| Buch - 21.01.2010 |
Thomas Gsella hat für seine Offenbacher Anthologie scheinbar Lyrik aus aller Welt zusammen- getragen; "Von der Natur des Menschen" aus Japan erzählt über die Herausforderungen des Lebens für Groß und Klein; Sven Hillenkamps "Das Ende der Liebe" macht sich beispielsweise Gedanken über das Thema "Vernunftehe"; Bernhard Kegel erklärt die Epigenetik; Dian Hanson schwelgt mit der handlich verpackten "Private Collection 1970-79" in erotisierender Nostalgie; und Vladimir Sarokins "Der Tag des Opritschniks" gibt es auch als Hörbuch.
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"Bei keiner anderen Lyrikerin der kanadischen Arktis findet Melancholie als Nachweh kopernikanischer Entzauberung so scheinbar leichten wie just darum unerträglich traurigen Ausdruck wie bei der elffachen Mutter Ayak Kimaugruk." Iris Radisch steht unter der Interpretation des folgenden "Gedichts" mit dem Titel Nikolaus: "Tralala / Tralala / Dingeldong und / Upsassa / Tralala / Tralala / Bald ist Nikolaus’ / Abend da". Ein weiters Beispiel der Offenbacher Anthologie stamme von Thomas Mann mit dem Titel "Carla, ich und Heinrich": "Die Schwester fein, der Bruder stolz / und ich in ihrer Mitten / so wie der Stuhl von anderm Holz / ein Knab’ von andern Sitten. / Zur Linken lächelt Carla Schier / von Argwohl unbenommen. / In meiner Quere wird sie mir / nicht können und nicht kommen. / Dem Arsch zur Rechten gönne ich / noch manche hohe Hürde. / Denn fiele er, gewönne ich / an Größe wie an Würde." Wenn der Leser jetzt stutzt, so ist er dem Mann hinter der Anthologie Warte nur, balde dichtest du auch! (Ullstein Tb) wohl schon auf den Leim gegangen. Der Dichter und Satiriker Thomas Gsella, der seit Jahren die Titanic mitgestaltet hat, präsentiert hier eine witzige Sammlung von beriwtzigen Reimen, gepaart mit Interpretationen von angeblich solch illustren Namen wie Botho Strauß, Roger Willemsen, Dieter Hildebrandt, Hans Magnus Enzensberger oder Urs Widmer und Heinz Strunk; dazu gibt es viele bunte Fotos wohl aus dem Titanic-Archiv. Für Leser des Satiremagazins sollten diese herrlichen Rezensionen über teils wirklich sinnfreie "Dichtung" von frei erfundenen Lyrikern, die den Schreibstil des Betreffenden perfekt imitieren, bereits bekannt sein. In jedem Fall ist es eine durchweg gelungene Unterhaltung zum Thema Lyrik und Parodie, die im Untertitel übrigens vermerkt "nicht herausgegeben von Marcel Reich-Ranitzki".
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Sven Hillekamps Das Ende der Liebe: Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit (Klett-Cotta) ist eigentlich ein Sachbuch, allerdings mit einer sehr poetischen bildhaften Sprache. Es beschreibt wie die Welt der unbegrenzten Möglichkeiten die Liebe sterben lässt. Da der Mensch in seinen eigenen Entscheidungen mehr oder minder komplett frei ist – natürlich ausgehend vom westlichen Gesellschaftsmodell –, steht er vor dem Dilemma, dass die Freiheit zugleich Zwang geworden ist. Während früher Partnersuche zu Partnerschaften führte, sei sie heute der wichtigste Trennungsgrund, schreibt Hillekamps, man sei ständig auf der Suche nach Liebe und die unbestimmte Sehnsucht oder die Angst, sich nicht verwirklichen zu können, treibt einen immer wieder fort. Die Partnervermittlung ist zu einer Industrie geworden, die eine schier unbegrenzte Wahl an potentiellen Sex- und Liebespartnern offeriert. Die Liebe ist auf einem historischern Hoch angelangt, und genau dann verschwinde sie, so der Autor, der Politik, Soziologie, Geschichte, Philosophie und Islam-wissenschaft studierte. Sein letztes Kapitel ist "Die Rückkehr der Vernunftehe" überschrieben, was aber nicht heißen soll, dass er Verfechtern konservativer Ehe-Formen Wasser auf die Mühle gibt. Ein solches Zusammensein hat nichts mit reinem Versorgtsein zu tun, es geht auch um Fürsorge, Unterstützung, Emotionen, Sex und natürlich auch um Liebe, aber eben ohne den ständigen Drang, auf der Suche zu sein. In dieser Ehe sei man akzeptiert, wie man ist: mit all seinen Stärken und Schwächen. Das Buch ermöglicht einen spannenden Blick auf die heutige Gesellschaft zu werfen. Die Lektüre ist allerdings nicht ganz einfach, weil die Gedankengänge des Verfassers oft ungeordnet erscheinen, was daran liegen mag, das es sich formal um ein Sachbuch handelt, die Abhandlung aber literarisch erfolgt.
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Angekündigt war dieser Graphic Novel Comic aus Japan unter dem Namen "Die kaukasische Ulme", betitelt ist er nun jedoch als Von der Natur des Menschen. Die acht Kurzgeschichten von Ryuichiro Utsumi - für die Zeichnungen des im Carlsen Verlag erschienenen Werks ist Jiro Taniguchi verantwortlich drehen sich um die mit unterschiedlichsten Proble-men verbundenen Lebenssituationen: Eine Schwester erwartet den Besuch ihres Bruders, den sie lange nicht gesehen hat und keine vernünftige Beziehung mit ihm hat, weil sich ihre Elter bereits in jungen Jahren haben scheiden lassen; Ein älterer Mann entdeckt in einer fremden Stadt, dass eine Ausstellung seiner Tochter stattfindet, die ihn nicht einmal mehr erkennt, als er dort auftaucht, weil er als Ehemann und Vater versagt hat; Eine Mutter schiebt die kleine Tochter zu ihren Eltern ab, weil sie gerade eine neue Beziehung hat; Eine junge Französin heiratet einen Japaner, und als er recht früh stirbt, wird sie von seiner Mutter komplett ignoriert; Und eine alte Frau ist zu Besuch bei ihrem Sohn, lernt bei ihren Spaziergängen einen Mann kennen und ist hin und her gerissen zwischen der neu erwachten Liebe und der "Verpflichtung" ihrem Alter gegenüber... Während die ersten Seiten im Buch farbig gestaltet sind, sind die restlichen Zeichnungen, die aber gleichfalls sehr einfühlsame Geschichten rüberbringen, nur in schwarz-weiß gehalten. Wäre inhaltlich nicht überdeutlich zu oft ein moralischer Zeigefinger zu spüren, wäre die Lektüre insgesamt angenehmer.
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1990 wurde das Human Genome Project ins Leben gerufen. Alle hofften, ganz bald durch die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts Diabetes, Multiple Sklerose, Parkinson oder Alzheimer heilen zu können. Heute weiß man längst, dass das Genom viel rätselhafter ist als damals angenommen. Bei diesen Forschungen ist die zweite Ebene jenseits der Gene in den Fokus der Wissenschaft gerückt – Epigenetik. Sie erforscht die Strukturen, die jede einzelne Zelle unverwechselbar machen. Sie bildet eine Schnittstelle zwischen Genen, Umwelt und Psyche. In seinem schlicht Epigenetik betitelten Buch schildert der Biologe und Wissenschaftsautor Bernhard Kegel, dass nicht nur Gene vererbt werden, sondern auch lebenswichtige Information, ob die Zelle diese benutzen soll oder nicht. Es liest sich fast wie eine fantastische Geschichte, wenn Kegel Beispiele bringt, wie die Umwelt Lebewesen in ihren Körperbau hinein beeinflussen kann: Seien es die Fellfarbe einer Siamkatze, die Muster auf den Flügeln von Schmetterlingen, geschlechtliche Ausrichtung von Schildkröten, oder dass je nach Nahrungslage aus genetisch identischen Eiern eines Bienenstockes Arbeiterinnen oder Königinnen schlüpfen. Kegels Geschichte beginnt mit einem kleinen schwedischen Dorf Överkalix und dessen Chronik, die fast alles für die vergangenen 200 Jahre festhielt. Statistische Auswertungen zeigten einen Zusammenhang zwischen der Ernährung der Großelterngeneration und der Lebenserwartung der Enkel. Wenn sich die Hinweise, die der Autor zusammenträgt, bestätigen sollten, so bekommt die klassische Vererbungslehre Erklärungsschwierigleiten. Für seine Leser die erstmals in die diese Thematik abtauchen, bietet der Autor einen leicht verständlichen Einstig, mit zahlreichen sehr bildhaften Beispielen - ohne sein Buch aber mit Abbildungen zu überfrachten, die kann man an seinen Fingern aufzählen. Die erfolgreiche Therapie für noch unheilbar geltende Krankheiten steht nach Kegel nicht unmittelbar bevor. Er fordert eine erweiterte Evolutionstheorie, die der vielfältigen epigenetischen Kommunikation zwischen Individuum und Umwelt stärker Rechnung trägt, allerdings hieße das nicht, Charles Darwin und seine Theorie zu missachten.
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Darstellungen von Geschlechtsverkehr und Geschlechtsorganen reichen bis in vorantike Zeiten zurück, überall auf der Welt war so etwas verbreitet. Während der Renaissance und auch später im 18. Jahrhundert waren Kupferstiche mit eindeutigen Inhalten wohl nahezu an der Tagesordnung. Und vom Anfang der Fotografie im 19. Jhd. an waren gleich pornografische Motive dabei. Dabei fand ihre Legalisierung in Deutschland erst nach dem Zweiten Weltkrieg statt. Bis zum Jahr 1965 frönte man der Lust am Betrachten einschlägiger Aufnahmen mit körnigen "Herrenfilmen", mit französischen Postkarten, dem seltenen kubanischen "Volksbuch" oder mit Polaroid-Aufnahmen, die man selbst geschossen hatte. Das Ganze änderte sich als Berth Milton aus Stockholm die anfangs eher kleine Zeitschrift "Private" gründete, was dazu führte, dass das schwedische Parlament sich entschied, sexuell explizites Material als Ausdruck der freien Meinungsäußerung zu verhandeln. Diese Bestimmung führte zur Abschaffung der Obszönitätsgesetze in weiten Teilen Nordeuropas. Und so zeigten lächelnde schwedische Models ungehemmt alles, was sie zu bieten hatten, und sorgten dafür, dass Schweden zum Synonym für das vermeintlich liberalste Land der Welt wurde, zu einem Sex-Paradies für Männer. Der Gründer und Verleger Milton war der einzige Fotograf bei Private und führte das Magazin in den 70er Jahren in die Hardcore-Liga. Private Collection 1970-79 (Taschen) heißt eine nun erschienene formal ebenso edel wie handlich gestaltete Sammlung von Dian Hanson, mit fünf kleinen Büchlein in einem recht hübschen Schuber das einschlägige Fotostrecken und dazu gehörige, teils unfreiwillig komische "Geschichten" auf Deutsch, Englisch und Französisch wiedergibt. Eine Geschenk-Edition für diejenigen, die sich vielleicht schweren Herzens von alten zerschlissenen "Heften" ihrer Jugend trennen mussten.
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Mitte des 16. Jahrhunderts: In Russland herrscht der erste gekrönte Zar Iwan der Schreckliche. Reiche Bojaren sind ihm ein Dorn im Auge, denn sie sind faktisch unabhängig von ihm, unterhalten Privatarmeen und sprechen Recht. So beginnt der Jähzornige den Staat zu seinen Gunsten umzugestalten, indem er große Teile der fruchtbarsten und reichsten Regionen des Landes, Bojareneigentum, durch Enteignung in Staatseigentum ("Opritschnina") überführt, das ihm direkt unterstand. Der Begriff steht auch allgemein für Terrorherrschaft und die Truppe der Opritschniki - Leibwächter, Spitzel, Häscher und Henker in einem –, seiner eigens geschaffenen Ein-greiftruppe, durch ihre Grausamkeit gefürchtet im ganzen Land. Die berittenen "Opritschniki" waren in schwarzen Umhängen, ähnlich wie Mönchskutten gekleidet, trugen als Zeichen für Reinigung einen Besen und einen Hundekopf, der Unterwürfigkeit und Wachsamkeit symbolisieren sollte.
Der Tag des Opritschniks heißt eine Hörbuch-Box mit sechs CDs (Lübbe Audio), gelesen von Stefan Kaminski (u .a. die Stimme von Marvi Hämmer auf KIKA). Der Romanautor Vladimir Sarokin beschreibt Russland im Jahr 2027: Das Land hat sich vom Westen abgeschottet, lebt allein vom Gas- und Ölexport, pflegt Handelskontakte nur noch mit China und wird vom "Gossudar", einem absoluten Alleinherrscher regiert, der seine Macht mit Hilfe solcher "auserwählten" Opritschniki ausübt: einer allmächtigen Leib-garde, die vor keiner Bestialität zurückschreckt und das Land von Oppositionellen, westlichen Kleidern und Lebensmitteln, Intellektuellen sowie säkularer Kultur säubert. In roten Limousinen mit Hundeköpfen an den Stoßstangen und Besen am Kofferraum sind sie in Moskau unterwegs. Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive eines hochrangigen Opritschnik erzählt. Er beschreibt einen Tag vom Aufstehen mit Morgentoilette über Beten, die Hinrichtung eines in Ungnade gefallenen Oligarchen, der Vergewaltigung seiner Frau von der ganzen Truppe, Plünderungen, Auspeitschung von Intellektuellen, einen Besuch bei der liebestollen Gossudarin sowie eine dekadente Drogenorgie. Heftig, brutal, mit teils erschreckenden Parallelen zu Russlands realer Politik heutzutage. Der Theaterschauspieler Kaminski jongliert mit seiner Stimme, schlüpft in viele verschiedene Rollen und macht die Geschichte über den grausamen Trip von Russland zurück in die Vergangenheit zu einem absolut ungetrübten Hörerlebnis.
Red.
Legende der Punktwertungen:
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schlichtweg herausragend
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= zwiespältig
= ziemlich mau
= grausam