| Buch - 31.03.2010 |
Sie sind sieben, sieben Kinder, die zum letzten Mal ihre Sommerferien so verbringen werden: Der ältere Bruder, die witzeerzählenden Zwillinge, die schicke Sybille und auch deren kleine Schwester, Schniefer und der Ami-Michi. Und dieses „so“ ist – um gleich einmal bescheiden mit dem Ganzen zu beginnen – eben der mehr oder weniger poetische Kern, um den des neue Buch von Georg Klein „Roman unserer Kindheit“ kreist.
Die Ferien beginnen mit einer Katastrophe: mit
dem Fahrrad-Sturz das älteren Bruders, bei dem seine Ferse so in
Mitleidenschaft gezogen wird, dass er die gesamte restliche Zeit, in der der
Leser ihn und seine Freunde begleitet, nicht ohne Hilfsmittel wird laufen
können. Und so muss er immer wieder zu dem ebenfalls witzeerzählenden Arzt
Doktor Felsenbrecher („Statt 'ner Spritze gibt’s heut Witze“), der ihn und im
Verlaufe der Geschichte auch andere zusammenflickt. Nicht laufen zu können
ist in der harten Welt der fünf Wohnblocks über Oberhausen ein recht
gewichtiger Nachteil, beispielsweise wenn man vor dem älteren Huhlenhäusler
Achim flüchten muss, der mit Freude die Kleinen erpresst oder verprügelt.
Georg Kleins letzter Roman begann mit der Feststellung „Die Menschen sind
tollkühne Tiere“, nun im „Roman unserer Kindheit“ ist der Mensch ebenfalls
ein Tier, ein Fluchttier.
Es ist eine furchtbare und poetische Welt, die Klein dem Leser aufzwingt und
man würde wohl nicht zu kurz greifen, wollte man behaupten, dass den Figuren
wie den Lesern Gewalt angetan wird. Etwa wenn geschildert wird, wie einer der
beiden Päderasten der Siedlung nach einem guten Tischtennisspiel dem Jungen
die Münze tief in die Hosentasche schiebt. Oder wenn der Vater des Ami-Michi
beim Fußball-spiel so versehrt wird, dass ihm sein restliches Leben ein
Humpeln zurückbleiben wird. Und dann sind da noch die Überbleibsel der
Vergangenheit, die Veteranen, die stillgelegte Bärenkellerwirtschaft, der
leerstehende und verbarrikadierte weiße Block. Und auch wenn das alles
anfangs wie ein spannender Abenteuerspielplatz der Kinder wirkt, so wird es
im Laufe der Zeit ein Ort, der furchtbar und poetisch zugleich ist. Immer
wieder läuft man als Leser auf der Suche nach Erklärungen ins Leere. Ein Sofa
steht auf der Wiese zwischen den Blöcken; wie es dort hin kommt, wer es immer
wieder ein Stückchen weiter trägt, wessen Krücken darin versteckt sind, man
weiß es nicht. Es erinnert ein wenig an die Anfangs-szene im Film „Punch
Drunk Love“, in dem sich vor den morgendlich-lethargischen Adam Sandler als
Barry Egan und seiner Kaffeetasse ein Auto überschlägt und ein Harmonium aus
einem Lieferwagen vor ihn hingestellt wird. Und er steht ebenso fassungslos
da wie der Leser in Kleins Roman.
Neben diesen wunderbaren und zugleich furchtbaren Bildern ist der Roman auch
ein verzerrter Krimi, der in jenem Stil, der Klein auszeichnet, versucht
hinter Geheimnisse zu kommen. Wie schon in „Barbar Rosa“ ist es jedoch eher
so, dass die Geheimnisse zu den Figuren kommen und nicht umgekehrt. Und eben
darin liegt das Furchtbare des Romans, dass die Zukunft nichts Freundliches,
Erwartetes mehr in sich trägt - die Zukunft ist bedrohlich. Immer wieder, oft
in Nebensätzen, wird ein kleiner, grausamer Blick in diese Zukunft geworfen,
wie Wischmann aus der Nachbarschaft mit einem Herzinfarkt von der
Toilettenschüssel kippen wird. Und diese bedrohliche Zukunft ist es auch, die
über der Kindheit der sieben Kinder hängt.
Der Roman ist nicht nur furchtbar und grausam, er ist wie bereits erwähnt
poetisch - gerade das macht ihn so furchtbar. Es ist diese Art zu erzählen,
die die Besonderheit ausmacht. Denn im Text selbst stellt sich immer die
Frage, was wirklich und was erzählt ist. Und auch dabei muss der Leser wieder
ins Leere laufen, denn auch das Erzählen ist flüchtig, der Erzähler ist nicht
fassbar, er ist die verschwommene achte Person, die die sieben Kinder auf die
Wand der Bärenkellerwirtschaft gemalt hat – und im nächs-ten Moment ist das
Bild wie eine Fata Morgana verschwunden. Immer wilder treibt es der Text,
immer wilder treibt der Text mit der Spannung, die daraus entsteht, den Leser
vor sich her. Immer ist der Roman einen Schritt voraus, und erfindet sich
selbst. Der ältere Bruder ist ein großartiger Erzähler; er liest den anderen
Kindern Comics vor. Dabei erfindet er stets etwas hinzu, verändert die
Geschichte. Die anderen Kinder werden das erst später bemerken, doch da ist
die Kindheit schon vorbei. Und wieder ist der Text einen Schritt voraus und
der Leser hechelt hinterher und ist froh und enttäuscht zugleich, wenn der
Roman zu Ende ist.
Stefan Rehm