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Buch - 05.03.2010

Von vorn nach hinten

Andreas Bernard ist selbst seit Jahren Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung und gerade mit diesem Hintergrund ist das Bild, das er in seinem ersten Roman zeichnet, noch erschreckender als sowieso schon. Die Oberflächlichkeit, die der ersten Begeisterung und der totalen Hingabe an den Beruf folgt, wird von ihm in einer Geschichte erzählt, die wirkt, als würde man durch ein Fenster blicken.

Sein Abschluss an der Universität liegt schon eine Weile hinter ihm und die Zukunft nicht gerade rosig vor ihm. So ganz genau weiß Tobias Lehnert nicht, was er machen soll. Er weiß nur eins: Auf Bücher hat er keinen Bock mehr. Schon das Universitätsviertel an sich löst in ihm das Gefühl des Verlorenseins aus. Tobi verbringt seine Zeit in der Flüchtlingsunterkunft, in der er schon seit langem jobbt, doch auf Dauer sieht er auch da keine Perspektive – abgesehen von seiner langjährigen Freundin Emily, die ihn mit ihrer selbstbewussten Art und ihrem eigenen Typ von Anfang an beeindruckt hat. Doch eines Tages weiß er plötzlich, was er will. Und er bietet dem Jugendmagazin ‚Vorn‘ einen Artikel über das Flippern und darüber, dass Männer nie eine herrenlose Flipperkugel ins Aus rasen lassen würden – schon gar nicht in Anwesenheit einer Frau.

Es gelingt Tobias tatsächlich, einen Fuß in die Vorn-Redaktion zu setzen. Das Jugendmagazin, das Trends setzt und als ausgesprochen cool gilt, ist der Traum des jungen Mannes, der hier endlich die Möglichkeit sieht, sich zu verwirklichen. „Als er dort angefangen hatte, wusste er zwar, dass die Zeitschrift als Beilage einer so wichtigen Tageszeitung einigermaßen bekannt sein musste. Aber erst die ganzen Begegnungen und Gespräche im Schumann’s machten ihm deutlich, wie groß die neue Welt, die das Vorn für ihn eröffnete, wirklich war.“ Und er versank mit Haut und Haar in diesem Kosmos, den der Journalismus für ihn öffnete. Was nicht vom Vorn als hip bezeichnet wird, ist out – und das gilt auch für Emily, denn die passt so gar nicht in das Schema derer, mit denen Tobias nun zu verkehren pflegt. Und auch, wenn die Beziehung dem neuen Leben eine ganze Weile standhält und er bei seiner Freundin immer wieder den Halt findet, den er für seine Ausflüge in die Welt der Großen braucht, so entfernen sich die Beiden doch immer mehr voneinander – bis zum Bruch.

Der junge Mann entwickelt sich nicht nur von Tobi zu Tobias, sondern zusehends auch zu einem der arroganten Kerle, die sich aufgrund ihres Berufes für etwas Besseres halten und ihre Meinung über die anderer stellen, ohne zu merken, dass sie beginnen, weltfremd zu werden. In diese Zeit fällt die endgül-tige Trennung von Emily zugunsten von Sarah, die nach außen hin das verkörpert, was Emily nie verkörpern wollte: das 0815-Girlie mit Grips, mit dem man sich ‚sehen‘ lassen kann.

Auf geradezu erschreckend deutliche Weise zeichnet Andreas Bernard ein Bild, das der Wahrheit wohl ziemlich nahe kommt und die sich oft als elitär empfindende Gruppe von Redakteuren skizziert, die den direkten Kontakt zum ‚Fußvolk‘ verliert. Die Macht, die dieser Beruf ausüben kann – und die man mit ihm ausüben kann – das Bewundertwerden und die Möglichkeit, Zugang zu bekommen zu Kreisen, die einen sonst nie beachtet hätten, wirkt oft dermaßen anziehend, dass das alte Leben, die alten Freunde darü-ber vergessen werde und die Betroffenen erst ziemlich spät merken, dass vieles von dem, was sie bewundernd für den Nabel der Welt halten, nichts ist als Schaumschlägerei und Seifenblasen.

Andreas Bernard ist selbst seit Jahren Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung und gerade mit diesem Hintergrund ist das Bild, das er in seinem ersten Roman zeichnet, noch erschreckender als sowieso schon. Die Oberflächlichkeit, die der ersten Begeisterung und der totalen Hingabe an den Beruf folgt, wird von ihm in einer Geschichte erzählt, die wirkt, als würde man durch ein Fenster blicken. Eine wirkliche Handlung mit Spannungsbogen wird man hier nicht finden, stattdessen eher ein Porträt, gezeichnet mit feinem Strich und einiger Ähnlichkeit zu einem Jugendmagazin, das der Süddeutschen Zeitung nicht gerade fern liegt. Im Gegenteil.

Simone Blaß