| Kulturtipps 01.-14. März 2010 |
Drei Termine sollten Sie in den nächsten Tagen keinesfalls versäumen: Bernd Begemann (im Morphclub), Sigi Zimmerschied - eine der bösesten Zungen Deutschlands (in der "Lounge" der immer noch nach einem Sportartikelhersteller benannten Basketballarena an der Forchheimer Straße) und der ebenfalls recht ambitionierte Andreas Rebers (in den Haassälen) treten dabei allesamt in Bamberg auf. Und auch unser Geheimtipp der ersten Märzhälfte findet in der mal Bier-, mal Dom- und ab und an auch Traumstadt der Deutschen titulierten oberfränkischen City auf sieben Hügeln statt. In Nürnberg indes geben sich Helge Schneider, Dirk Darmstädter sowie Wolf Maahn fast die Klinke in die Hand.
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Bernd Begemann und Die Befreiung. Foto: Promo |
Viele derer, die den Namen Bernd Begemann zumindest mal gehört haben, verorten ihn irgendwie mit dem Kunstbe-griff "Hamburger Schule". Als Punk im ostwestfälischen Bad Salzuflen gestartet zog er in den 80ern tatsächlich in die Hansestadt, um die Band "Die Antwort" zu gründen, mit der er auf einem schmalen Grat zwischen Pop und Schlager balancierte. 1993 startete er seine Solokarriere, gibt Konzerte alleine oder mit Band in zahllosen Hallen und Clubs der Republik. Als der "FC St. Pauli des deutschspra-chigen Liedguts" und "Deutschlands Underground-Entertainer Nummer eins" bezeichnet, komponiert und textet Begemann für Michel van Dyke, Dieter Thomas Kuhn, Heinz Hoenig, Die Prinzen, Ozeana und Anja Krabbe. Er spielt mit Tobi & das Bo, Teilen der Jeremy Days oder Marion Maerz. Trotz - zu recht - himmelhochjauchzender Kritiken bleibt er für Main-streamhörer so gut wie unbekannt, damit weiterhin fast ein Geheimtipp. Aber bei Lesern, die dem Versprechen eines Onlinemagazins "Trüffel im Einheitsbrei" zu bieten folgen, wollen wir natürlich unterstellen, dass sie zumindest einige der zumeist selbstironischen, amüsanten, sehr gut beobachteten und oft auch mit feinen Seitenhieben garnierten Geschichten kennen, etwa auch einige der Highlights aus dem Album "Glanz": "Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover", "Was macht Miss Juni im Dezember", "Judith, mach deinen Abschluss", "Ich habe mich rasiert" oder "Deutsche Hymne ohne Refrain".
Bei entsprechender Stimmung kann der Abend am 02. März im
Bamberger Morph Club ab 21.00 Uhr sicher wieder sehr sehr lang werden. Im Gepäck hat
Begemann nämlich nicht nur famose "alte" Stücke sondern auch die recht frische
und nachdrücklich lobenswerte CD "Ich erkläre diese Krise für beendet ",
die wie anders als "der deutsche Rolling Stone" ganz gewiss nicht unter dem
Klischeewort "Zuckerwattepop" subsumieren würden - aber was ist schon von
einem Printprodukt aus dem Hause Springer zu erwarten, zumal irgend-welche
dort verantwortlichen Typen arglosen Facebook-Nutzern mit peinlichsten,
offenkundig systematischen Spamaktionen auf die Nerven gehen.
Zu weitaus Angenehmeren als mittelmäßigem Musikjournalismus:
Der ausgebildete Religionspädagoge, um den es als Zweites in dieser
handverlesenen Zusammenstellung gehen soll, gründete 1975 mit einem gewissen
Bruno Jonas die Kabarettgruppe "Die Verhohnepeopler". Schon ihr erstes Stück
sorgte für einen Skandal: In der "Himmels-konferenz" wurde ein resignierter
Gottvater von einem Himmelsfunktionär namens Erzengel Michael entmachtet.
Unser Kulturtipp bekam dafür seinerzeit die erste Anzeige wegen
Gottesläs-terung. Weitere sollten folgen. Seiner Lust an Provozieren tat es
keinerlei Abbruch. Seit 30 Jahren reibt er nun an seinem
katholischkonservativen Umfeld. 1980 hatte das kompromisslose bayerische
Urgestein bereits den Deutschen Kleinkunstpreis für Kabarett erhalten, in
diesem Jahr wurde er mit dem Friedrich-Baur-Preis ausgezeichnet - als erster
Kabarettist überhaupt. Kurzum: Seit Jahren ist der Mundartkabarettist
Sigi Zimmerschied also ein Garant für politisch anspruchsvolle
Unterhaltung In seinem vorlet-zten Programm "Diddihasi" bewies der Passauer
einmal mehr, dass er zu Recht im Ruf steht, der Einzige im Kreise zumindest
seiner bayerischen Kollegen zu sein, dessen Wut, dessen Zorn und Häme nicht
gespielt sind, sondern persönlich erlebt und durchlitten. Allein schon sein
trefflicher Vergleich, dass eine Verleihung eines Kabarettpreis durch das
Bayerische Fernsehen ungefähr so schizophren ist, als wenn ein beliebiges
Bestattungsinstitut Überlebenskünstler ehrte - köstlich!
Zeitgeister heißt das aktuelle Programm, die Bamberger Erstaufführung findet
am 03. März in der Business-Lounge der noch Jako-Arena
genannten Sport- und Konzertstätte statt - Vorabinformationen zufolge ist es eine Art Werkschau: "Irrlichternde Beamte
und fehlende Füße. Ein großer müder Gott, ein kleiner, wacher Künstler,
Richard der Dritte und Hubert der Letzte. Die geile Geli, kotzende
Holzwürmer, zersoachte Straßenecken und Zwergdellatschen.
Kürbisrosettenstecher und Fickmeister. Pampelmusenentkerner, Pizzas ohne
Artischuck, Schrumpfköpf und Semmelbatzlaung. Einarmige Gitarristen und junge
wilde Dramatiker. Dies irae und olle sanma a bißal gleich." - Kurzum: Aus der Bild-
und Textfülle von 35 Jahren collagiere Zimmerschied ein gespenstisches
Mosaik, kombiniert Texte quer durch die Jahrzehnte, die miteinander streiten,
sich widerlegen, weitertreiben, auflösen. Attacken, Nabelschauen,
Hinrichtungen und Larmoyanzen.
Wir bleiben in Bamberg, ziehen aber gedanklich weiter in die Haassäle,
wo noch ein Gnadenloser dieser Tage live und in Farbe zu erleben ist:
Andreas Rebers wartet am 13. März mit seinem aktuellen Programm "„Auf der
Flucht“" auf, in dem er von der heiligen Globalisierung zu berichten weiß,
respektive Fragen aufwirft. Etwa: "Wer kommt rein und wer fliegt raus? Was
macht die Welt mit Osama bin Laden aber ohne George Bush? Wann ist man zu
haus und wann auf der Flucht?"... Natürlich gibt es auch wieder "Sitzmärsche
für Kenner". Besser gesagt "Anti-Chansons", so hat es die SZ
mal genannt, wenn der
selbsternannte Erfinder der "Polonaise durch die Institutionen" - der sich
selbst oft mit dem Akkordeon begleitet - schwarzhumorige Geschichten über
Fliesenleger, Schlachter, jugendliche Deppen, Talibans oder die deutsche
Volksmusik zum Besten gibt.
Womit wir auch schon zu unserem "Geheimtipp" für die erste Märzhälfte kommen - und noch kurz in Bamberg verweilen: am Dienstag, 9. März, dem 16. Todestag des amerikanischen Autors Charles Bukowski wird es im Café Kunstpause (Hauptwachstraße 10) ein Wort:Laut!-Special zu eben jenem US-amerikanischen Dichter und Schriftsteller polnisch-deutscher Abstammung ((geboren: 16. August 1920 in Andernach als Heinrich Karl Bukowski) geben: der Vorsitzende der deutschen Charles Bukowski-Gesellschaft, Roni lädt um 20 Uhr zu einem lockeren Vortrag mit Lesungsauszügen, biografischen Infos, Video-Einspielungen von Bukowskis Lesungen und zahlreichen Anekdoten. Zudem wird es einen Büchertisch geben und genügend Wein und Bier ist auch vorhanden. Der Eintritt ist frei, freiwillige Spenden willkommen.
+++Wenn das Alles nichts für Sie sein sollte, oder - viel wahrscheinlicher - Sie in diesen Tagen einfach auch nur weit mehr kulturelle Genüsse live erleben wollen: genau vier Termine sind in diesen Tagen in Franken noch viel versprechend, wovon die ersten drei allesamt in Nürnberg stattfinden: am 02.03. heißt es im Club Stereo "Dirk sings Dylan" - den Hamburger Dirk Darmstaedter kennen sicher noch viele als Kopf der "Jeremy Days", seine Dylan-Interpretationen sind beim feinen Label Tapete übrigens auch bereits auf CD erschienen +++ am 05. März in der Nürnberger Meistersingerhalle ist Helge Schneider zu Gast +++ Wolf Maahn - 1984 spielte er mit seiner Band im Vorprogramm von Bob Dylan - macht Halt im Musikclub Hirsch - und zwar am 11.03. +++ Und unser letzter Tipp für Franken geht in Erlangen, namentlich im E-Werk über die Bühne: dort gibt am 12.03. Helgi Jónsson seine Visitenkarte ab. Seine Musik gilt als warm und emotional, romantisch und voller Leidenschaft, mal intim, mal überbordend exaltiert.
Und für alle, die mit uns über den fränkischen Tellerrand blicken wollen, abschließend wieder ein München Highlight: am 07.03. gastiert die grandiosen Fado-Sängerin Mariza im Kulturzentrum Gasteig. Mit im Gepäck ihr immer noch aktuelles Album "Terra" : dieses verwebt Einflüsse von Tango und Morna. Die in Mozambique geborene, in Lissabon aufgewachsene Künstlerin zeigt sich hier stilistisch tatsächlich weltoffener denn je, und ebenso richtig ist, dass sie mit ihren Liedern einmal mehr tiefe Blicke in die portugiesische Seele ermöglicht. Das garantieren allein die Dichtungen bewährter Autoren wie Paulo de Carvalho, Florbela Espance, Tiago Machado und Rui Veloso.
(Red.)
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