| Buch - 12.01.2010 |
Die beiden Protagonisten in Kathrin Gerlofs Roman "Alle
Zeit" gehen oft die gleichen Wege, treffen sich auf einer Parkbank und bringen
gegenseitig irgendetwas, das sie sich nicht erklären können in ihren Seelen
zum Klingen: Das Mädchen mit den grünen Haaren und dem dicken Babybauch und
die alte Frau mit dem Blick, der immer wieder in die Ferne schweift. Beide
spüren, dass etwas Wichtiges vor sich geht, aber das Schicksal lässt ihnen
keine Chance. Als es darauf ankommt, verpassen sie sich.
Juli ist einsam, sehr einsam. Der Vater des Kindes weiß nichts von seinem
Glück, was unter anderem daran liegt, dass sie selbst nicht so genau weiß, wer
es ist. Ihre Mutter Elisa ist gemeinsam mit ihrer Großmutter Henriette bei
einem Ausflug in die Vergangenheit ums Leben gekommen und das junge Ding, das
eben noch auf Trebe war um dem Schicksal zu entfliehen, steht jetzt vor der
schweren Aufgabe, mit einem Baby klarzukommen. Doch auch wenn sie von außen
Hilfe bekommt, die Leere in ihrer Seele bleibt und wächst sich immer mehr zu
dem Wunsch aus, Verwandte zu finden, Familie zu haben. Klara, Hauptperson
Nummer zwei, ist alt, sehr alt. Und so langsam aber sicher nimmt die Demenz
einen immer größeren Raum in ihrem Leben ein, das sie einsam wie Juli auch,
ohne Verwandte und Freunde in einem Altersheim verbringt. Dass das neugeborene
Mädchen Klaras Ur-Ur-Enkelin ist, werden beide wohl nie erfahren...
Kathrin Gerlof ist eine Autorin, die es versteht, die leisen, die ganz leisen
Töne zu treffen. Nur scheinbar neutral nähert sie sich ihren Protagonisten und
deren Lebensläufen, verknüpft und deckt auf, versteckt und kaschiert immer da,
wo es notwendig ist. Zart die Liebesbande zwischen der ‚Russenhure‘ Klara und
dem alten Juden Aaron, romantisch und alles andere als abstoßend die
Beschreibung deren erster und letzter Liebesnacht, grausam die seelischen
Enthüllungen von Henriette und traurig schön die Beziehung, die Julis Hebamme
und deren Mann zu dem ‚Kind‘ aufbauen. ‚Alle Zeit‘ ist einer jener Romane, die
noch nachhallen, lange nachdem man den letzten Satz gelesen hat. Die berühren
und verwirren. Mit ihrer ganz besonderen Sprache gelingt es der Autorin,
Gedanken in der Luft hängen zu lassen, dem Leser die Option zu geben, selbst
etwas zu Ende zu führen, was vielleicht nie dafür gedacht war. Man kann kaum
umhin, bereits während des Lesens darüber nachzugrübeln, ob es nicht
vielleicht etwas gibt, das man längst hätte tun, das man längst hätte sagen
sollen. Bevor es zu spät ist.
Simone Blaß