| Neu im Kino - 04.03.2010 |
"Der Räuber" von Benjamin Heisenberg kokettiert damit die authentische Geschichte eines österreichischen Marathonläufers zu erzählen, der gleichsam als Bankräuber tätig ist - in den späten 80ern verursachte dieser Fall in der Alpenrepublik das bis dato größte Polizeiaufgebot in der Nachkriegsgeschichte des Landes; Roland Reber indes will in seinem Film "Engel mit schmutzigen Flügeln" angeblich gängige Moralvorstellungen in Frage stellen.
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Auf der diesjährigen Berlinale galt die deutsch-österreichische Produktion Der Räuber von Benjamin Heisenberg bei Kritikern als einer der Favoriten für einen Bären. Der Film über einen authentischen Fall nach dem gleichnamigen Roman von Martin Prinz, der auch das Drehbuch zusammen mit Regisseur Benjamin Heisenberg schrieb, ging letztlich aber leer aus. Er erzählt die – offenkundig aber äußerst frei interpretierte – Geschichte von Johann Kastenberger (1958-1988), der in den 1980er Jahren viele Läufe in Österreich gewann und dessen Rekordzeit von 3:16:07 seit 1988 beim Kainacher Bergmarathon ungebrochen ist. Bekannt wurde er allerdings eher als "Pumpgun-Ronny", der mit einer Ronald-Reagan-Maske und einem Gewehr mehrere Banken ausraubte und auch mindestens ein Menschenleben auf dem Gewissen habe. Seine Flucht aus einer Wiener Polizeikaserne löste in Österreich ein riesiges Polizeiaufgebot aus, als er festgenommen werden sollte, sei er nur "leicht" angeschossen worden und habe sich dann angeblich selbst "gerichtet".
In "Der Räuber" heißt der
großgewachsene sportliche Mann mit recht unbeweglichem Gesichtsausdruck Johann
Rettenberger, gespielt wird er von Andreas Lust. Nach einer jahrelangen Haft,
wo er jede freie Minute die ihm zusteht zum Trainieren seiner Lauffähigkeiten
nutzte und auch zweimal auszubrechen versuchte, wird er auf Bewährung
entlassen. Fast noch am gleichen Tag überfällt er eine Bank. Das Geld, in einem
schwarzen Sack verstaut, landet unter seinem Bett. Die Bereicherung selbst
spielt für ihn anscheinend kaum eine Rolle, es scheint stets nur um eine Art
Triebbefriedigung zu gehen, bzw. um das Ausreizen von Grenzen - irgendwie wie
ein Spiel, wie viel er sich noch "erlauben" kann ohne gefasst zu werden.
Bankraub wie ein Sport, wie ein Marathon, den er ja auch relativ leicht
gewinnt. Andere Läufer oder Polizisten sind weit hinter ihm, wenn er das Ziel
erreicht. Rettenberger spricht kaum, er wirkt immer wie ein gehetztes Tier, das
überall nur Zäune und enge Gassen sieht. Und als ihn in einer solchen engen
Gasse sein Bewährungshelfer über seine Zukunft zur Rede stellen will, tickt der
Sportler aus und schlägt tödlich zu. Die Polizei zählt eins und eins zusammen
und beginnt die Jagd.
Regisseur Heisenberg schafft es, dass der Zuschauer die Gefühllage des
Protagonisten nachvollzieht, ohne über ihn ein Urteil zu fällen. Andreas Lust
vermittelt sehr plausibel wirkend die innere Unruhe eines Menschen, der keinen
"Hafen" findet, aber auch keinen sucht, obwohl seine Freundin vielleicht genau
einen solchen bieten könnte. Nur das Laufen scheint ihn zu einem lebendigen
Wesen zu machen. Was der Film indes nicht einmal im Ansatz schafft, und das ist
bei dem Anspruch doch eine authentische Geschichte zu zeigen, immer ärgerlich:
wenigstens weitgehend bei den Fakten zu bleiben. Denn auch wenn es im
metaphorischen Sinne vielleicht aufgesetzt war von dem wahren Räuber, allein
die Tatsache, dass in den 1980ern jemand mit einer Ronald-Reagan-Maske
operierte; die Freundin dem Vernehmen nach ihm gar ein falsches Alibi
verschaffte und nicht wie auf der Leinwand letztlich "Schuld" ist, dass die
Polizei zugreifen kann; oder eben vor allem, dass es ja vielleicht einen
Unterschied macht, ob ein Mann - egal was er auf dem Kerbholz hatte oder eben
auch nicht - letztlich nicht so wirklich hundertprozentig aufklärbar auf
Autobahnen im Zuge einer Treibjagd der Polizei stirbt oder wie im Film
suggeriert an den Folgen eines Messerstiches eines Mannes dem er den Wagen
rauben wollte - das alles und noch mehr zu zeigen hätte den Film vielleicht
sperriger gemacht. Aber nachdem gleichzeitig auch Psychologisieren
erklärtermaßen nicht ansatzweise im Vordergrund der Macher stand, bleibt man
als kritischer Betrachter am Ende ziemlich unbefriedigt zurück.
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"Moral ist für mich nur ein Druckmittel der Gesellschaft gegen das Individuum. Die ganze Welt folgt den Regeln, die von der Moral auferlegt sind. Für mich gibt es nichts Langweiligeres als einen Film, der vorgibt eine moralische Botschaft zu übermitteln", so Regisseur Roland Reber in einer offiziellen Verlautbarung, aus diesem Grund habe er auch Engel mit schmutzigen Flügeln gedreht. "Eine schmerzhafte Studie über unsere Zeit", sei dies "eine Fuge über eine Generation, die sich ihre Gefühle leiht." Nicht die einzigen hochtrabenden "Versprechen", mit denen die Produktion Zuschauer lockt, vor allem jene neugierig machen dürfte, die andere teils verquaste und vor allem fast immer erschreckend schwache Filme dieses Mannes noch nicht kennt, der nicht müde wird betonen zu lassen, dass seine Werke ohne Fördergelder auskommen müssen.
Was auf dem Papier abermals viel
versprechend klingt, ist auf der Leinwand schlichtweg bedeutungslos, zum Teil
gar grottenschlecht. Kurz umrissen geht es diesmal um drei Frauen, die auf
Motorrädern durch die Gegend fahren und über Sex reden. Gabriela (Marina Anna
Eich) und Michaela (Mira Gittner) nennen sich gefallene Engel und kennen
angeblich keine (falsche) Moral. Die Dritte im Bunde ist Lucy (Antje Nikola
Mönning, vermeintlich - sic! - bekannt durch die ARD-Serie "Um Himmels Willen")
- damit auch sie in die Gilde der Engel mit schmutzigen Flügeln aufgenommen
werden kann, muss sie noch einige Prüfungen bestehen. "Ich ficke, also bin ich"
wird so zu ihrem Motto. Oder so ähnlich. Dazwischen wird aus aberwitzigen
Tagebüchern gelesen und am Strand mit einem Fremden gefickt oder es werden
lahme Feixtänze aufgeführt und auch Piepshows heimgesucht, wobei der Engel in
spe dort zu "arbeiten", u.a. an einer Stripteasestange zu räkeln und einen
Schwanz zu melken hat; und die beiden anderen Frauen dumpfbackig und
pseudolistig zusehen...
Das Drehbuch bietet sogar einige interessante Synopsen bezüglich Schönrednerei
des eigenen Tuns. So wird pure Lust auf Sex ja tatsächlich oft als Verliebtheit
dargestellt, anderen das vorgespielt, was die mutmaßlich hören wollen um so
richtig abzugehen. Umso ärgerlicher ist es, dass solche Inhalte nicht etwa nur
in puncto Inszenierung bei dieser in jeder Faser schlicht billig anmutenden
Produktion unterzu-gehen drohen, sondern ohnedies nur ein paar Minuten des
gesamten, überdies recht kruden "Plots" ausmachen. Dazu ein nahezu durchweg
unterirdisches Schauspiel und Dialoge, die unglaublich gestelzt und hölzern
daherkommen - einzig bei Mönning kann man ansatzweise etwas wie
Schauspielerfahrung erahnen. Und als ob das nicht alles nervend genug wäre,
tönt auch noch in gefühlten neunzig Prozent dieses Machwerks ein größtenteils
ebenfalls recht unpassend und stümperhaft wirkender Musikteppich; und es gitbt
ziemlich viele Szenen, bei denen man fast zwangsläufig denken muss, sie wären
aus einem Making-of hinein geschnitten, das aber widerum kaum etwas zu zeigen
weiß, außer der Arbeit einer Set-fotografin. Diese taucht aber eben tatsächlich
im offiziellen "Handlungsverlauf" ebenso aperiodisch wie dann aber doch fast
jedes Mal aufs Neue unvermittelt auf, um das recht ungelenke Trio oder Teile
davon auf ihren motorisierten Gefährten abzuknipsen.
Überhaupt Motorräder, Quads und Co: viele Minuten dieser "Leinwandarbeit" zeigen nichts anderes, als die Protagonistinnen auf verschiedenen fahrbaren Untersätzen, wie sie in der Gegend, einer vermeintlich authentischen ehemaligen kaserne oder auf einer überraschend leeren Straße herumfahren und so gar noch absolut sinnfreo Benzin verbrennen. Was hängen bleibt, ist ggf. der Ärger über herausgeworfenes Geld für eine Kinokarte und mehr als freizügige Szenen mit der teils bis in ihren Schritt hinein splitterfa-sernackten Mönning. Die indes bieten erwartungsgemäß - zumindest wenn man nicht zufälligerweise katholischer Würdenträger ist, der sich zeitlebens (ausnahmsweise?) an vermeintlich "gottgegebene" Bestimmungen hielt und daher das andere Geschlecht nur vom Hörensagen kennt - wenig Neues für einen durchschnittlichen Erwachsenen.
Red.
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