| Film der Woche – 01.05.2008 |
Ein elfjähriger Türke, zwei jugendliche Kleinstädter und ein bedauernswerter Polizist am 1. Mai in Berlin-Kreuzberg - vier Regisseure kamen zusammen um ihre drei Geschichten von drei Teams zur gleichen Zeit am gleichen Ort aber unabhängig voneinander zu drehen. Herausgekommen ist der Spielfilm "1. Mai - Helden bei der Arbeit", der zeigt, wohin der große persönliche Druck Einzelner führen kann.
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Uwe ist ein vergleichsweise sympathischer Polizist, wohnt eigentlich irgendwo in der Provinz, wird
aber mit ein paar Kollegen wegen der befürchteten Maikrawalle nach Berlin abgestellt. Während die
anderen
Grünuniformierten über Deeskalationsstra-tegien fachsimpeln, schweigt Uwe -
er hat völlig andere Sorgen. Seine Frau - eine Vegetarierin - betrügt ihn
ausgerechnet mit einem Metzger und erwartet
von ihm im Grunde doch nur, dass er endlich mal irgendwie reagiert statt immer wegzusehen und
wegzulaufen. Ein Kollege, der Uwes familiäre Probleme kennt, gibt ihm den
Tipp sich, bevor die Krawalle losgehen, in einem Ordnungshütern
bekanntermaßen wohl gesonnenen
Puff zu "entspannen". Nur alles kommt natürlich ganz anders als geplant.
Jacob und Pelle, zwei Jugendliche, die die Großstadt bisher ebenfalls eher
nur vom Hörensagen kannten, wollen in Berlin schlichtweg ein wenig "Abenteuerluft"
schnuppern. Mit einer handlichen Videokamera ausgerüstet
wird Jacob den gesamten Tag dokumentieren - so auch wie beide auf Randale hoffen, durch die
Straßen und sehr verhaltene Demonstrantenmassen schlendern, eine Drogendealerin kennen
lernen, einem skurrilen Wohnzimmertheater beiwohnen oder sich mehr aus
Versehen mit ein paar türkischen Jugendlichen anlegen. Nur irgendwann
"zaubert" Jacob eine alte Pistole, die er seinem Opa - bei dem er wohnt - geklaut
hat, doch das wahre Unglück nahm schon Stunden vorher seinen Lauf.
Auch der erst elfjährige Kreuzberger Yavuz meint erwachsen genug zu sein, um bei
der 1. Mai-Demo mitzumischen und für Ärger sorgen zu können. Trotz der Mahnungen des
älteren Bruders haut er von zu Hause ab, und lernt den Alt68er Harry
kennen, der inmitten des sich nunmehr anbahnenden Chaos eine Straßenbarrikade gegen die
Polizei errichtet. Yavuz geht ihm zur Hand uns als die Polizisten anrücken,
flüchten sie in Harrys Wohnung, wo er in alten Protest-Erinnerungen schwelgt
bis ein aus einem U-Bahn-Waggon geklauter Notfallhammer auch in dieser
Geschichte für eine ungeahnte Wendung sorgt.
Drei Episoden haben drei Regieteams auf den Tag genau vor zwei Jahren in
Berlin gedreht und zwischen-zeitlich zu einem wirklich fabelhaften Ganzem zusammenmontiert. "1.
Mai - Helden bei der Arbeit", der Eröffnungsfilm der Reihe "Perspektive
Deutsches Kino" während der diesjährigen Berlinale, handelt von
nominell äußerst unterschiedlichen Individuen, die alle für sich unter großem
Druck stehen, einen Anlass suchen, um ihre Wut loszuwerden. "Der
Grundgedanke war es in einem so kompetitiven Umfeld wie dem Filmemachen ein
Gemeinschaftsprojekt unter Freunden, unter Gleichgesinnten zu realisieren.
Ein "sozia-listisches" Projekt, nicht im eigentlichen politischen Sinne,
sondern im wahrsten Wortsinne: Solidarisches Filmemachen. Und da bot
sich in meinen Augen kein Tag besser an als der 1. Mai in Berlin", so Produzent Jon Handschin, der gemeinsam
mit seinen Kollegen Alexander
Bickenbach und Christian Rohde, Autoren und Regisseure zum Mitmachen
eingeladen hatte: Sven Taddicken ("Emmas Glück") und Michael Proehl
("Katze im Sack") verfilmten die Geschichte des kleinen Yavuz, Jakob
Ziemnicki ("Tompson
Musik") und Oliver Ziegenbalg ("Kein Bund fürs Leben") beschäftigten sich mit
dem Polisten Uwe und Carsten Ludwig ("Detroit") widmete sich zusammen mit
Jan-Christoph Glaser ("Neandertal")
der Episode "Ausflug", also den beiden Halbstarken.
Obwohl alle drei Geschichten weitestgehend
unabhängig voneinander gedreht wurden,
fügen sie sich sehr harmonisch ineinander. Der Film hat zudem einen
erfreulich
authentischen Charakter, auch Dank der schauspielerischen Leistung des
gesamten Ensembles - Peter Kurth ("Good Bye, Lenin!") als Altlinker; Benjamin
Höppner ("Die Wache") als Polizist; Oktay Özdemir ("Wut") als der große
Bruder von Yavuz, für den Camal Subasi zum ersten Mal vor der Kamera stand;
der Kulturtrüffelnominierte Jacob Matschenz ("Die Welle", "Neandertal") als Jacob und Ludwig Trepte ("Kombat
Sechzehn") als sein Kumpel - es fällt hier schwer einen einzelnen Namen
herauszustellen.
(Red.)