| Film - 26.02.2009 |
Mit Hilfe des Jazz versucht Martin in "Muzika" der alltäglichen Tristesse der CSSR Anfang der 1980er Jahre zu entkommen; einer anderen Art sozialer Kontrolle ist der etwas zurück gebliebene, einsame Tankwart Josie in "Garage" in einem irischen Dorf unterworfen; in selbst gewählter Einsamkeit lebt dagegen der Istanbuler Koch eines Luxus-Restaurants - dass er dadurch in "Issiz Adam" (Einsam) die einzig wahre Liebe seines Lebens vergrellt, begreift er zu spät; in "Sieben Tage Sonntag" soll die Wette einiger Jugendlicher um das Leben eines Fremden Abwechslung und Anerkennung bringen; und einsam ist schließlich auch Bauer Daniel in "Nur ein Sommer" - zumindest wenn man die Kühe weglässt. Doch Aushilfe Eva wird auch sein Leben auf den Kopf stellen.
Martin hat es nicht leicht. Der stille junge Mann ist verheiratet und wohnt
mit seiner schwangeren Frau bei seinen Schwiegereltern. Sein Gehalt als
Schmierer im volkseigenen Wasserwerk reicht für eine eigene Wohnung nicht aus.
Und so muss er jeden Tag giftige Bemerkungen seiner Schwiegermutter über sich
ergehen lassen, weil er es ihrer Meinung nach nicht geschickt genug anstellt,
im korrupten Staats-system voranzukommen. Martins einziger Lichtblick ist die
Musik. Als er preisgünstig an ein gebrauchtes Saxophon gelangt, blüht er auf:
egal ob zu Hause oder während der Arbeit, bei jeder Gelegenheit spielt er sein
neues Instrument, um sich dem tristen Alltag ein wenig zu entziehen. Sehr zum
Argwohn seiner Familie und der Arbeitskollegen. Muzika basiert auf einer
Novelle des slowakischen Schriftstellers Peter Pištanek, erzählt die Geschichte
eines kleinen Mannes und seines großen Traums. Er lebt in der CSSR, Anfang der
achtziger Jahre. Von Individualität und persönlicher Freiheit ist weit und
breit nichts zu spüren. Selbst ein bloßer nächtlicher Aufenthalt außerhalb der
eigenen vier Wände führt zu polizeilichen Kontrollen, auch lange Haare bei
Männern sind dem System ein Dorn im Auge. Mit feinem Witz, viel Situationskomik
und Melancholie zeigt Regisseur Juraj Nvota, wie sich Martin mit Hilfe des Jazz
kleine Schlupflöcher in diesem maroden System schafft. Als er halbherzig einer
bereits durch Schmiergelder eines Dritten wohl gestimmten Prüfkommission
vorspricht, und in sein Programm revolutionäre, Lenin preisende Lieder
aufnimmt, gilt Martin gar als staatlich anerkannter Berufsmusiker. So darf er
an seinen Feierabenden fortan offiziell Gäste auf Hochzeiten unterhalten, wenn
auch zumeist nur mit biederen Schlagern. Martin steht dabei nicht allein auf
der Bühne. Der Bandgründer und Staatsdienerbestecher ist der windige Hruškovic
- und der träumt von einer Tournee in den Westen. Und da gibt es plötzlich auch
noch Anca in Martins Leben, eine recht eigenwillige, äußerst unkonventionelle
junge Frau, in die er sich regelrecht verknallt. Irgendwann steht der Schmierer
vor großen Entscheidungen und muss auch seine Definition für den Begriff
Freiheit überdenken. Das etwas brave und teils auch vorhersehbare Ende ist ein
kleiner Wehrmutstropfen bei diesem ansonsten sehr unterhaltsamen, durchweg
überzeugend gespielten Film, mit herrlichen Seitenhieben auf sozialistische
Staatsgebilde und Menschen, die sich damit arrangiert haben.
In einem kleinen irischen Dorf arbeitet Josie, ein leicht dicklicher Mann mit
gutmütigem Gesicht, an einer Tankstelle. Dabei gibt es kaum etwas zu tun, außer
vielleicht den ganzen Tag mit Gedanken beschäftigt zu sein, ob es besser wäre,
das Regal mit Motoröl vor oder in der filmtitelgebenden Garage
aufzustellen. Der Besitzer, Josies früherer Mitschüler, wartet offenkundig nur
auf den günstigsten Moment das kleine Betriebsgelände zu verkaufen. Sein
Angestellter ist etwas zurückgeblieben, und wird weder von ihm noch von den
Dorfbewohnern wirklich ernst genommen. Speziell im Pub wird Josie gern
gepiesackt und gede-mütigt. Die Verkäuferin Carmel mag ihn zwar, tanzt auch mal
mit ihm, stößt ihn aber prompt zurück, als sie fürchtet, er könne ihre Nähe
falsch interpretieren. Für wieder andere ist der Tankwart ein willkom-mener
Zuhörer, bei dem sie ihr Herz ausschütten können... Recht unaufgeregt folgt der
irische Regisseur Lenny Abrahamson seinem Protagonisten durch den Tag und durch
das Dorf und zeichnet so ein Bild des sozialen Gefüges, in dem man nur dann
akzeptiert wird, solange man den Rahmen nicht verletzt. Als ihm sein Chef den
schweigsamen David mit langen schwarzen Haaren als Aushilfe zur Seite stellt,
steht für Josie aber eben eine Veränderung seines Alltags bevor. Die
Außenseiter nähern sich recht schnell an, sitzen oft noch nach getaner Arbeit
mit einer Bierdose vor der Garage. Josie ist glücklich über seinen neuen
Freund, zeigt ihm irgendwann - allerdings absolut arglos - auch ein Pornovideo,
das er von einem kumpelhaften LKW-Fahrer geschenkt bekommen hat. David ist
allerdings erst 15 und somit bekommt es der unbeholfene Tankwart mit dem Recht
zu tun. Beklemmend und mit betont leisen Tönen inszeniert Abrahamson die
traurige Geschichte eines einsamen Mannes, hervorragend gespielt von Pat Shortt.
In seiner irischen Heimat eigentlich ein Komiker schafft er es, die Witzigkeit
und Melancholie seiner Figur harmionisch miteinander zu verbinden.
Ein weiterer Film über einen einsamen Mann kommt aktuell aus der Türkei. Alper
Mitte 30, erfolgreicher Koch und Restaurantbesitzer, ist nach außen hin ein
fröhlicher Mensch. In Wirklichkeit fühlt er sich jedoch innerlich zerbrochen -
lebt wie in einem Kokon, den er um sich selbst gesponnen hat. Bis er eines
Tages Ada kennen lernt und in die er sich Hals über Kopf verliebt. Schnell sind
die Beiden ein Traumpaar. Mit zunehmender Besorgnis von Alper, der seinen
gewählten Lebensstil - trotz kurzzeitiger Beziehungen mit ständig
wechselnden Frauen eben recht zurückgezogen - nicht zu ändern im Stande zu sein
scheint. Ada hat einfach keinen Platz in seinem ungebundenen Leben. Um ihre
Gefühle zu schonen, trennt er sich von ihr. Issiz Adam - Einsam bietet
starke Gefühle, Geschichten über Sehnsucht nach Liebe und Konflikte mit sich
selbst. ohne melodramatisch zu werden. Rundum schöne Bilder und wunderbare
Musik zeichnen Cagan Irmaks Drama ebenso aus, wie die überzeugenden
Darsteller Melis Birkan und Cemal Hunal. Der Film nimmt zwar nur sehr langsam
Fahrt auf, lässt einen dann aber nicht mehr los.
Sieben Tage Sonntag, der Debütfilm Niels Lauperts, basiert auf einer
wahren Geschichte: Im Winter 1996 bringen zwei Jugendliche in der polnischen
Kleinstadt Pabianice einen Mann mit einer Besteckgabel um und misshandeln einen
anderen mit einer abgebrochenen Wodkaflasche so schwer, dass er noch Jahre
danach an den Folgeschäden leidet... Im Film lebt Adam, einer der beiden
Protagonisten, In einer Hochhaussiedlung, zusammen mit seiner Oma, die
ununterbrochen schuftet, damit sie beide ernähren kann. Der Junge ist Bruce
Lee-Fan, geht jeden Sonntag zu seinem Ministrantendienst, und hängt später mit
seinen Freunden rum. An einem Sonntag gerät jedoch einiges aus den Fugen. Es
fängt damit an, dass Adam, angestachelt von seinem Freund Tommek, Wein aus der
Sakristei stiehlt, um bei Sarah gut dazustehen, die auch von Tommek umworben
wird. Das Mädchen scheint zwar offensichtlich eher Adam zugetan zu sein, aber
der schüchtern wirkende Junge will für seine künftige Freizeitgestaltung noch
keine Entscheidung zwischen ihr und seinem draufgängerischen Kumpel treffen. Am
Abend gibt es dann eine Party, wobei es plötzlich zu einer Wette kommt, wer in
der Lage ist, einfach den nächst besten Menschen zu töten. Tommek und Adam
machen sich tatsächlich ungehindert von diversen anderen Jugendlichen auf den
Weg... "Sieben Tage Sonntag" ist äußerst erschütternd, gibt im Grunde keine
Kommentare ab, startet erst recht keine Erklärungsversuche. Die Gewalt
trifft die Zuschauer wie ein Fausthieb und lässt sie fassungslos zurück. Auch
dank der beiden Hauptdarsteller, Ludwig Trepte der als Adam verzweifelt
versucht, sein eigentlich zartes Wesen hinter Männlichkeitsfloskeln zu
verbergen, und Martin Kiefer alias Tommek, durch dessen knallharte Fassade nur
in seltenen Fällen Verletzlichkeit zu sehen ist.
Eva, Mitte 30, lebt mit ihrem fast volljährigen Sohn und einem recht jungen
Liebhaber recht perspektivlos in einem ostdeutschen Städtchen. Die Jobs im
Brandenburgischen sind rar, das einzige Angebot, das ihr das Arbeitsamt geben
kann, kommt aus der Schweiz: Gesucht wird eine Melkerin für drei Monate - Eva
überlegt nicht lang, packt ihre Koffer, sehr zum Argwohn ihres Freundes Marco
und macht sich auf den Weg auf eine Berner Alm. Daniel, ihr Arbeitgeber, ein
sehr wortkarger Käsemacher mit 40 Kühen, ist anfangs skeptisch über seine neue
Hilfskraft aus Deutschland. Doch bald ist er froh, denn Eva scheut die harte
Melkarbeit oder auch das Austreiben der Tiere nicht im Geringsten, geht gar
beim Käsemachen zur Hand. Bald sind die Beiden ein richtig gut eingespieltes
Team, das sich auch menschlich immer näher kommt. Nur da taucht irgendwann
Marco auf, und aus der Nachbarschaft schaute überdies schon seit Tagen öfter
ein junger Hilfsarbeiter vorbei - Daniel bekommt es mit der Eifersucht zu tun.
Nur ein Sommer von Tamara Staudt ist ein hübscher "kleiner" Film mit
viel Charme und fast genau soviel Witz über Arbeitslosigkeit und kulturelle
Unterschiede im deutschsprachigen Raum.
(Red.)