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Audiokunst – 22.05.2008

Von Höhen und Tiefen

Der Kabarettist Matthias Egersdörfer schaut grimmig ins Publikum und arbeitet seine Kind-heitstraumata auf; Ben Becker rezitiert getragen und musikalisch untermalt Luthers Bibel; Floh de Cologne brennt seine altes musikalisches Rotkäppchen-Märchen für Groß und Klein auf CD; André Ziegenmeyer rezitiert "Paraintellektuelle Literatur" - skurrile Geschichten mit viel Wortspielereien; und Bela B. macht einem Vampir-Mädchen das Leben schwer: Nachfol-gend ein kurzer Überblick über teils nicht nur theoretisch viel versprechende Hörbücher und Artverwandte.

 

Wer hätte gedacht, dass der grantige Franke (links im Bild) aus dem Nürnberger Land mit seinen vielen Wutausbrüchen ausgerechnet in Hamburg seinen ersten Comedy-Preis bekommen würde? Der Medienberater Matthias Egersdörfer (1969), studierter Germanist, Philosoph und Künstler, ist vor kurzem wie eine wuchtige Rakete in die Kabarett-Szene gedonnert, und seine Fangemeinde wächst unaufhörlich. Es ist auch nahezu möglich, ihn nicht ins Herz zu schließen, diesen korpulenten Mann mit dem schütteren Haar und dem grimmigen Gesichtsausdruck. Er erzählt von ganz gewöhn-lichen Alltagssituationen, die im Verlauf des Abends immer abstruser werden, wenn sich Egersdörfer in Rage redet, das Publikum anbrüllt. Man könnte glauben, der Mann explodiere gerade. Ob als kleiner Bub mit der Mutter an der Wurstthe-ke, Kundenkartenwahn im Supermarkt, Gegenstände auf der Autobahn, oder grausige Erinnerungen an die Schulzeit mit Papierschiffebasteln: Seine Geschichten sind brüllend komisch. Viele Preise hat er mittlerweile bekommen, zuletzt in Stuttgart mit der Begründung: "Für seine umwerfende Fränkische Cholerik wird Matthias Egersdörfer mit dem 'Goldenen Besen' geehrt. Er ist so gut, weil er so schlecht drauf ist. Selten wurde mit mieserer Laune ein besserer Witz verbreitet. Mit kunstvoll geflochtenen Kanonaden beschimpft Matthias Egersdörfer seine Kabarettbesucher. Einen Besen für den Grantler auf Weltniveau." Der Röthenbacher, der schon seit 1994 als Kabarettist auftritt, ist mittlerweile auf allen Kanälen präsent: Beim "Scheibenwischer" erzählte er, wie es ist, mit einem Terroristen verwechselt zu werden, bei "Dittsche" schaute er bereits zweimal vorbei, und auch Stefan Raab hat ihn eingeladen. Sein aktuelles Programm "Falten und Kleben" ist mittlerweile auch als Audio-CD (Comydor) erschienen, ein absolutes Highlight.

Gut zwei Jahre lang habe er an dem Projekt gearbeitet, so Ben Becker, Jahrgang 1964. "Die Bibel - Eine Gesprochene Symphonie", die nun als Audio-CD (Baumhaus Verlag Frankfurt) und auch als DVD mit Aufnahmen eines Live-Auftritts im Berliner Tempodrom erschienen ist. Sieben Wochen nach seinem Zusam-menbruch wegen Drogenkonsums stand er 2007 vor etwa 3.000 Zuschauern ganz in Schwarz gekleidet hinter einem lilafarbenen Rednerpult mit goldenen Kreuz darauf. Begleitet vom Deutschen Filmorchester Babelsberg und seiner Zero Tolerance Band las er sein persönliches "Best Of" aus dem Alten und Neuen Testament: die Schöpfungs- und Sintflutgeschichte, über Adam und Eva, Kain und Abel, Moses, Hiob und Jona, von der Geburt Jesu über die Kreuzigung bis hin zur Auferstehung. Das Ganze begleitet von eigens komponierter Musik und neu bearbeiteter Werke von Gustav Mahler, Johnny Cash oder Elvis Presley. Missionieren wolle er niemanden, so Becker. Auch reli-giös im "klassischen Sinn" sei er nicht. Einen Traum wollte er sich erfüllen, und Geschichten vorlesen, wo "einfach alles drin" sei, "ein sehr blutiges Buch, ein sehr reales Buch, was unsere Geschichte angeht. Auch sehr real, mit dem was momentan passiert im Sinne von Globalisierung." Es ist aber allein seine sanfte, tiefe, rauchige Stimme, die einen bei diesem Projekt mitnimmt. Das Ganze wirkt recht pathetisch und gewollt und ist nicht jedermanns Kost, ob man die Bibel "mag" oder nicht. 

Der Wolf ist richtig böse auf das Rotkäppchen, weil es eine Tapferkeitsschule für die anderen Tiere eröffnet hat. Seitdem dort fleißig trainiert wird, kriegt er keine Beute mehr und der Magen knurrt. So beschließt er, das freche Mädchen aufzufressen. Der Fuchs unterstützt ihn dabei tatkräftig, nicht ohne Hintergedanken: Er hat nichts dagegen, wenn sein großer Kumpel das Rotkäppchen beseitigt, denn dann wird der Jäger auf den Plan treten, den Wolf erschießen, und der Fuchs endlich im Wald regieren. Nach seinem Rat als Hund verkleidet trollt der Wolf nun durch die Gegend, Oma landet zuerst in seinem Bauch, doch die beiden haben die Rechnung ohne den Hasen Weißohr gemacht. Ende der 70er Jahre hat die Band Floh de Cologne, 1966 von Kölner Studenten als Politkabarett gegründet, für das Staatstheater Wiesbaden "Rotkäppchen - ein Märchen mit viel Rock und Pop und Rum-ta-ta" nach Jewgeni Schwarz inszeniert. 1983 stellten sie ihre besonderen Märchenstunden nach 3000 Konzerten in und außerhalb von Deutschland auf. Das Kinder-Musical mit kritischem Solidaritäts-Appell, ganz im Stil des damaligen Zeitgeistes, wurde zum Kult, die LP mit Einspielungen von bekannten Liedermachern war später kaum noch auffindbar. Nun gibt es mit der CD "Rotkäppchen" (Pläne) eine Wieder- und Neuentdeckung, mit technisch aufbereiteten Originalaufnahmen.

"P.L.Ü.S.C.H.: Paraintellektuelle Literatur übersetzt in subversiv-charmante Hörbarkeiten" (periplaneta) - so der etwas sperrige Name des ersten Hörbuchs von André Ziegenmeyer (1983). Es sind elf Geschichten und Gedichte über die Mühen des Beamten Staneslaus Schalubke: Neu entstehenden Ortschaften Namen zu geben, nekrophile Vorlieben des Trüffelschweins, liebeskranke Computer, die aufgedeckte Verschwörung der Zwirbelasten - der Welt von Dr. Ulrich Wirrwarr oder Rechtsanwälte, die das Paradies einklagen wollen. Mit passender Musik untermalt, erzählt der Autor selbst - das auch sehr angenehm - die in einer wirklich poetischen Sprache geschriebenen, skurrilen und höchst unterhaltsamen Texte voller trockenem Humor.  

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Bela B. ist gern ein Bösewicht, so auch bei der Vertonung von Manfred Weinlands Serie "Vampira" über eine hübsche junge Halbvampirin. Der machen die Blut liebenden Freunde ihrer verstorbenen Mutter das Leben schwer, weil sie ihnen bei ihren Welbeherrschungsplänen im Wege steht. Mittlerweile ist die siebente Episode "Diener des Bösen" als Hörbuch zu haben mit Sprechern wie Christian Rode, Tina Haseney oder eben Bela B. Felsenheimer von den Ärzten, der den Landrus, den Erzfeind von Vampira, gibt. In dieser vorletzten Folge der Serie erhält die junge Frau ein magisches Heilmittel, mit dem sie ihre bisherigen Gegner in ihre Helfer verwandeln kann, muss aber aufpassen, nicht in eine Falle von Landrus zu tappen. Wer die Vorgeschichte nicht kennt, bekommt sie im ersten Track kurz zusammengefasst. Reichlich mit Musik und einer passenden Geräuschkulisse untermalt, vermag das Hörbuch einen jedoch nicht wirklich in den Bann zu ziehen, was zum Teil an einigen Sprechern liegt, die ziemlich gekünstelt wirken.   

(Red.)

Legende der Punktwertungen:

= schlichtweg herausragend

= empfehlenswert

= interessant

= zwiespältig

= ziemlich mau

= grausam