logo

Buch - 10.01.2010

Schlaflos in Chicago

Auf der Reise zur Hochzeit seiner Tochter, die er seit einer halben Ewigkeit nicht gesehen hat, sitzt Benjamin Ford auf einem Flughafen fest, weil American Airlines alle weiteren Flüge wetterbedingt gestrichen hat. Was der Übersetzer aus dem Polnischen darauf als Beschwerdebrief an die Fluggesellschaft beginnt, wird zu einer Geschichte über sein eigenes verkorkstes Leben: "Dear American Airlines" von Jonathan Miles ist zwar nicht brandneu im Buchhandel, passt aber gerade nicht nur aufgrund des Wetters.

Seit 20 Jahren hat Benjamin Ford seine Tochter Stella, die genauso heißt wie seine Ex, nicht gesehen. Nun heiratet sie eine andere Frau und hat ihren Vater zur Feier eingeladen. Um einiges in der Beziehung zu ihr wieder gut zu machen, bucht Ford einen Flug von New York nach Los Angeles mit planmäßigem Zwischenstopp in Chicago O'Hara Flughafen. Doch nun sitzt er hier bereits seit Stunden, wie andere Passagiere auch, raucht seine letzten Zigaretten und ärgert sich maßlos. Ein Unwetter gibt der Airport als Grund für die unvorhersehbar lange Reiseunterbrechung an. In der Stadt sind alle Hotels ausgebucht, im Flughafen selbst wird um jeden bequemen Sitzplatz gestritten und gefeilscht. So beginnt Ford also einen  Beschwerdebrief, adressiert an "Sehr geehrte American Airlines". Zuvörderst verlangt er eine Entschädi-gung in Höhe von 329,68 Dollar. Allerdings wird sein Schreiben von Minute zu Minute immer länger, ein Gedanke folgt dem anderen und bald bannt Ford sein ganzes verkorkstes Leben auf Papier. Als Sohn einer Frau, die an Schizophrenie leidet, und eines längst verstorbenen Mannes, der befreit aus einem KZ in die USA kam und dort weil sein schwer auszusprechender Name seiner Frau nicht gefiel, diesen in das Amerikanischste, was er kannte - Ford -, änderte (ohne zu wissen, wie antisemitisch die besagte Familie eigentlich war), entwickelte Benjamin aus seiner Neigung zur Literatur seinen heutigen Beruf des Über-setzters. Tochter Stella war eher ein Unfall, seine Freundin ließ ihn bald daraufhin sitzen, auch wegen der Sauferei, und ab dann stürzte er wirklich ab.

"Dear American Airlines" ist der erste Roman des amerikanischen Journalisten Jonathan Miles - in Ich-Form beschreibt der Erzähler seine Lebenswege, die er mit Schimpftiraden über Airlines würzt, die seine Chance der Wiedergutmachung bei seiner Tochter zunichte zu machen droht. Insgesamt werden es dann aber 250 Seiten, auf denen Ford sein Leben reflektiert, auch seine Fehler, die er begangen hat. Mit dem Schreiben verraucht die Wut etwas, es wird melancholisch, streckenweise traurig, garniert mit leisem Humor. Was wäre das Leben aber, wenn es keine weitere Chance parat hielte... Was dann unterm Strich bleibt, ist eine nette Geschichte, die mehr Sticheleien und Respektlosigkeit verspricht, als sie tatsächlich hält.

(Red.)