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Neu im Kino - 22.01.2010

Zwischen wahrer Liebe und Perversion 

"Same same but different", der neueste Film von Detlev Buck, ist die freie Verfilmung der auf eigenen Erfahrungen beruhenden Liebesgeschichte, die Benjamin Prüfer in "Wohin du auch gehst" niederschrieb - kurz nach seinem Abi reist ein junger Mann nach Kambodscha, wo er in einem Bargirl die Liebe seines Lebens findet; In "Privatunterricht" von Joachim Lafosse geht es um das Aufweichen noch nicht gefestigter Grenzen eines Jungendlichen.

Drei Erwachsene - eine Frau und zwei Männer - sitzen in einem Restaurant zusammen mit einem 17jährigen und reden über Sex. Jener Jonas hatte vor kurzem seine erste Liebesnacht mit einem Mädchen und seine Tischnachbarn wollen en detail wissen, wie es gelaufen ist: Wie lange er gebraucht habe bis zum Orgasmus, wer oben, wer unten lag, was sie dabei empfunden hätte usw. usf. Jonas ist verlegen, fühlt sich aber geschmeichelt ob des Interesses, das ihm entgegen gebracht wird, und lauscht auch so recht interessiert den Ratschlägen, wie sein Sexualleben fortan besser funktionieren könnte. Nach und nach wird diese merkwürdige Konstellation klarer: Es sind alles Freunde der Mutter, die getrennt von ihrem Mann lebt und auch ihre zwei Söhne, die somit de facto alleine wohnen, die meiste Zeit nicht sieht, weil sie diese in einer anderen Stadt verbringt.

Außer Mädchen hat Jonas vor allem Tennis im Sinn, er trainiert fleißig und träumt von einer Profikarriere, versagt aber bei Wettbewerben. Noch schlimmer läuft es in der Schule. Seine Noten sind so miserabel, dass er nicht mal die Stufe wiederholen darf. So will er sich nun mittels Privatschule auf eigene Faust auf ein besonders schweres Examen vorbereiten, bei dem er in kurzer Zeit die Themenkomplexe erlernt, die er drei Jahre lang in der Schule quasi verbummelt hat. Der Vater verweigert ihm aber die Gelder für die tatsächlich auch sündhaft teure Pauk-Einrichtung, und so springen die drei Freunde der Mutter – Pierre, Didier und Nathalie – ein. Sie geben zwar kein Geld, versichern Jonas aber ihn genauso gut zu coachen wie es die Privatschule täte, und so lehren sie fortan fast mehrmals täglich Mathe, Chemie oder Sprache und philosophische, literarische Fragen. Und natürlich dreht sich nicht nur zwischen den Zeilen vieles um das Thema Sex. Stets so ungezwungen und nebenbei, als wäre das das Selbstverständlichste der Welt.
Privatunterricht (OT: "Élève libre" zu deutsch "Freier Schüler") heißt der französische Film von Joachim Lafosse ("Nue Propriété" mit Isabelle Huppert), in dem er sich Themen wie Grenzsetzung und Perversion widmet. Pierre lässt Jonas, einem Jugendlichen, der im Grunde noch keine wirkliche Erfahrung im Leben sammeln konnte, im Glauben, jener selbst sei auf diese und jenen Antworten gekommen und somit viel reifer, als er etwa in Jonas Alter gewesen sei. Anfangs spielerische Verführungen werden indes immer ernster. Der Jugendliche erhält - nachdem er erzählt, dass ihn der erste Blowjob, den ihn seine Freundin schenkte, nicht wirklich beglückte - gar unverholen das Angebot, es doch mal von der Frau des illustren Trios machen zu lassen, um herauszufinden ob das junge Ding es einfach nicht gekonnt genug anstellte oder on Jonas einfach an sich nicht sonderlich auf Oralverkehr steht...

"Jemand seinen freien Willen nehmen und ihn dabei glauben lassen, dass er selbst bestimmt handelt", nennt der Regisseur den Gipfel der Perversion. Sein Filmthema ist fraglos interessant, provozierend und anregend für Diskussionen – doch obwohl das Verhalten der drei Älteren nach und nach abstoßender ist, als Zuschauer empfindet man kaum Abscheu, weil die ganze Geschichte irgendwie ziemlich seicht und betulich erzählt wird. Vor allem schafft es der Film nicht die Wende vom Spiel mit der Sexualität hin zum - auch seelischen - Missbrauch des Jungen glaubhaft oder wenigstens packend rüberzubringen, was vor allem auch an den insgesamt weniger authentisch agierenden Schauspielern liegen mag.

Ben hat vor kurzem die Schule beendet und macht nun Urlaub in Kambodscha, begleitet wird er von seinem WG-Mitbewohner Ed. Zusammen mit anderen Rucksacktouristen tauchen die Zwei in das Leben der Hauptstadt Phnom Penh ein, mit Drogen, Alkohol und natürlich Bargirls. In einer Disco lernt Ben dann Sreykeo kennen, ein Mädchen in seinem Alter, eine Prostituierte, die aber trotzdem ihren unschuldigen Charakter gerettet zu haben scheint. Er ist fasziniert von ihr, die Beiden verbringen nun viel Zeit gemeinsam, er begleitet sie zum Arzt, weil Sreykeo zu viel hustet, und bleibt, als seine und Eds Reise eigentlich zu Ende ist und so fährt sein Kumpel allein zurück nach Hamburg. Die kommende Woche verbringt Ben bei Sreykeos Familie in deren Wohnung und lernt mutmaßlich erstmals im Leben den Begriff Armut und soziale Not kennen. Als er nach Deutschland zu-rückkehren muss, weil ihm das Geld ausgeht, trifft er mit seiner Freundin eine Abmachung: er wird sie fortan finanziell unterstützen, damit sie nicht mehr als Animiermädchen oder gar Prostituierte Geld für die Familie verdienen muss. In Hamburg macht er dank der Vermittlung seines Bruders ein Praktikum in einer angesagten Zeitschriftenredaktion, wo ihn bald von Sreykeo die Nachricht ereilt, sie sei HIV-Positiv. Und so steht Benjamin nun vor der Wahl zwischen Liebe und Vernunft - er solle sich nicht seine Zukunft verbauen, denn seine Freundin hätte selbst bei bestmöglicher Medikation wohl lediglich maximal noch 25 Jahre zu leben, und dann rede man hier ja von Kambodscha, wo es alles andere als vernünftige, auch im Bereich Medizin, Strukturen gebe, versucht sein Freund Ed ihn zu überzeugen, Sreykeo fallen zu lassen. Doch Ben entscheidet sich für seine Liebe und reist nach Asien.

Same same but different, der neue Film von Detlef Buck ("Männerpension", "Knallhart"), ist wahrlich eine packende Liebesgeschichte. Als Grundlage dafür nahm er Benjamin Prüfers autobiographisches Buch  "Wohin du auch gehst". Mit Davod Kross, mit dem Buck bereits in "Knallhart" gearbeitet hatte, und der in Kambodscha gecasteten jungen Laiendarstellerin Apinya Sakuljaroensuk besetzt, erzählt der Film außer über große Gefühle auch über kulturelle Unterschiede sowie Aids, die den Protagonisten als Stolpersteine im Wege stehen. Doch diesen Kampf füreinander nehmen die Beiden auf sich auf.

Es ist nicht nur die keine Sekunde kitschig werdende, rührende Geschichte sondern es sind auch die durchweg interessanten Bilder aus einem Land, das bis heute unter den Auswirkungen der Diktatur der Roten Khmer leidet, die hier fesseln. Buck fängt die Aura der literarischen Vorlage trotz der recht freien Adaption sehr gut auf. Die Geschichte wurde vom Fischer Taschenbuch Verlag zum Filmstart - diesmal mit dem Titel "Same same but different" - neu aufgelegt. Es ist eine sehr spannende Lektüre, die neben der eigentlichen Liebesgeschichte ein tiefgründiges und faszinierendes Portrait von Land und Leuten malt und der westlichen Gesellschaft oft den Spiegel vorhält. Eine absolut empfehlenswerte Lektüre - auch noch nach dem Kinobesuch.

Red.

Legende der Punktwertungen:

= schlichtweg herausragend

= empfehlenswert

= interessant

= zwiespältig

= ziemlich mau

= grausam