| Buch - 11.03.2010 |
Was geschieht eigentlich mit der Liebe im Alter? Und wie verhält man sich, wenn man sich nach dreißig Ehejahren in einen anderen verliebt? Ein Anflug von Verliebtheit gegen dreißig Jahre Erinnerung? Um diese Fragen kreist Arno Geigers neuer Roman „Alles über Sally“.
Die Dynamik des Buches kommt mit einem
Einbruch in das Haus der Familie Fink zu Beginn in Gang. Doch dieses Haus ist
– wie schon in Geigers Erfolgsroman „Es geht uns gut“ – nicht nur ein Gebäude
aus Ziegeln, Holz und allerlei anderen Materialien, sondern es ist ein
symbolischer Familienraum, in dem sich deren Geschichte sedimentiert hat. Und
so ist es kein Einbruch in ein Gebäude, sondern ein Ein-bruch in eine
Geschichte, durch den Machtverhältnisse neu geordnet werden. Denn der
Vandalismus, der im Haus aus Freude an der Zerstörung angerichtet wurde und
die Unsicherheit, die daraus resultiert, lassen Alfred Fink regelrecht
verfallen. Dieser arbeitet in einem Museum und hat auch in der Familie durch
das eifrige Tagebuchschreiben die Chronistenrolle übernommen. Als könnte er
sich damit der Geschichte versichern und sie ein Stückchen festhalten. Sally
Fink hingegen ist Lehrerin und registriert diesen Verfall nur zu genau. Es
ist nicht zuletzt der Einbruch und der Schaden des Beziehungsgefüges, der
sie in eine Affäre mit Erik, dem männlichen Teil eines befreundeten
Ehepaars, stolpern lässt.
Plötzlich meint Sally dort alles zu finden, was zu Hause langweilt, die
Aufmerksamkeit, die man wahr-nimmt, der Sex, der aufregender ist, das
aufputschende Versteckspiel. Aber will man dafür wirklich mit der Geschichte
brechen? Auch Sally, die mehr im Leben verwurzelt ist als im Erinnern,
beschäftigt das. Denn die Frage, ob sie sich nun schlecht fühlen muss, da sie
gleichzeitig ihren Mann und ihre beste Freundin betrügt, beantwortet sie ganz
klar mit nein, anders als ihre Vorgängerinnen im 19. Jahrhundert.
Wo zu Beginn noch die Erinnerungsthematik und die Schwäche Alfreds im
Mittelpunkt stehen, wird mit dem Start der außerehelichen Beziehung die
Faszination und das Begehren der Betrugssituation in den Mittelpunkt gerückt.
Sally wird zu einer Frauenfigur im Stile Emma Bovarys oder Anna Kareninas
stili-siert. Dreisterweise wird dieses Zitat gleichzeitig ironisch gebrochen,
indem es als solches markiert wird. Zugleich wird damit ein Problem deutlich:
Einen Vergleich mit einer der beiden Hauptfiguren hält Sally Fink leider
einfach nicht stand. Daneben muss sie blass und zweidimensional wirken. Und
das liegt nicht am Fehlen der Diskrepanz aus Anspruch und Bedürfnis, sondern
an der Selbstverständlichkeit, mit der alles geschieht. Damit geht eben
leider auch ein Großteil des tragischen Konfliktes verloren.
Es scheint ein wenig, als wollte Geiger mit seinem neuen Roman an den
Erfolg von „Es geht uns gut“ anknüpfen. In der Tat muss man zugeben, dass der
Text stilistisch gelungen ist und auch die Handlung einen interessanten
Spannungsbogen bildet. Präzise, geradezu pathologisch wird das Innenleben der
Figuren seziert – aber muss das wirklich immer noch erklärt werden? Auf die
Beobachtung folgt die Erklärung und auf die Dauer fühlt man sich als Leser
beinahe bevormundet. Der Text lässt die Beobachtung nicht wirken wie Geiger
das bisher am eindrucksvollsten in der Erzählung „Also das wär's so ziemlich“
im Band „Anna nicht vergessen“ bewiesen hat. Und so muss sich die Empfehlung
eher anhören wie die Bewertung einer Schularbeit, an der eigentlich nichts
auszusetzen ist, aber der doch irgendetwas fehlt. Vielleicht sind es ja
wirklich die Zwischentöne.
Stefan Rehm