| Buch - 08.02.2010 |
Als im September 2008 nach dem Zusammenbruch der Bank der
Lehman Brothers die Finanzmärkte kollabierten, reagierte die Literatur
schnell. Ein neues Sujet mit neuem Personal war entdeckt: Die Finanzkrise und
ihre Banker. Der Schundroman-Autor Bodo Kirchhoff legte im Februar 2009 mit
seinen Erinnerungen an meinen Porsche vor und natürlich zog Elfriede Jelinek
mit ihren kreiselnden Wortkaskaden und ihrem Stück Die Kontrakte des Kaufmanns
nach, das im April 2009 in Köln uraufgeführt wurde. In diese
Reihe stellt sich
nun auch Kristof Magnusson.
In seinem zweiten Roman "Das war ich nicht" begibt er sich mit seiner Figur
Jasper Lüdemann, einem Trader an der Börse in Chicago, ins Zentrum der
Finanzmärkte. An dieser Stelle sieht sich die Literatur allerdings mit einem
Problem konfrontiert: Befindet sich der Literaturliebhaber bei Themen aus dem
Alltag oder der Literaturgeschichte auf seinem ureigensten Gebiet, so ist ihm
das Vokabular und die Welt in "Das war ich nicht" fremd und ungeläufig. Oder
anders formuliert: Entweder man liest den Wirtschafts-teil oder das
Feuilleton. Und so wird Jasper in den Figuren des Autors Henry LaMark und der
Übersetzerin Meike Urbanski der (vertraute) Literaturbetrieb
gegenübergestellt. Diese beiden Welten werden einer beobachteten Kollision
zugeführt, wie in Magnussons Debütroman "Zuhause" Wirklichkeit und Mythos
aufeinander prallten.
Als der Pulitzerpreisträger Henry gemeinsam mit Elton John in der Talkshow
Absolutely fabulous auftritt, kündigt Henry einen Jahrhundertroman über 9/11
an – danach ist er nicht mehr in der Lage zu schreiben. Die Recherche ist zäh,
das Schreiben unmöglich und so bricht Henry aus, flüchtet aus seiner Wohnung
in ein Hotel und geht zu einer anderen Zeit in sein Stammrestaurant, um vom
Verlag nicht mehr gefunden zu werden. Zufällig entdeckt er ein Foto eines
jungen Traders in der Zeitung – Jasper – und plötzlich weiß er: Das ist sein
neues Thema, darüber muss er schreiben. Nicht mehr über die Machtpolitik und
die kör-perliche Zerstörung von 9/11, sondern über die virtuellen
Finanzmärkte.
Meike Urbanski dagegen hat ganz andere Probleme. Sie war es, die LaMark in
Deutschland als Überset-zerin zu Bekanntheit verhalf und sich in der Hoffnung,
das würde so bleiben, in der norddeutschen Provinz ein Haus kaufte. Der Haken
an der Sache ist, dass sie den Kredit nur zurückzahlen kann, wenn bald das
neue Buch von LaMark erscheint. Doch der ist eben untergetaucht und niemand
scheint ihn zu suchen. Also verkauft Meike ein Gemälde ihres Ex-Freunds,
fliegt nach Chicago und macht sich selbst auf die Suche. Wo sie nach ihm
suchen muss, weiß sie ja aus seinen Büchern …
So treffen die drei Figuren Jasper, Henry und Meike in Chicago aufeinander und
es entspinnt sich ein Kammerspiel zwischen ihnen, es entwickeln sich Zu- und
Abneigungen, Faszinationen und Abhängigkei-ten, deren Horizont die beginnende
Krise bildet. Dies geschieht wie schon beim Vorgängerroman auf eine sehr
unterhaltsame Art und der Feuilleton-Leser könnte, von sich überrascht, long
straddle-Optionsge-schäfte plötzlich interessant, ja amüsant finden: Die
Handlung begibt sich gegenüber dem Debütroman auf eine neue Ebene; stand in
"Zuhause" noch die körperliche Versehrung des "Helden" Lárus im Vordergrund,
so ist der Zugriff in "Das war ich nicht" virtueller Art. Das paradoxe
Verhältnis zwischen der Realität der Märkte und ihrer gleichzeitigen
Virtualität sowie das Osszillieren zwischen Virtualität und Realität der
Literatur bilden das Zentrum und auch den Kitt des Romans. Damit gelingt es
Magnusson, die Trennlinie zwischen Oberfläche und Tiefendimension aufzuheben,
die Frage "Was ist dahinter?" muss ins Leere laufen und so entsteht eine
unerwartete Verknüpfung zweier scheinbar getrennter Lebenswelten.
Und so ist es nur konsequent, keine ganzheitliche Darstellung dieser Sphären und Personen, sondern nur Klischees und Typen zu verwenden, die so zu einer bittersüßen Komödie werden. Kristof Maggnussons "Das war ich nicht" ist unbedingt lesenswert und selbst wenn man den Vergleich mit dem Vorgängerro-man bemühen wollte, so könnte man nicht von einer Verbesserung oder Verschlechterung, sondern nur von einer Ergänzung sprechen.
Stefan Rehm