in die Kommunistische Partei der Sowjetunion aufgenommen. Nach und nach errang er wieder mehr Anerkennung, begünstigt vor allem durch zahllose Aufführungen und Auszeichnungen im Ausland: Unter anderem erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universität Oxford. Der Sowjetunion gegenüber verhielt er sich loyal und war lange Zeit als Sekretär des Komponistenverbandes der UdSSR tätig.

Die Tonsprache der späten Filmmusiken – etwa zu „Hamlet“, 1964, und „König Lear“, 1970 – erscheint vorwiegend grüblerisch und düster, auch breit angelegte melodische Themen wirken stark atmosphärisch. „König Lear“ war übrigens das letzte gemeinsame Projekt mit seinem altem Freund Grigorij Kosinzewwart - der Regisseur stirbt drei, der Komponist fünf Jahre später. Die Musik fokussiert verstärkt auf die Einsamkeit der Titelfigur. Eindrucksvoll klingt die „Stimme der Wahrheit“ in den Hörnern über den Streicherharmonien. Der Film kulminiert in der Soloklarinette in Es, der Pfeife des Narren, die einsam ein führungsloses Land beschreibt, das sich anschickt, in eine Zeit der Ungewissheit und des Unfriedens einzutreten - eine Anspielung auf den Stillstand während der korrupten Breschnew-Ära.  

(Red.)

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