| Film – 26.03.2008 |
Lena ist 17 und hat anscheinend keinen blassen Schimmer, was sie im Leben machen soll. Sie weiß nur, was sie definitiv nicht will: sich anpassen oder fremdbestimmen lassen. In seinem Langfilmdebüt „Meer is nich“ widmet sich Regisseur Hagen Keller dem schwierigen Thema Erwachsenwerden.
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Lena (gespielt von Elinor Lüdde) will keine Erwartungen erfüllen, nicht
die ihres Be-rufsberaters; nicht die ihrer Lehrer, die wegen ihrer
Intelligenz nicht begreifen, warum sie sich in der Schule so wenig anstrengt;
und erst recht nicht die ihres Vaters (Thorsten Merten). Das einzige, was die
Schülerin von Herzen mag, ist Musik. Mit ihren beiden Freundinnen Alex und
Klara spielt sie auch schon des längeren in einer kleinen Amateurband. Bei
einem Auftritt gestandener Musiker beobachtet sie deren Drummerin und
entdeckt ein neues Instrument für sich, wo sie sich ihren Frust und Kummer
von der Seele spielen kann: So übernimmt die 17-jährige in ihrer eigenen
Combo das Schlagzeug. Doch als der Vater über Lenas Kopf hinweg
Entscheidungen über ihre Zukunft zu treffen versucht - wo und wann sie was
für eine Lehre anfangen darf - verschärft sich die Situation im eigentlich
weltoffenen Elternhaus. Nach einer eingefang-enen Ohrfeige verlässt Lena ihr
Zuhause, arbeitet noch härter daran, ihren Traum, eine gute Drummerin zu
werden, zu verwirklichen. Es scheint die Chance gekommen, zu beweisen, wie
ernst es ihr mit der Musik ist.
Nach mehreren zum Teil preisgekrönten Kurzfilmen ist „Meer is nich“ das
Langfilmdebüt von Hagen Keller (1968) - der gelernte Fotograf (u.a. für
Spiegel, taz und die deutsche Vogue) zeichnet zudem für das Drehbuch
verantwortlich. Die auf der Leinwand thematisierte Haltung des
sich-nicht-anpassen-wollen hat auch sein eigenes Leben geprägt: Weil er den
Wehrdienst in der DDR verweigerte, wurde Keller nicht zum Abitur zugelassen,
musste sich als Kellner, Bibliothekar, Krankenpfleger und Zimmermann über
Wasser halten. Erst 1997 begann Keller sein Regie- und Drehbuchstudium an der
Münchner Hochschule für Film und Fernsehen (HFF).
Sein Kinodebüt nun überzeugt nicht nur durch eine authentisch und
unprätentiös erzählte Geschichte über das Erwachsenwerden, sondern fesselt
auch vor allem Dank der Hauptdarstellerin Elinor Lüdde. Das Gesicht der
24jährigen wirkt wie ein offenes Buch. Sie scheint nicht groß eine Rolle zu
spielen - sie lässt vielmehr vergessen, dass die Figur der Lena im Detail
eine erfundene ist: mit ihrer bockigen Art, wenn sie sich durchsetzen will,
mit ihrem zarten Lächeln, wenn sie sich verliebt hat, mit ihrer Willenskraft,
wenn sie bis zum Umfallen trommelt, mit ihrem Frust bei den Aufnahmeprüfungen
in einer Musikschule, wenn sie feststellt, dass sie bei weitem die Älteste
der Kandidaten ist oder mit ihrer Verständnislosigkeit und Wut, wenn der
Vater über ihren Kopf hinweg ein Vorstellungsgespräch für sie vereinbart.
Auch in dieser Situation, in der die Hauptfigur das Gefühl beschleicht,
verraten zu werden - ausgerechnet von jenem Menschen, der sie eigentlich
verstehen müsste (der Vater ist arbeitsloser Brückenbauer, der keinen Job
mehr findet, und eigentlich ohnedies auch keinen sucht, weil er nurmehr das
machen möchte, was ihm Spaß macht) besticht Lüdde, weil sie auch dies ohne
jede Theatralik zum Ausdruck bringt. Dabei ist „Meer is nich“ ihr erster
Langfilm.
Die junge Frau, die sinnigerweise mit ihren Filmpartnerinnen Luise Kehm und
Sandra Zänker im realen Leben bereits seit 2003 Schlagzeug bei der Formation
„sleazy inc.“ spielt, stand aber schon bei einigen Kurzfilmen von Hagen
Keller vor der Kamera. Für ihre Darstellung der Lena wurde sie übrigens auch
als beste Nachwuchsdarstellerin mit dem Bayerischen Filmpreis 2007
ausgezeichnet. Lüddes Freundinnen und Mitstreiterinnen agieren zwar nicht
ganz so überzeugend – sie waren absolute Leinwandlaien –, der Wirkung von
„Meer is nich“ tut das jedoch keinen Abbruch. Der Film hat schließlich
weitere Trümpfe: etwa, dass die in Ostdeutschland angesiedelte Geschichte
ohne jegliche Ost-Klischees auskommt. Graue Plattenbausiedlungen sucht man
vergebens, stattdessen wird durch sonnige thüringische Alleen geradelt.
Nino Ketschagmadse