| Neu im Kino - 15.07.2009 |
Sechs Frauen kämpfen gegen ihre Einsamkeit; ein kleiner Mexikaner sucht seine illegal in L.A. lebende Mutter; an einer verlassenen Autobahn wohnt eine Familie scheinbar ihm Paradies - bis die Autos dann doch noch rollen; in den 70ern lernt eine 13jährige inmitten ihrer Pubertät den Wert der Freundschaft kennen; Regisseur Stefan Paul beendet seine Rio-Reiser-Trilogie; Und die Doku "9TO5 - Days in Porn" portraitiert die US-amerikanische Pornoindustrie. Wir beleuchten sechs viel versprechende, aktuelle Kinofilme.
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Gesine Danckwart schrieb bisher vornehmlich Texte fürs Theater. Mit UmdeinLeben hat sie nun ihren ersten Spielfilm ins Kino gebracht, für den sie nicht nur hinter der Kamera stand, sondern auch das Drehbuch verfasste. Es geht um sechs Frauen, ganz unterschiedlichen Typen: Freiberuflerin Emske (Anne Ratte-Polle) wartet den ganzen Tag auf Antworten zu ihren Projekten, lässt sich immer wieder vertrösten und quält sich, was ihre Daseinsberechtigung sein soll; HB (Caroline Peters) ist eine sehr beschäftigte Frau, gerade in einer Stadt angekommen saust sie mit Taxis von einem Meeting zum anderen, telefoniert ununterbrochen, ist hin und her gerissen zwischen ihrem Job und der Sehsucht nach einem Mann, den sie offenkundig nur flüchtig kennt und nicht ausfindig machen kann; Diamant Oil (Kathrin Angerer) redet gegen die Müdigkeit am liebsten mit sich selbst, ob hinter dem Tresen oder in ihrer Wohnung, wo sie von ihren betont schicken Möbeln noch nicht einmal die Preisschilder abgemacht hat; Sonntag (Esther Röhrborn) hingegen ist Ringerin, sie kämpft gegen Geld mit Männern, in Hotelzimmern, ohne Sex vor- oder hinterher, nur die Berührung der Körper während des Wettkampfs vermittelt so etwas wie Nähe; Faria Kühne (Maren Kroymann), eine vermeintliche Grand Dame, ist offenkundig bankrott, will aber nicht die Haltung verlieren; und Ludwigsholm (Bettina Stucky) ist Politikerin, feilt ständig an ihrer Rhetorik. Einsamkeit und Geldverdienen scheint mehr oder minder der gemeinsame Nenner für die Geschichten dieser sechs Frauen zu sein. Über ein ganzes Jahr entwickelte Danckwart die Rollen gemeinsam mit den Schauspielerinnen. Viele Szenen machen auch den Eindruck, als wären es Übungsaufnahmen. Eingeführt werden die Charaktere vor einem schneeweißen Hintergrund, aber auch im weiteren Filmverlauf werden die Akteurinnen immer wieder vor diesem Nichts auftreten. An der Authentizität und Darstellungskraft von Caroline Peters kommen viele ihrer Kolleginnen zwar nicht heran, dennoch ist der ambitionierte Film, in dem es keine einzige (Männer)Stimme zu hören ist (und das vermeintlich starke Geschlecht überhaupt nur am Rande beispielsweise als Passant, Taxifahrer, Kneipengast o.ä. vorkommt), ein recht interessantes Gesamtkonstrukt.
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Für das Langspielfilmdebüt La misma Luna haben sich
die Exil-Mexikanerinnen und Wahl-Amerikanerinnen, Patricia
Riggen (Regie) und Ligiah
Villalobos (Drehbuch) zusammengetan. Ihre Geschichte handelt von dem
neunjährigen Carlitos, dessen Mutter schon seit fünf Jahren ohne Papiere in Los
Angeles als Kindermädchen und Putzfrau Geld verdient, um ihrem Sohn und ihrer Mutter, bei der Carlito
untergebracht ist, in Mexiko ein halbwegs sorgenfreies Leben etwas zu
ermöglichen. Jeden Sonntag, gegen 10 Uhr ruft sie von
einer Telefonzelle aus den Jungen an. Der möchte indes nicht mehr von der Mutter getrennt
sein, bettelt immer wieder, sie möge bald zurückkommen. Als kurz nach solch einem
Telefonat die Oma stirbt, beschließt er auf eigene Faust nach LA zu reisen. Unter einem Autositz versteckt überquert er die Grenze, verliert dabei
sein ganzes Geld, landet zufällig bei einem Drogensüchtigen, der ihn für den
Straßenstrich verkaufen will, übernachtet bei einer Frau, die ihre Wohnung
illegalen Arbeitern zur Verfügung stellt, arbeitet auf einer
Tomatenplantage und in der Küche einer Kneipe, bis er endlich mit Hilfe von
Enrique, einem am Anfang sehr missmutigen Gelegenheitsarbeiter in jene Stadt
gelangt, um festzustellen, dass die Anschrift von den Briefumschlägen seiner
Mutter eine Postfachadresse ist. Sie hat ihm aber bei ihren zahlreichen
Telefonaten ausführlich die Umgebung der Telefonzelle beschrieben. Und da morgen
"zufällig" Sonntag ist, muss der Zuschauer, der bis hierher in der völlig
vorhersehbaren Geschichte durchgehalten hat, nun-mehr nicht mehr lange auf
Erlösung warten. Die Flüchtlingsodyssee ist gespickt mit so ziemlich allen Klischees,
die man über illegale
Mexikaner in die USA so hört: wilde Polizeijagden, unmenschliche Arbeitsbedingungen,
Schikanen der
Arbeitgeber, zerrissene Familien. Auch deshalb ist der Film kein großer Gewinn,
noch dazu ist es ein insgesamt
deutlich zu
sentimental geratenes Märchen. Der Charme und das darstellerische Talent des
kleinen Adrián
Alonso alias Carlito indes sind beachtlich.
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Seit zehn Jahren nun schon wohnen Marthe (Isabelle Huppert) und Michel (Olivier Gourmet) mit ihren zwei älteren Töchtern und ihrem Jungen, direkt an einem nur halb zu Ende gebauten Stückchen Autobahn. Den irgendwie recht unwirklich wirkenden, aber eben auch äußerst üppigen Platz vor ihrem Häuschen nutzen sie vielseitig: zum Spielen, zum sich Sonnen, zum Wäsche trocknen oder etwa um abends draußen auf der Couch fernzusehen. Morgens dann überqueren der Vater und die zwei jüngeren Kinder die Autobahn, um zur Arbeit respektive zur Schule zu kommen. Wie nicht anders zu erwarten: eines Tages wird die Idylle von Straßenarbeitern gestört. Sie tauchen wie aus dem Nichts auf, raffen wortlos alles was auf der Fahrbahn von der Familie herumliegt zusammen, legen es direkt vor das Haus und montieren Leitplanken. Nur kurze Zeit später rauschen auch schon die ersten Autos am Anwesen vorbei. Und statt wie früher einfach mit seinem Wagen von einem Feldweg nahe der anderen Seite der Autobahn auf kürzestem Weg zu seinem Haus zu gelangen, muss Michel seinen fahrbaren Untersatz nun am anderen Rand abstellen und sich mit den Kindern durch ein noch ungenutztes dickes Abwasserrohr zwängen, will er kilometerlange Umwege vermeiden. Mit dem steigernden Lärmpegel nimmt die Verzweiflung in der Familie ihren Lauf, vor allem Mutter Marthe kann kaum noch schlafen. Sie erträgt es auch nicht sich den neugierigen Blicken der vor allem in Stausituationen ja auch recht langsam Vorbeifahrenden ausgesetzt zu sehen. Sie weigert sich aber auch irgendwo einen Neuanfang zu wagen.
Home heißt das äußerst beeindruckende Langspielfilmdebüt der Schweizerin Ursula Meier (1971) über eine Familie, die sich offensichtlich von dem Alltagsleben "da Draußen" meilenweit entfernt hat. Umso näher die Inbetriebnahme der Autobahn rückt, umso mehr die Welt ins Leben der Familie eingreift, desto greifbarer wird ihre Isolation. Mit famosen Bildern, vielen bis ins Absurde reichenden, teils auch nur recht schwarzhumorigen Einfällen und durchweg hervorragenden Darstellern zeigt Meier, so anrührend anfangs die Vorstellung einem verbissenen Der-Autobahn-die-Stirn-Zeigen-Kampf beizuwohnen auch sein mag, dass die Gefahr für diese Menschen hier weniger von außen kommt, als in ihnen selbst schlummert.
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Ein weiteres Regiedebüt in diesen Tagen kommt aus Irland. Die Schauspielerin Marian Quinn hat für ihren Coming-of-Age-Film 32A - It's a girl thing nicht nur hinter der Kamera gestanden, sondern auch das Drehbuch geschrieben. Die Geschichte spielt in Dublin, im Jahr 1979: Maeve steht vor ihrem 14. Geburtstag und trägt seit kurzem einen BH, wie die meisten ihrer Freundinnen. Nur eine ihrer Clique, Claire, weigert sich noch, sich diesem Zwang zu unter-werfen, vertritt feministische Ansichten und ist am besten informiert, wie was beim Sex passiert: Maeve, Ruth, Claire und Orla verbringen die meiste Zeit zusammen, es wird viel über Jungs gesprochen, aber auch über die Zukunft. Maeve hat noch keinen Freund und so übt Ruth Zungenküsse mit ihr, damit sie sich "richtig" verhält, wenn endlich ein Junge in ihrem Leben auftaucht. Kurze Zeit später ist es auch tatsächlich soweit: Auf einer Party, von der das zierliche Mädchen im Auftrag der Mutter ihren älteren Bruder abholen soll, lernt Maeve den deutlich älteren Brian kennen. Er interessiert sich für sie, geht mit ihr aus, schmuggelt sie in eine In-Disco, gibt ihr illegale Substanzen zum Rauchen. Zu viel auf einmal, Maeve ist verwirrt, überwältigt und sie vergisst alle(s) um sich herum. Bis Brian sie wegen einem anderen Mädchen sitzen lässt. "32 A It's a girl thing" ist ein hübscher kleiner humorvoller Film über einen Teenie, der langsam erwachsen wird, hin und her gerissen zwischen familiären Pflichten, ihren Freundinnen und verrückt spielenden Hormonen und der Angst, ihrem älteren Schwarm nicht gewachsen zu sein.
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Der San Fernando Valley in L.A. gilt als wichtigster Ort für die US-amerikanische Unterhaltungsindustrie für Erwachsenenfilme. Milliarden von Dollar werden in dieser Branche verdient, mehr als in der Musikindustrie. In den Staaten geben die Menschen pro Jahr angeblich mehr Geld für Pornos aus als für Theater, Kino, Museen, Sport und sonstigen kulturellen Institutionen zusammen. Gleichzeitig haben pornografische Bilderwelten lang Einzug in die Mainstream- Kultur von Mode, Film, Literatur und Musik gehalten. Man spricht von "Porno-Schick". Nur über jene, die am Erfolg der Branche maßgeblich beteiligt sind, spricht man kaum - da gibt es nur recht klischeehafte Vorstellungen. Regisseur Jens Hoffmann hat deshalb eineinhalb Jahre diverse Darsteller, Regisseure, Produzenten und Agenten mit der Kamera begleitet und mit 9to5 – Days in Porn eine sehr spannende Doku abgeliefert. So portraitiert er die kahlköpfige Belladonna, eine wahrhaft sexy wirkende Darstellerin, Ehefrau, Mutter und mehrfache AVN Award–Gewinnerin, dem Oscar der Pornoindustrie oder auch Sasha Grey, die es nach eigener Aussage kaum erwarten konnte volljährig zu werden, um im Pornogeschäft mitmischen zu dürfen. Die inzwischen 21jährige wurde von Hollywood-Regisseur Steven Soderbergh für die Hauptrolle in dessen Komödie "The Girlfriend Experience" über den Alltag eines Luxus-Callgirls in New York engagiert. Zu Wort kommt auch ein Agent, der die Pornobranche in und auswendig kennt und verschiedene Mädchen betreut, um sie an den Mann, in dem Fall zu den nächsten Hardcore-Aufnahmen zu bringen. Interviewt wurde neben einem auch als Darsteller fungierenden Produzenten darüber hinaus noch eine ehemalige Pornodarstellerin, die Ärztin geworden ist und sich darum kümmert, dass jene Frauen und Männer die aktuell vor der Kamera agieren, sich auch regelmäßigen Gesundheitskontrollen unterziehen und sich generell nicht allein gelassen fühlen. Obwohl Hoffmann sehr nah am Geschehen ist, oft auch am Rande der Porno-Sets drehen durfte, kommt sein Film keine Sekunde voyeuristisch daher. Seine Protagonisten erzählen von ihren Träumen, wie sie zum Porno kamen und wie sie zu den Schattenseiten der Branche stehen und auch davon, was sie eigentlich nicht so gern tun. Insgesamt ein sehr gelungener Blick hinter die Kulissen, wenngleich es manchmal etwas stört, wie die Interviewpartner formal katalogisiert werden.
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Nach bereits zwei Dokumentationen ("König von Deutschland" und "Jan Plewka singt Rio Reiser") beendet der Regisseur Stefan Paul mit dem Film Lass uns'n Wunder sein - Auf der Suche nach Rio Reiser nun seine Trilogie über den Ausnahmemusiker und verspricht dabei neue Einblicke in das Werk des "Ton, Steine, Scherben"-Frontmanns, sowie den politischen und privaten Menschen, der am 09.01.1950 als Ralph Möbius in Berlin geboren wurde, früh Klavier, Gitarre und Cello spielen lernte und irgendwann mit Ralph Seitz (der sich später Lanrue nennt) die Cover-Band "Degalaxis" gründete. Doch wirklich Neues, das kann an dieser Stelle vorweg genommen werden, gibt es in Wahrheit hier leider nicht einmal im Ansatz! So wird daran erinnert, dass Rio mit 17 die Schule abbricht, eine Fotografenlehre beginnt, wie es in den 70ern mit den Scherben losgeht, sieben Alben entstehen, ein eigenes Label aufgebaut wird, die Band sich zum Sprachrohr der links alternativen Szene in Westberlin entwickelt und schließlich alle 1975 nach Fresenhagen umsiedeln um so eine Art alternativen Bauernhof z führen. Gestreift werden natürlich auch Solo-Pfade ("König von Deutschland"), und die Tatsache, dass der am 20. August 1996 im Alter von nur 46 Jahren Verstorbene auf dem sagenumwobenen Kreativhof in Schleswig-Holstein begraben liegt.
Auf seiner Suche nach dem Mythos gräbt Paul auch ein paar rare Fotos und Konzertmitschnitte aus, lässt Mitglieder von "Ton, Steine, Scherben" und Corny Littman (Texter des Reiser-Songs "Hallo hallo, ist dort die Irrenanstalt") zu Wort kommen, sprach mit Udo Lindenberg und Achim Reichel sowie einmal mehr mit der ehemaligen Bandmanagerin, der schauderhaften Claudia Roth und unerklärlicherweise mit Heinz-Rudolf Kunze sowie dem ja immer wenn es direkt oder indirekt um Deutschland zwischen 1968-1980 geht irgendwo wild herumschnatternden Daniel Cohn-Bendit. In Portugal schließlich, formal das Einzig halbwegs Interessante an dem Streifen - aber gleichzeitig auch das, was dem Projekt endgültig zum Verhängnis wird, weil letztlich jener Künstler mehr im Mittelpunkt zu stehen scheint als Rio - fand er Reisers engen Freund, den Komponisten und Gitarristen, R.P.S. Lanrue, der die letzten Jahre weit-gehend abgetaucht war.
Red.
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