| Buch – 25.02.2008 |
In wenigen Tagen (18. März) feiert Charlotte Roche ihren 30. Geburtstag. Bei 3Sat wird die einst durch die Kultsendung „Fast Forward“ bekannt gewordene, in England geborene Moderatorin mit „Charlotte Roche unter...“ auch bald auf die Mattscheibe zurückkehren. Zunächst stehen jedoch „Feuchtgebiete“, so der Titel ihres ersten Romans im Blickpunkt.
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Neben zahlreichen deutschen Alternative-Acts sprach Charlotte Roche in ihrer
Zeit beim deutschen Musikfernsehen in einer stets erfrischenden Art und Weise
unter anderem mit Robert Smith von The Cure, Thom Yorke von Radiohead, Justin
Timberlake, Marilyn Manson, James Hetfield und Kirk Hammett von Metallica,
Eminem, Prince und Liam Gallagher von Oasis. Zu Robbie Williams meinte sie gar
einmal, nachdem dieser verkündete nur seine eigene Musik zu hören, dass das so
wäre, als ob er sein eigenes Sperma trinke. Aber auch indem sie
Schwulenfeindlichkeit im deutschen HipHop thematisierte, oder über ihre eigenen
Käsefüße sprach, war der Weg zum Grimme-Preis vorgezeichnet.
Ruhig wurde es um die 29-jährige auch nicht, als Viva das Ende der wenig an
Werbekunden orientierten Sendung verkündete. 2005 tourte Roche zusammen mit
Christoph Maria Herbst, und bei einigen Terminen auch alternativ mit Heinz
Strunk, mit einer urkomischen Lesung aus einer Dissertation von Theimuras
Michael Alschibaja aus dem Jahre 1978. Das Thema: „Penisverletzungen bei
Masturbation mit Staubsaugern“. Ein Jahr später kam sie mit ihrer ersten
Hauptrolle ins Kino, Michael Hofmanns sinnliche Tragikomödie „Eden“ drehte sich
um einen dicken Starkoch, ein behindertes Mädchen, Stierhoden, Eifersucht,
Geschmacksorgasmen und dörfliche Bande. Roche selbst war in dem Film kaum wieder
zu erkennen, spielte einen passiven Charakter mit biederer Kleidung.
Ansonsten wirkte die Mutter einer inzwischen 3-jährigen Tochter in den
vergangenen Jahren bei der Produktion einiger Hörbücher mit, moderierte bei ARTE
vier vom ZDF produzierte Folgen des Musikmagazins „Tracks“, legte mit Bela B.
Felsenheimer („Die Ärzte“) ein Duett („1. 2. 3. ...“) über eine Begegnung im
Swingerclub hin und verschreckte bei der Berlinale 2007 Kulturstaatsminister
Bernd Neumann, so dass dieser für dieses Jahr auf eine Neubesetzung gedrungen
haben soll.
Im Sommer erhält die Frau, die sich als Fan von Schalke 04 bezeichnet, vom "Neon'-Magazin
bereits vor Jahren in die Top Ten der wichtigsten jungen Deutschen gewählt und
von Harald Schmidt als „Queen of German Pop Television“ tituliert wurde, bei
3sat endlich wieder eine eigene TV-Sendung: In „Charlotte Roche unter...“
begleitet die Frau, die gegenüber der taz einst erzählte, wie sie sich als
junges Mädchen Blut abgezapft und damit rote Bilder gemalt hat („Ich hab sie
verschenkt, aber niemand hat sich gefreut.“),
Menschen in „ausgefallenen Berufen“. Das Team wählt die Person aus, Roche geht
nahezu unvorbereitet hin: „Man kann mir dabei zugucken, wie ich meine Vorurteile
abbaue“, so die nicht erst seit einer peinlichen Geschichte nach dem tragischen
Unfalltod dreier ihrer Brüder erklärte BILD-Gegnerin (2006 trug sie als Gast bei
Harald Schmidt ein Kleid mit einer Aufschrift der URL des kritischen Watchblogs
BILDblog) über das Format, in dessen erster Folge sie auf einen Jäger trifft.
In ihrem ersten Roman, den sie am 02.04. ab 20 Uhr auch im Hirsch in Nürnberg
präsentiert, geht es in gewisser Weise auch recht naturverbunden zu.
„Feuchtgebiete“ erzählt die Geschichte der 18-jährigen Helen, die sich während
eines Krankenhausaufenthalts allerlei Gedanken über ihren Körper macht. Das Buch
ist ebenso provokant (spricht etwa von „erfolgreichem Analverkehr“ oder „der
Sache mit dem Muschischleim“) wie unterhaltsam, hebt sich in jeder Hinsicht von
allen „Promi“-Büchern der letzten zehn Jahre ab, auch von jenen, die ebenfalls
formal nicht als autobiographisch oder Sachbuch gelten sollten.
Auf den ersten rund 20 Seiten könnte man zwar den Eindruck gewinnen, dass die
Autorin - ihre Protagonistin liegt nach einer missglückten Intimrasur als
„Arschpatientin“ im Krankenhaus - eine Art Pornoroman abliefern wollte. Wenn man
sich aber auf die Selbstgespräche der Patientin, die diese aus purer Langeweile
respektive deshalb führt, um sich vor den postoperativen Schmerzen, aber auch
von unverarbeiteten Geschichten aus dem Elternhaus abzulenken (als junges
Mädchen kam sie nach Hause, die Mutter lag mit dem jüngeren Bruder ohnmächtig
vor dem ausströmenden Gasherd - beide wurden gerettet, das Thema aber
totgeschwiegen - wie überhaupt in der Familie wenig geredet wird und wenn, dann
über abstraktes oder unbedeutendes), einlässt, erkennt man wohl recht schnell,
dass Roche zwar bewusst provoziert in dem sie angefangen von einem unorthodoxen
Umgang mit Körperausscheidungen bis hin zu Bordellbesuchen von Frauen bei Frauen
über manch ein „heikles“ Thema schreibt, aber letztlich eine klare Botschaft
hat, die man wohl auch als authentischen Antrieb „deuten“ kann.
Helen erscheint nämlich tatsächlich wie der „Waschzettel“ des Dumont-Verlages
versprach, als absoluter Gegenentwurf zu der sterilen Ästhetik der
Frauenzeitschriften. Mehr noch, der Roman ist gerade wegen seiner expliziten
Darstellung von Sexualität und der so offenkundigen Zerrissenheit der
Protagonistin unterm Strich ein wirkungsvollerer Wegweiser für heranwachsende
Frauen (die gerne wirklich selbstbestimmt leben wollen oder zumindest ihren
Platz und Sinn in der Gesellschaft suchen) als man in einer formal so
aufgeklärten Zeit wie der unseren bisher überhaupt Bedarf an dieser Gattung Buch
ahnen wollte.
Dabei gibt der Titel natürlich überhaupt keine allgemeingültigen Antworten, ist
vielmehr schlichtweg herrlich beiläufig mit subjektiven Lebensentwürfen gespickt
- allein der im wahrsten Wortsinn schmerzhafte und selbstlose aber eben völlig
naive Versuch Helens ihre schon eine halbe Ewigkeit getrennt lebenden und längst
wieder neu liierten Eltern durch eine Verlängerung ihres eigenen
Krankenhausaufenthalts wieder zusammenzubringen - oder die Erfindung eines neuen
schmackhaften Studentenfutters, für dass sie sich mehr als eine Träne abringen
muss - im Grunde ist hier alles gar nicht so lustig und skurril wie es auf dem
ersten Blick scheint, etwa in den Szenen mit dem mal mehr mal minder
aufmerksamen Krankenhauspersonal, dem rassistischen Gemüsehändler, bei dem Helen
jobben musste, um sich eine Sterilisation leisten zu können oder den
geschilderten Auswüchsen keimfreier Leute, denen Helen etwa durch die
systematischen Verbreitung eigener Bakterien begegnet.
Zurück ins wahre Leben: Im vergangenen Jahr tauchte bei der Internetplattform
Youtube durch Nutzerin „turboconnie“ (gleich alt wie Roche, vielleicht sie
selbst?) auch ein offenkundiger Pilot für eine bisher allerdings nie
ausgestrahlte TV-Show „Wahrheit oder Pflicht“ mit verschiedenen Prominenten und
Roche selbst als Gastgeberin auf. Darin „müssen“ Kim Fischer über ihre
Intimrasur und Roger Willemsen über ein Anal-Sex-Erlebnis erzählen und Ferris MC
warum er kifft. Am Ende gehen die Unterhosen von Willemsen und der Sängerin der
herrlichen Band „Mia“ (Mietze) in Flammen auf. Wer ihr Buch gelesen und diese
Shows gesehen hat, wird hoffen, dass Charlotte Roche auch bei 3Sat halbwegs sie
selbst sein darf.
Oliver Renn