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Buch - 09.02.2010

Die Misantropie bleibt hängen

Lange war Paulus Hochgatterer das, was man einen Geheimtipp nennt. Doch der Erfolg seines 2006 erschienen Romans "Die Süße des Lebens" ließ hoffen, dass sich das bald ändert. 2008 erschien die englische Übersetzung, 2007 erhielt er den Deutschen Krimi-Preis, 2009 als erster Autor überhaupt den Literaturpreis der Europäischen Union. Nach den eigenständigen Romanen "Wildwasser", "Caretta, Caretta" und "Über Raben" scheint mit der "Süße des Lebens" eine Reihe begonnen zu haben, denn die neue Veröffentlichung "Das Matrazenhaus" nimmt einen Teil des Personals aus dem Vorgängerroman wieder auf. Man trifft den laut denkenden Psychiater Horn wieder, den orientierungslosen Kommissar Kovacs, und auch den schizophrenen Pater Bauer, der zur Beruhigung über seinen iPod his Bobness Bob Dylan hört.

Vorneweg einige Warnungen. Erstens: Sie werden diesen Roman nicht wie einen anderen Krimi einfach weglegen. Die Misantropie bleibt hängen, färbt ab und fesselt durch eine Mischung aus Faszination und Abscheu. Was nicht bedeutet, dass das Lesen keinen Freude macht, im Gegenteil. Zweitens: Es handelt sich um keinen Kriminalroman im herkömmlichen Sinne, beinahe ist man versucht, das Genre in Anfüh-rungszeichen zu setzen. Wie in der "Süße des Lebens" ist nach zwei Dritteln des Textes alles offen, es gibt einen Mord, der möglicherweise gar keiner ist und drei Kinder, die geschlagen wurden, die aber nicht darüber sprechen wollen. Keine Vermutungen, keine Verdächtigen. Als Ersatz wird das abscheuliche Panorama einer österreichischen Kleinstadt aufgespannt. Drittens: Sie werden das Buch überhaupt erst weglegen, wenn Sie es fertig gelesen haben.

Die Romanwelt erinnert an ein Gemälde von Hieronymus Bosch oder einen Stich von Pieter Breughel d.Ä.; sie ist bevölkert von Irren und von dämonischen Figuren. Es ist eine Komödie der Wahnsinnigen, verzerrt ins Hässliche und doch schimmert von Zeit zu Zeit ein liebevoller Blick durch. Alle Figuren kämpfen mit ihrem Alltag und mit ihren Problemen. Der Psychiater Horn ist mit seinem Klinikalltag wie mit seinem pubertierenden Sohn Tobias überfordert. Der kranken Familienkatze steht der Selbstmord-versuch eines Jugendlichen gegenüber, dessen Mutter für diese Tat nur ein Lachen aufbringt. Eine Grundschullehrerin, die heimlich mit Pater Bauer liiert ist, wird schubweise von ihrer Vergangenheit eingeholt. Und dann kommen auch noch die Kinder nach einer kurzen Abwesenheit mit blauen Flecken zurück ins Klassenzimmer, eines sogar mit einem gebrochenen Schlüsselbein. Aus ihnen ist nur heraus-zubekommen, dass ihnen eine schwarze Glocke das angetan hätte. Das ist alles und der Druck der Eltern lässt die polizeilichen Ermittlungen träge anlaufen. Der Kommissar und seine Kolleginnen und Kollegen recherchieren in diesem Fall ohne Ergebnis, ebenso wie bei einem mysteriösen Sturz von einem Bauge-rüst. Und dann kommt auch noch Kovacs' Tochter zu Besuch, die sonst bei ihrer Mutter lebt. Außerdem ist da noch die Perspektive jenes Kindes, das namenlos bleibt, das immer auf Fluchtwege sinnt und mit der kleinen Schwester deren Benutzung übt. Nur dass die gesamte Welt eine Bedrohung darstellt und überall Fluchtwege gebraucht werden. Die Beschreibung der Figuren und ihrer Umwelt ist vielleicht ein Teil jenes liebevollen Blicks, der das Andere, das Hässliche der Welt erträglich macht.

Kurzum: "Das Matrazenhaus" ist ein grandioses Buch. Es ist schwer zu sagen, was genau die Faszination ausmacht, denn es ist nicht das Aufgeilen am eigenen Überleben wie bei einem Snuff-Video. Es ist nicht die Lust am fremden Elend. Es ist vielmehr so, dass der zerstörenden Macht des Lebens die poetische Macht der Literatur entgegengesetzt wird. Nicht dass so die Romanwelt beschönigt wird, sondern durch die weite Beschreibung wird der Zwischenraum zwischen den Dingen, zwischen den Menschen und den Gefühlen ausgemessen. Oft ist es nur eine kleine Andeutung, ein Hauch. Und in diesem Zwischenraum, durch den eben mehr beschrieben werden kann als Wörter es vermögen, bewegt sich der Text ständig. Um so spannender dass dies im Genre des Kriminalromans geschieht, das häufig so gering geschätzt wird. Nach diesem Buch sollte sich die Sache mit dem Geheimtipp hoffentlich erledigt haben.

Stefan Rehm