| Neu im Kino - 14.01.2010 |
In seinem Film "Ein Sommer in New York - The Visitor" beschreibt Tom McCarthy, wie das Schicksal vier Menschen zusammenbringt und wieder auseinander reißt. In "Süt" portraitiert der türkische Regisseur Semih Kaplanoglu einen jungen Mann, der hin und her gerissen ist auf der Suche nach seinem Weg im Leben; und in "Jagdzeit" begleitet Angela Graas ein Greenpeace-Schiff, das japanische Wallfänger stören will.
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Walter Vale (Richard Jenkins) gilt als ein allgemein anerkannter Wirtschaftsprofessor, der aber seit dem Tod seiner Frau, einer Klavierlehrerin, die Lust auf's Leben verloren hat. Er ist nurmehr in sich gekehrt, hat auch kein Ohr für menschliche Probleme seiner Stundenten, verschleißt einen Klavierlehrer nach dem anderen, weil er trotz mangelnden Talents versucht das Instrument spielen zu lernen, um so vielleicht den Abschied von seiner Frau leichter zu verarbeiten. Nun soll er für einen Vortrag nach New York, erst als man ihm mit beruflichen Konsequenzen droht, fährt er nach anfänglicher strikter Weigerung widerwillig hin. Dabei besitzt Walter dort sogar eine Wohnung, die seit Jahren leer steht. Zumindest glaubt er das. Als er aufsperrt, findet der in die Jahre gekommene Professor eine Frau in seiner Badewanne vor und gleich darauf wird er von deren Mann als vermeintlich böswilliger Eindringling angegriffen. Das Missverständnis ist bald ausgeräumt: Das junge Pärchen - Tarek (Haaz Sleiman) aus Syrien und Zainab (Danai Gurira) aus dem Senegal – wurden von einem Immobilienbetrüger übers Ohr gehauen. Da sie keinen anderen Platz zum Wohnen haben gestattet Walter ihnen erst einmal hier zu bleiben.
Während Zainab ziemlich zurückhaltend
ist, entwickelt sich zwischen den beiden Männern rasch eine richtige
Freundschaft. Tarek kann gut trommeln und bringt es dem Professor bei, der für
sich so neue Rhythmen entdeckt und sich endlich mal richtig gehen lässt. Doch
mitten in diese kleinen Alltagsfreuden hinein wird Tarek bei einer
Fahrscheinkontrolle in der U-Bahn verhaftet - obgleich er sich hier nichts zu
Schulden kommen ließ - und landet in Abschiebehaft, weil er sich illegal in den
USA aufhält, was er aber tatsächlich auch nicht ahnen konnte: seine Mutter
hatte ihm die endgültige Ablehnung des Asylantrags schlichtweg verschwiegen.
Zusammen mit jener verwitweten Frau versucht der Professor in der Folge Tareks
Schicksal abzuwenden - ein Kampf gegen bürokratische Windmühlen beginnt.
Ein Sommer in New York - The Visitor ist der zweite Spielfilm von
Schauspieler Tom McCarthy, der mit "The Station Agent" sein Regiedebüt gab. Es
ist einerseits eine Geschichte über einen Menschen, der die verloren geglaubte
Lebenslust wiederentdeckt, und andererseits ein Film über Leute, die widrigen
Umständen in ihren Heimatländern entflohen sind und statt Unterstützung zu
bekommen wie Kriminelle behandelt werden. Der Umgang mit Menschen in seiner
Heimat seit 9/11 und insbesondere mit illegal ohne Papiere Eingereisten, sei
der Grund gewesen für diese Geschichte, so der Regisseur: "Vor allem ging es
mir darum, mich mit der Situation der Immigranten zu befassen und ihnen ein
menschliches Gesicht zu verleihen. Manchmal können wir nicht mehr tun, als uns
an unsere eigene Menschlichkeit zu erinnern. Es hilft gegen das Vergessen, wenn
wir uns mit diesen Themen befassen." So ist der Film auch ein Plädoyer für
Menschlichkeit geworden, und zwar eines, das nicht nur Gutmenschen gefallen
dürfte, sondern auch weniger politisch ambitionierten Cineasten eine Menge zu
bieten hat. Nicht zuletzt Dank dem durchweg überzeugenden Darstellerensemble,
angeführt von Richard Jenkins ("Burn after Reading", "Verrückt nach Mary" oder
"Six Feet under"), der für seine Rolle als Walter Vale eine Oscar-Nominierung
als Bester Hauptdarsteller erhielt. Mit einer Mischung aus leisem Humor,
Melancholie, Wut und Hilflosigkeit beschreibt McCarthy das kaltblütige und
menschenunwürdige System der Abschiebung und die scheinbar unausweichliche
Abschiednahme von lieb gewonnen Menschen.
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Es gab Zeiten, da war der Tran eines
Wals ein wichtiger und begehrter Grundstoff für besonders hell brennende
Kerzen. Aus ihm stellte man außerdem Seifen, Salben, Suppen, Farben, Gelatine
oder Speisefette (z. B. Margarine), Schuh- und Lederpflegemittel sowie
Nitroglycerin her. Längst ist man bei der Produktion fast all dieser Güter
nicht mehr auf den Walfang angewiesen. Abgesehen vom Fleisch, welches Inuiten
das Überleben ermöglichte, gab es schon lange keinen Grund für das Schlachten
dieser Meeresriesen. Dass der Walfang nach dem Zweiten Weltkrieg in
japanischen Gewässern seinen Höhepunkt erreichte, als Fleisch zur Versorgung
der Not leidenden Bevölkerung gebraucht wurde, ist das eine - aber Japan
klammert noch heute (das Land steht da allerdings nicht allein: auch Island
und Norwegen jagen offiziell) an dieser Tradition fest. Im Konventionstext
zur Regulierung des Walfangs der 1946 gegründeten Internationalen
Walfangkommis-sion steht eine Klausel, die den Walfang zu wissenschaftlichen
Zwecken gestattet und die auch die Vermarktung des dabei anfallenden
Fleisches erlaubt. Auf dieser Klausel beruft sich Japan, deklariert seinen
Walfang als wissenschaftlich notwenig und wildert in den zu Schutzgebieten
für Wale erklärten antarktischen Gewässern. Der japanische Außenminister
Katsuya Okada sagte noch im vergangenen Dezember, dass sein Land seine
Politik überdenken werde, sollten die Walbestände bedroht sein; der-zeit sei
dies aber nicht nötig. Die Umweltaktivisten von Greenpeace gehen aber
natürlich nicht ohne Grund von ganz anderen Realitäten aus. Im vergangenen
Jahrhundert wurden demnach von internatio-nalen Walfangflotten mit
Dampfschiffen über zwei Millionen Großwale getötet. So seien von den etwa
250.000 Blauwalen, die einst in den südlichen Meeren lebten, heute
wahrscheinlich nicht mehr als etwa 1000 übrig. Die meisten Großwale stehen
auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten. Da alle
Ermahnungen der Internationalen Walfangkommission gegen Japans Walfänger
bisher vergeblich geblieben sind, versucht Greenpeace mit teils waghalsigen
Aktionen diese Jagd zu verhindern.
Regisseurin Angela Graas nun dokumentiert in ihrem Film Jagdzeit wie
das Schiff Esperanza im Winter 2007/2008 mit 37 Umweltaktivisten aus der
ganzen Welt - darunter Deutschland, Kanada, Holland, USA, Schweden,
Brasilien, Japan und Türkei - Kurs ins Südpolarmeer nimmt, um dort eine
japanische Flotte aufzuspüren. In der Antarktis finden Zwerg-, Pott-, Finn-
und Buckelwale sehr gute Lebensbedingungen vor, so dass sie sich eine dicke
Fettschicht anfressen können, bevor sie wieder auf Wanderung gehen. 1000 Wale
wollen Japanische Fänger dort erlegen. Die Crew-Mitglieder der Esperanza
planen mit ihren Schlauchbooten zwischen Jäger und Gejagte zu gehen, um
Harpunenschüsse zu verhindern. Natürlich eine alles andere als ungefährliche
Aktion. Aber nicht nur über solche Erfahrungen eines Aktivisten berichtet der
Film - Umweltschützer auf dem Schiff reden hier auch über ihre Träume,
Ideale, wofür sie kämpfen; und neben besagtem Risiko auch darüber, dass ihre
Arbeit letztlich auch ihre Beziehungen aufs Spiel stellt. Nicht selten sind
Gedanken zu hören, ob dieser Kampf nicht sowieso aussichtslos sei. Besonders
als die Esperanza, nachdem es zwei japanische Schiffe zwei Wochen lang vom
Walfang abgehalten hat, das Gewässer wegen Brennstoffmangel verlassen muss.
Die Frustration bei den Crew-Mitgliedern ist groß; in E-Mails, die sie
bekommen, müssen sie sich überdies Vorwürfen stellen, PR für sich zu
betreiben, statt wirklich etwas zu bewirken. Angela Graas konzentriert sich
fast ausschließlich auf die Greenpeace-Position, der sie nur einige Bilder
entgegenstellt, in denen die japanische Flotte vor dem Aufstechen ins Meer
gesegnet und bei einer Abschiedsfeier am Hafen gezeigt wird. Immerhin: Die
Doku heroisiert die Portraitierten nicht und liefert so insgesamt einen
ebenso ungeschönten wie auch interessanten Einblick in die Arbeit der
Walschützer und Umweltaktivisten.
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Es wird nicht viel gesprochen in dem türkischen
Film Süt (was ins Deutsche übersetzt Milch heißt). Mit langen
Kameraeinstel-lungen auf seine Hauptdarsteller, mit Landschaftsbildern und
ruhigem Erzähltempo beschreibt Semih Kaplanoglu die Suche eines jungen Mannes
nach seinem Weg im Leben. Yusuf (Melih Selçuk) ist Anfang 20 und lebt bei
seiner verwitweten Mutter Zehra (Basak Köklükaya, "Zimt & Koriander" von Tassos
Boulmetis, 2003) am Rande einer anatolischen Kleinstadt. Sie haben eine kleine
Viehwirtschaft und verkaufen Milchprodukte auf dem lokalen Markt. Das bringt
jedoch immer weniger, denn durch die zunehmende Industrialisierung brechen alte
Strukturen weg, jeder Groschen muss sprichwörtlich zweimal umgedreht werden,
und so ist die Mutter nicht sehr glücklich, dass Yusuf einen Teil des
spärlichen Einkommens in Bücher, Stifte oder Notizblöcke investiert. Der
introvertierte junge Mann schreibt nämlich Gedichte, die in seiner Umgebung
außer bei einem gleichgesinnten Freund, der seinen Lebensunterhalt in den Minen
verdient, keinen so recht interessieren geschweige denn begeistern. Vor allem
eben Zehra ist Yusufs Verträumtheit ein Dorn im Auge. Ihr wäre es lieb, wenn
ihr Sohn einer geregelten Arbeit nachginge. Allerdings wächst in ihrem Sohn
nachdem eines seiner Gedichte in einer Literaturzeitschrift veröffentlicht
wurde, der Wunsch nach künstlerischer Selbstverwirklichung und Anerkennung gar
noch an. Zugleich verstört ihn, dass sich seine Mutter verliebt und er nicht
mehr der einzige Mann in ihrem Leben ist. Ein Ausweg aus der eingefahrenen
Routine könnte die Einberufung in die Armee sein, Yusuf wird allerdings als
untauglich ausgemustert und so steht er wieder hin und her gerissen zwischen
seinen Träumen und der Wirklichkeit.
Die titelgebende Nahrung ist die einzige Einnahmequelle für Zehra und Yusuf,
gleichzeitig symbolisiere die Milch die Abhängigkeit des Sohnes von der Mutter,
so der Regisseur, "ganz gleich welchen Alters, kann er immer Hilfe von der
Mutterbrust (bildlich gesprochen) verlangen und erhalten. Ihm wird immer eine
bevorzugte Behandlung und Schutz geboten." Der junge Dichter muss aber einen
Preis für das moderne Leben zahlen: Traditionelle Werte brechen langsam
auseinander, die Mutter entdeckt die Weiblichkeit. Der Sohn begreift, dass er
langsam auf eigenen Füßen stehen soll. Diese Mutter-Sohn-Beziehung in der
traditionellen türkischen Gesellschaft sei einer der Gründe, so der Regisseur,
warum türkische Jugendliche am Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein
schwere Zeit durchmachen würden. Mit teils allegorischen Bildern setzt
Kaplanoglu alte Traditionen wie des Hoca, die Arbeit eines Heilers, der
Schlangen beschwören oder Wasser mit einer Rute finden kann, den in rasanten
Tempo in die Lüfte schießenden Hochhäusern am Rande der Stadt entgegen.
Red.
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