| Kulturtrüffel 2009 - 6. Kandidat |
Schier unbeschreiblich ist die Vehemenz, mit der sich die erst 18 Jahre junge Anja Plaschg - besser bekannt als Soap&Skin - in ihre Kompositionen wirft, sich bis aufs Letzte von ihnen verzehren lässt. Dabei sind die 13 tief melancholischen Stücke ihres Albums "Lovetune For Vacuum" aus Piano, klackernder Elektronik und dieser mal hauchenden, mal heulenden, aber immer unbeschreiblichen Stimme von so einer rasenden Schönheit und Anmut, dass man daran zerschellen möchte.
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Alles zerfällt, es gibt keinen Kitsch mehr, kein Pathos, keine
jugendliche Todessehnsucht, sondern alles wird in der Musik von Soap&Skin
ein- und aufgelöst. Wer Soap&Skin jemals live gesehen hat und erlebt, ja,
erlitten hat, wie diese zierliche, wild entschlossene Person sich mit
fiebrigem Blick ihrer Musik und dem Publikum ausliefert, mit halb erstickter
Stimme flüsternd, um dann mit zurückgeworfenem Kopf zu heulen wie ein
verletzter Wolf, umgeben von einer vibrierenden Totenstille aus Ehrfurcht,
hat das Gefühl, einen historischen Moment miterlebt zu haben. Es gibt kein
Zurück mehr für jemanden wie Anja Plaschg, und fast möchte man sie da
rausnehmen, weil das, was sie macht, in seinen Dimensionen so unermesslich
ist wie ein Eisberg, dessen tatsächliche Ausmaße man nicht einmal erahnen
kann. Aber gleichzeitig ist so deutlich, dass sie, auch wenn man das
Gequatsche von geborenen Künstlerinnen und Genies nicht ertragen kann, nicht
drum rum kommt, sich immer weiter zu exponieren – sie muss.
They say I'm different – schon in ihrer Kindheit und Jugend im kleinen
südsteirischen Dorf Gnas, in dem die Eltern einen Schweinemastbetrieb
betreiben, eckt Plaschg als gefühlter Fremdling mit punkig zerrissenen
Klamotten und nihilistischer Attitüde an. Die zunächst verhassten
Klavierstunden, werden mit dem Eintritt ins Teen Age auf einmal Lebenselixier
– Anja übt bis zu zwölf Stunden am Tag und lernt zusätzlich Geige. Der ältere
Bruder installiert ihr ein Soundprogramm am Computer, das sie sich in
Eigenregie aneignet und zum Produzieren nutzt. Das künstlerische Gymnasium
jedoch, das sie in der nächst größeren Stadt Graz besucht, lähmt sie mit
seinen Alltags-Lehrinhalten derart, dass sie beschließt, sich an der Wiener
Akademie der Bildenden Künste zu bewerben. Zwei Professoren wollen die
16-Jährige haben, nach 3 Semestern beim antikonventionellen Maler Daniel
Richter, bricht sie auch diese - erkannt als unzureichende Zwischenlösung –
ab und wendet sich schließlich ganz der Musik zu. Erste Stücke lädt sie 2005
auf ihrer My-Space-Seite hoch und verschickt sie an verschiedene Labels. Das
Berliner Elektronik-Label Shitkatapult reagiert und veröffentlicht 2006 auf
einem Mini-Compilation ihren Track „Mr. Gaunt PT 1000“ als
Überraschungs-Outro.
Das erste Album von Soap&Skin verfolgt konsequent die von den bereits veröffentlichten Stücken vorgegebene Linie von Dramatik, Zerrissenheit und Melancholie. Die Wucht dieses Debüts liegt in seiner Paradoxalität: es ist ein Werk von unheimlicher Reife, das ohne seine jugendliche Ungezügeltheit und Getriebenheit nicht existieren könnte. Plaschg wirkt hier nicht wie ein Teenager der 00er Jahre, sondern wie eine durch die schroffen Spukwelten der viktorianischen Brontë-Sisters geisternde, rebellisch-schwermütige Heldin, die viel zu viel an Weltwissen auf ihrem schmalen Rücken buckelt. Auch wenn Parallelen zu Songwriterinnen wie Cat Power oder Scout Niblett, die in ähnlich gemarterter Weise zu Piano singen und von ihren Fans mit vergleichbarer Ehrfurcht empfangen werden, musikalisch näher liegen, lässt das sturmumtoste, grandiose Aufbrausen von Soap&Skins Kompositionen eher an die ebenso gespenstische Welt einer Kate Bush denken. Auch die debütierte bereits mit 16. Kate Bushs erster Erfolg war die musikalische Ode an die abgründige Gothic Love Story „Wuthering Heights“, verfasst von der Emily Brontë, als deren Romanprotagonistin man sich Anja Plaschg, die wiederum mit ihrer Vorliebe für Techno und Maschinen so gar nichts Gestriges hat, so gut vorstellen kann.
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