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Buch - 01.03.2010

Tucholsky zwischen Beamtendeutsch und Hasenbraten

"Raumübergreifendes Grossgrün" führt seine Leser durch den scheinbar unüberschaubaren Dschungel deutscher Behördensprache; "Probier mal" macht aus der Küche einen Lern- und Spielplatz; In "Ente! Hase!" geht es um verschiedene Perspektiven; "Es wird eng im Kalender" sammelt kuriose Gedenk- und Feiertage"; der Bildband "David Lynch" widmet sich vor allem den bildkünstlerischen Aktivitäten des Kultregisseurs; und die Audio-CD "Ich vertreibe so mein Leben" erinnert an den scharfzüngigen Kurt Tucholsky.

Die Küche ist ein faszinierender Ort für Kinder, weil sie so viele Möglichkeiten zum Spielen bietet: Teig wird geknetet, es brodelt und blubbert allenthalben, Gemüseknollen verwandeln sich in feine Streifen und Stifte - das und vieles andere mehr macht sie neugierig, Eltern hingegen eher ängstlich: zu viele scharfe Messer, heiße Töpfe oder Kochplatten - vermeintlich überall lauern Gefahren für den Nachwuchs. In ihrem Buch Probier mal!: Das Spiele-Spaß-Kinderkochbuch (Annette Betz Verlag) zeigen Monika Cremer und Lydia Malethon wie eine harmonische Zusammenarbeit in der Küche funktionieren könnte, vorausgesetzt Mama oder Papa haben Zeit und Muße, ihren Nachwuchs beim Kochen nicht aus den Augen zu lassen. Und Geduld, während die Kleinen einfachere Rezepte nachkochen. Aus Wassermelone wird eine Bowle gemacht, oder es gilt "langweilige" weiße Butter mit Möhrenschnipseln aufzupeppen, Radieschenkeimlinge für's Frühstück zu züchten, Apfeltaschen zu backen oder einen griechischen Nachtisch mit Joghurt, Honig und Walnüssen zu kreieren. Zu jedem wirklich kinderleicht gestalteten Rezept lehren die Autorinnen den Umgang mit Küchengeräten (Schäler, Reibe, Messer…), erzählen kleine lustige Geschichten aus der kulinarischen Welt, bieten Rätsel, Spielideen oder Experimente, z. B. wie man herausfindet, ob ein Ei frisch oder alt, gekocht oder roh ist. Das Ganze ist dazu garniert mit reichlich schönen Illustrationen von Marlies Rieper-Bastian. Beigefügt ist dem Buch auch ein Blatt mit Stickerbildchen von Gemüse- oder Obstsorten und leckeren Nachsachen. Obwohl ein Hamburger bei dieser Buchidee ein wenig Fahl am Platz scheint ein nettes Gimmick am Rande.

Muttertag, Vatertag - auch der andere Tag der Blumenhändler, der Valentinstag - sie alle und manch andere stehen heutzutage in fast jedem Taschenkalender, sind neben "kirchlichen" Feier- und Gedenktagen zumindest weitestgehend bekannt. Dass am 19. April der so genannte Fahrradtag begangen wird, dürfte eher Insiderwissen sein. Zumal es dabei gar nicht um das umweltschonende und gesundheitsfördernde Fortbewegungsmittel geht, sondern dem wohl ersten erfolgreichen LSD-Selbsrversuch "gedacht" wird, den dessen Entdecker, der Schweizer Chemiker Albert Hofmann, 1943 veranstaltete. Seit den 1960er Jahren nun feiern die LSD-Anhänger dieses Datum, an dem der Wissenschaftler unter Drogen auf dem Fahrrad nach Hause raste und höchst ungewöhnliche Erfahrungen machte. Ob Zufall oder nicht, am nächsten Tag, also den 20. April, haben auch Cannabis-Anhänger ihren inoffiziellen Feiertag der amerikanischen Gegenkultur, den sie bereits seit den 1970ern zelebrieren, und zwar unter dem Namen "420". Warum: das und eine Menge mehr verrät Timo Lokoschat in seinem Büchlein Es wird eng im Kalender (Sanssouci Verlag), in dem er 365 kuriose Gedenk- und Feiertage zusammengetragen hat - natürlich nebst kleinen unterhaltsamen Geschichten zur Entstehung. Neben den offiziellen Daten, wie dem Tag der Erde, des Buches und des Urheberrechtes, der Arbeit, der Pressefreiheit oder dem Welt-Alphabetisierungstag findet man hier also unzählige Anlässe, etwa Katzen hochleben zu lassen, an Kopfschmerzen zu denken, der Klimaanlage zu huldigen, aserbaidschanische Filme sich anzuschauen oder deutsches Bier hochzuhalten. Viele nette Ideen für diverse Partyanlässe.

Die Monografie David Lynch aus dem Hatje Cantz Verlag widmet sich einer relativ unbekannten Seite des zu Recht als Kult geltenden US-amerikanischen Filmemachers (Jahrgang 1946), der für sein Lebenswerk (u. a. the Elephant Man, Blue Velvet, Twin Peaks, Wild at Heart, Lost Highway, Mulholland Drive oder Inland Empire) 2006 auf den Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet worden war. Die wirklich als Prachtband zu bezeichnende Veröffentlichung umfasst Fotografien, Gemälde, Druckgrafiken und auch diverse Zeichnungen des Regisseurs, der Kunst studiert und parallel zu seinen Filmen immer auch als bildender Künstler gearbeitet hat. "Ich liebe es, eine andere Welt zu betreten, und ich liebe Geheim-nisse", sagt Lynch über sich selbst. Am liebsten wühlt er sich in die dunkle Seite des amerikanischen Kleinbürgertums, in die Abgründe hinter der idyllischen Fassade des Lebens in den Vorstädten. Mit dem Malen hat seine Karriere angefangen, und es begleitet ihn heute noch. Stimmungen, die er dabei fest hält, wie zum Beispiel Unheimlichkeit oder die Ästhetik des Verfalls, finden Nachklang in seinen Filmen. Sexmaschinen, Zombies oder Implantate sind vor allem auf seinen überarbeiteten Fotos zu sehen. Die Monografie, die im Rahmen der Ausstellung "David Lynch – Dark Splendor. Raum Bilder Klang" (zu sehen noch bis 21. März im Max Ernst Museum Brühl des Landschaftsverbandes Rheinland) entstanden ist, führt zudem ausführlich in das Wirken des Regisseurs ein, mit profunden Abhandlungen zu seinen Arbeiten als Maler, zu seinen Fotografien und Prints, Grafiken, Lithografien, Kurzfilmen sowie zu Lynch' Beziehung zur Musik.

Es sind nicht nur Ausländer, die ohnedies oft über sehr gute Deutschkenntnisse verfügen, die beim Ausfüllen verschiedener behördlicher Papiere hierzulande an sich selbst zweifeln. Selbst Muttersprachler haben oft gehörige Probleme mit der deutschen Amtsprache, wenngleich diese – gewiss ungewollt von den "Erfindern" – oft zur allgemeinen Erheiterung beiträgt. Man nehme beispielsweisee folgenden Satz, für den die Bundeszentrale für politische Bildung verantwortlich zeichnet: "Der Geschlechtsunterschied zwischen den Eltern ist Voraussetzung für die Zeugung des Nachwuchses". Hinrich Lührssen, der unter anderen für diverse Fernsehformate Reportagen und Berichte produziert, hat sich die Mühe gemacht, diese und andere "Perlen" zusammenzuschreiben und mit seinem Buch Raumübergreifendes Grossgrün (Rowohlt Tb) – worunter Landschaftsplaner im Übrigen einen Baum verstehen – einen kleinen Übersetzungshelfer für Beamtendeutsch zur Hand zu geben. Von A wie Abgängigkeitsanzeige über E wie Einreisetitel, L wie Lautraum oder S wie Schwengel-recht bis Z wie Zwangspause für Markthändler zählt und erklärt der Autor mit einer großen Portion Humor zahllose Begriffe aus der Amtssprache. Hin und wieder wird das Ganze unterbrochen mit "Aktennotizen" über Bundeswehrjargon oder etwa auch über einen gewissen Herrn Stoiber, der doch tatsächlich, gar "ehrenamtlich" in Brüssel Bürokratie bekämpfen soll. Das Buch das auch Anglizismen beleuchtet bietet viel Stoff für ein listiges Ratespiel gegen den Frust nach dem einen oder anderen Behördegang.

Mit dem Hörbuch Ich vertreibe mir so mein Leben ruft der Verlag Eichborn Kurt Tucholsky (1890-1935) in Erinnerung, einen der bedeutendsten und scharfzüngigsten Gesellschaftskritiker und Satiriker der Weimarer Zeit. Einen Menschen, der sich dem Vernehmen nach zeitlebens nach einer demokratischen und humanen Gesellschaft sehnte und gar die gefährliche politische Entwicklung - die jene Jahre nach sich ziehen sollten - voraussah. Tucholskys Schaffen umfasst kleine Textformen, Zitate, Glossen, Reportagen bis hin zu Kabarettsongs und kleinen Romanen. 48 relativ kurze Tracks umfasst nun besagte CD, die Doris Wolters und Ilja Richter vorlesen, ab und zu wird mit kurzen Klaviereinspielen von Helmut Lörscher untermalt. Es ist eine Sammlung von bissigen Zitaten und Texten über den Menschen im Allgemeinen, über die Politik, über Deutsche, das Eheleben, die Nationalökonomie nach dem Motto "Wirf den Bankier, wie du willst, er fällt immer auf dein Geld", herrliche Seitenhiebe auf Hitler, z. B. in seinem "Schulaufsatz", in dem "der Führer" und Goethe in Punkto Patriotismus miteinander verglichen werden. Dieses Programm würde live vielleicht recht gut funktionieren, auf CD indes kommt es insgesamt etwas gewollt daher.

Ein Hase mit im Profil nach hinten gezogenen Ohren, oder ist es eine Ente mit offenem Schnabel – Ente! Hase! (von Baumhaus Medien) heißt ein äußerst liebevoll gestaltetes Buch der Autorin Amy Krouse Rosenthal und von Illustrator Tom Lichtenheld, nicht  nur zu Ostern ein schönes, alterübergreifendes Geschenk. Zwei Betrachter streiten sich aus dem Off  darüber, was sie da gerade sehen: einen Hoppelhasen oder eine Schnatterente - das ist hier die Frage. Jeder beharrt auf seiner eigenen Sichtweise, lässt aber irgendwann zu, dass die andere Seite vielleicht doch auch richtig liegen könnte. Die Bilder sind sehr schön gestaltet und sorgen im Zusammenspiel mit dem Text für eine spielerische und unterhaltsame Auseinandersetzung mit doppeldeutigen Zeichnungen wie eben dem Hase-Ente-Kopf. Als dann ein Ameisenbär-Dinosaurier auftaucht, wünscht man insgeheim viele weitere solche Abbildungen herbei - zum Rätseln und zum Schmunzeln.

Red.

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