| Neu im Kino – 02.05.2008 |
Zwei Teeanger-Mädchen und eine sehr eigenwillige Familienkonstellation; ein in Deutsch-land geborener Armenier stellt sich seinen verdrängten Wurzeln; eine polnische Hochzeit steht unter keinem guten Stern, besonders für den Brautvater, und im mittelalterlichen Franken lehrt der Ritter Ekkelin Nürnberger Kaufleuten das Fürchten - in dieser Woche starten neben den "Helden der Arbeit" weitere zumindest nominell spannende Produktio-nen. Auch Dokumentationen über den Konflikt zwischen China und Tibet respektive über Erinnerungsbücher aidskranker Mütter in Uganda.
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Eine wahre Geschichte soll den Anstoß zum Film "Was am Ende zählt" gegeben haben. In Köln kümmerten sich zwei Mädchen gemeinsam um ein Baby. Doch Eifersüchteleien zwischen Beiden führten zum Tod des Kleinen. Bei den Drehbuch-arbeiten kam Regisseurin Julia von Heinz (1976) mit ihrem Mitautor John Quester allerdings von der ursprünglichen Idee ab und statt eine Katastrophe zu erzählen, fokussierte sie ihren Debütspielfilm um zwei junge Frauen auf deren eigenwillige Familienkonstellation. Entstanden ist so ein starkes Sozialdrama, hervorragend und sehr überzeugend gespielt von Marie Luise Schramm ("Bin ich sexy", "Komm näher") und Paula Kalenberg ("Die Wolke", "Krabat").
Letztere verkörpert Carla, die ihren Vater um 3000 Euro erleichtert hat und von zu Hause abgehauen ist. Sie will nach Lyon, um dort in einer Privatschule Mode zu studieren. Doch schon am Bahnhof endet ihre Reise, nachdem sie ihrerseits nicht nur um jenes Geld sondern gleich auch um ihr ganzes Gepäck von jungen Trickdieben erleichtert wurde. Völlig abgebrannt und natürlich nicht in der Rolle zur Polizei zu gehen, landet sie noch in der gleichen Nacht im Bett eines gewissen Rico, der ein Schiffswrack in eine schicken Bar verwandeln will und Carla ab dem nächsten Morgen auch die Chance gibt, auf dieser Bau-stelle Geld zu verdienen. Dabei lernt sie die Waise Lucie kennen, die wie ihr Bruder "Stammgast" beim Sozialamt ist. Die beiden Teeanger-Mädchen könnten unterschiedlicher nicht sein, trotzdem entwickelt sich alsbald eine innige Freundschaft. Als Carla endlich genug erwirtschaftet hat um doch noch nach Lyon reisen zu können, stellt sie fest, dass sie schwanger ist. Für eine Abtreibung ist es schon zu spät, zum Arzt kann sie nicht, weil sie über ihren Vater versichert ist und ja bestimmt schon längst nach ihr gesucht werde. Lucie, die ihre neue Freundin ohnedies nicht wegziehen lassen möchte, schlägt ihr einen Pakt vor: Carla bekommt das Kind unter ihrem Namen mit ihrer Krankenkassenkarte und Lucie übernimmt danach das Baby. Bis zur Geburt verstecken sich die Beiden in einer Wohnung, wo sich auch Lucies fauler Bruder als Mitwisser einnistet. Als das Kind da ist, will Carla es aber nicht mehr hergeben...
Schwarzer Humor aus Polen
Ein uneheliches Kind scheint auch Kaskas Zukunft zu besiegeln. Ihr Vater, ein
reicher Bauer, der seine Ersparnisse in einem Gewächshaus verbuddelt
aufbewahrt, will seine Tochter unter die Haube bringen, ehe die
Schwangerschaft nicht mehr zu leugnen ist. "Eine Hochzeit und andere Kuriositäten" -
im Original "Wesele" - ist eine herrliche schwarze Komödie von Wojciech Smarzowski über Korruption und gilt
in seiner polnischen Heimat (dort kam er ins Kino) als der beliebteste Film der
letzten Jahre, wobei die Grundgeschichte von Andrzej Wajda bereits im Jahr
1973 aufgegriffen worden war und auch ein Theaterstück von 1901 zurückgeht - Smarzowski passte sein
Remake jedoch jede Sekunde spürbar an die modernen Zeiten an, womit nicht nur
ein Audi TT in den Mittelpunkt rücken konnte.
Der Brautvater möchte die Hochzeitsgäste einerseits mit seinem
Reichtum blenden und andererseits so wenig Geld wie möglich ausgeben. Bei
diesen Überlegungen geht allerdings alles schief, was schief gehen kann: die
Musiker weigern sich zu spielen, solange die Rechnung noch offen ist; der
Beschaffer seines sündhaft teuren Geschenks an den Bräutigam (der seinerseits
erwartungsgemäß nicht der Kindsvater ist und dies auch weiß) bedroht ihn mit dem Leben, das Essen ist verdorben; Opa segnet
unvermittelt das Zeitliche und so fließt mit jeder Stunde das Schmiergeld ähnlich wie der billige Wodka durch die Kehle der
durstigen Partygesellschaft, zu der auch korrupte Polizisten und auch
wirklich gefährliche zwielichtige Gestalten gehören.
Vergangenheit holt ein
Probleme ganz anderer Art beschäftigten Theaterregisseur Nuran David Calis in seinem ersten Spielfilm. Der Sohn armenisch-jüdischer
Einwanderer aus der Türkei widmet sich in "Meine Mutter, mein Bruder und
ich!" dem inneren Konflikt eines Menschen,
der herausfinden muss, wohin er gehört. Dies darf mutmaßlich stellvertretend
auf der Leinwand die Figur des 23jährige Areg übernehmen, dessen Familie als Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Während der zehn Jahre Wartezeit auf die
Genehmigung des Asylantrags leben seine Mutter Maria und der jüngere Bruder Garnik in Regensburg, wo auch der
früh verstorbene Vater begraben liegt. Areg will in
Deutschland Fuß fassen, Filmregie studieren. Er wohnt in München,
identifiziert sich mit seiner neuen Heimat, spricht im Unterschied zu seinem
Bruder niemals Armenisch, geschweige denn schreibt er in dieser Schrift. Die Mutter
hängt sehr an ihrem Land, an den Traditionen, dem Essen, und versucht ihrem
älteren Sohn gar armenische
Mädchen schmackhaft zu machen. Garnik will derweil in den Kaukasus
zurück, weil im Dorf seiner Mutter viel Gold begraben liege - die alte Sage
hat ihm ein Freund der Familie erzählt und er glaubt daran. Als die zuckerkranke Mutter im Krankenhaus
landet, muss auch Areg seine Zukunftspläne komplett umkrempeln.
Die Idee nach der Suche der eigenen Identifikation kann an und für sich sehr
spannend sein. Nur dieser Film verfehlt
seine gewollte Wirkung vollends. Zum Teil wegen wenig überzeugend agierender
Darsteller, aber auch wegen Fehlern im Detail und einiger schlichtweg
lächerlicher Drehbucheinfälle. In Deutschland herrschende Klischees wollte
der Regisseur ebenfalls ansprechen, sei es das komplette Desinteresse an
Fremden, oder dass die deutsche Friedhofsverwaltung nur Steine vom ansässigen
Steinmetz akzeptiert - schade, dass es ihm dabei nicht einmal im Ansatz
gelingt authentische Figuren zu zeichnen - selbst die armenische Familie
wirkt pausenlos gekünstelt und wie eine Karikatur ihrer selbst. Vom
behandelnden Arztes oder dem Regensburger Verwaltungsangestellten ganz zu
schweigen. Das nominell erfahrenste Ensemblemitglied - Corinna Harfouch -
lässt das Ganze gar endgültig als schlechten Scherz erscheinen.
Ritterfilm aus Franken
"Ekkelins Knecht", ein Ritterfilm über
den unbeugsamen Ekkelin und sein Gefolge, die im Mittelalter Nürnberger
Kaufleuten das Leben schwer machten, kommt gar mit einem gänzlich namenlosen
Darstel-lerteam und Stab aus. Abseits jedweder Klischee von Ritterburgen, ihren Fräuleins, wehenden
Bannern und Lanzenturnieren erzählt der No-Budget-Film (250 000 Euro statt
des üblichen 2,5 Millionen für eine durchschnittliche deutsche
Filmproduktion) aus der Sicht der kleinen Leute das Leben am Ende des 14.
Jahrhunderts. 1381 in Neumarkt in der Oberpfalz wurde der Raubritter Ekkelin
Geyling (korrekter Name Eppelein von Gailingen) mittels Räderung hingerichtet.
Unzählige Gerichtsverfahren
und Klagen gegen den Ritter, der neben seiner Räuberei auch zum Opfer immer
stärker werdender Spannungen zwischen den wirtschaftlich erstarkenden
Reichsstädten und den Fürsten wurde sind historisch belegt. Sein Schik-ksal
und die Mythen um seine Person dienten dem Journalisten,
Theaterpädagogen und Fechtlehrer Peter Klewitz als Vorlage, um ein
Drehbuch über den untergehenden Ritterstand zu schreiben. Der Mann über-nahm
auch gleich die
Rolle von Ekkelin, die Regie führte TV-Dokumentarist Reinhard Kungel.
Nach dem Pesttod seiner Eltern findet Konrad (Philipp Sprongl) eine Stelle
als Rossknecht im Gefolge des fränkischen Ritters Ekkelin Geyling, und träumt
davon später selbst ein Kämpfer zu werden. Doch sein neuer Herr hat sich mit
Nürnberg angelegt. Nach einer missglückten Intrige wird Ekkelin enteignet,
und in der Folge
zum Raubritter und Wegelagerer - womit er seinen endgültigen Untergang
besiegelt.
Nach des Ritters brutaler öffentlicher Hinrichtung schlüpft Konrad in Ekkelins Rüstung,
wird aber die Erfahrung machen, dass die Zeit der edlen Reiter längst vorbei
ist.
Mit einfachsten Mitteln schafft es das gesamte Ekkelin-Ensemble, das ehrenamtlich vor und
hinter der Kamera tätig war, einen Film ins Kino zu bringen, der statt Pathos
und Ritterromantik glaubhaft dama-ligen Zeitgeist vermittelt. Die solide Kameraführung und Schauspielleistung
vermag über einige kleine
Schwachpunkte hinwegzutrösten - und so kann jeder Zuschauer für sich
letztlich sogar der Frage nachgehen, wie es eigentlich heutzutage um die
Rechte der kleinen Leute bestellt ist - ob sich die Zeiten und damit der
Einfluss von Kirche und Regierenden also wirklich nennenswert geändert haben.
Reise nach Tibet und Reise nach Uganda
Außerdem starten in dieser Woche zwei zumindest nominell spannende Dokumentationen in
den Kinos. In
"Die Roten Drachen und das Dach der Welt" zeigen Marco
Keller (Regie und Kamera), Lehrbeauf-tragter für Filmtheorie und Kameraarbeit
an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, und Realschullehrer und Fotograf Ronny Pfreundschuh
(Drehbuch, Fotodokumentation) Eindrücke ihrer Reise nach Tibet, noch bevor die jüngste Welle von Gewalt
dort losbrach. Als Touristen getarnt waren die Beiden im Herbst 2004 drei
Monate lang in dem von China unterdrückten Land unterwegs und haben
größtenteils Bilder mitge-bracht, die man aus unzähligen anderen Dokumentationen
über Tibet kennen kann - leuchtend goldene Dächer, die Altstadt von Lhasa, Mönche in roten Gewändern oder
Betende mit drehenden Gebetsmühlen. Sie zeigen aber auch eher rare
wunderschöne Naturaufnahmen ohne kitschig zu wirken; und vor allem ist es
ihnen gelungen chinesische Grenzsoldaten auf Zelluloid zu bannen, die Tibeter
auf deren Flucht durch unbefestigte Gebirgswege nach Nepal abknallen wie
räudige Hunde. Bei den Interviewsequenzen mit Tibetern wie Chinesen liegen
aber im Grunde die wenigen wirklich sehenswerten Momente - denn viele andere
Passagen sind mit richtig schlecht gesprochenen Offkommentaren überfrachtet.
Noch dazu werden undifferenzierte Diskussionen mit Halbwissen aus dritter
Hand geführt oder fraglos schlimme Fakten, die aber eben mehr oder minder
alle Menschen in China und Gebieten wie Tibet betreffen, so dargestellt, als
ob einzig eine Ethnie oder Religionsgemeinschaft darunter zu leiden hätte.
Weitaus fundierter erscheint - und zwar erfreulicherweise gar von der ersten bis zur letzten Minute - die Dokumentation "Memory Books - damit du mich nie vergisst...". In Uganda schreiben aidskranke Mütter heutzutage so genannte Erinnerungsbücher für ihre Kinder. Diese Hefte mit eingeklebten Bildern, Zeichnungen und Texten von Frauen, die zum Teil kaum das Alphabet beherrschen, sollen irgendwann einmal Trost spenden, oder auch nur Erinnerungen an die Verblichenen wach rufen - insbesondere eine Hilfestellung für jene Kinder sein, deren Eltern sterben werden, ehe sie selbst groß genug waren, sie richtig kennengelernt zu haben.
Es gibt schließlich etwa zwei Millionen Aids-Waisen in Uganda. Trotz der offensiven Aufklärungsarbeit der Regierung gehen Experten davon aus, dass knapp 35% der Bevölkerung mit dem HIVirus infiziert sind. Wenn die Eltern sterben, bleibt es meist den Kindern überlassen, für die jüngeren Geschwister und sich selbst zu sorgen. Die Regisseurin Christa Graf hat in ihrem Film ein wirklich besonderes Projekt zum Thema gemacht, und sie schafft es vor allem ohne Pathos, aber dennoch sehr einfühlsam und anrührend davon zu berichten: Infizierte Eltern, meist sind es die Mütter, setzen sich im Bewusstsein, dass sie bald sterben werden, gemeinsam mit ihren Nachkommen mit dem bevorstehenden Tod auseinander. Kindern wird dabei offen aber auch sehr sensibel nahe gebracht, dass sie bald auf sich alleine gestellt sind. In den Memory Books werden schöne wie schmerzhafte aber auch scheinbar ganz unbedeutende Erinner-ungen verewigt, neben Familien- und Stammesgeschichten beispielsweise auch Märchen erzählt, Werte und Traditionen vermittelt und Zukunftswünsche festgehalten. Das Filmteam ist diesen Müttern und ihren Kindern ganz nahe, es zeigt den Alltag dieser Menschen, die trotz ihrer Krankheit zumindest ein Stück weit positive Kraft (wieder)gefunden haben. Eine zu Herzen gehende Geschichte über Aids und seine Folgen in einem armen Land.
(Red.)