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Ein schottisches Fischerboot steht kurz vor dem Konkurs. Der Fang ist schlecht, und der Kapitän (Gary Lewis) deshalb kaum noch ansprechbar. Sein Sohn Sean (Martin Compston) zerbricht sich den Kopf, wie er dem Skipper aus dieser Situation helfen könnte. Als sie in einen europäischen Hafen einlaufen, beschließt er Schmuggelware nach Schottland mitzunehmen. Doch statt der erwarteten Zigaretten bekommt er 20 illegale chinesische Immigranten offeriert, für gutes Geld. Sean geht auf den Deal ein, weiht den Fischer Riley (Peter Mullan), der mit auf dem Boot schuftet, ein, verschweigt es aber seinem Vater und auch der ohnedies etwas einfältige junge Koch (Steven Robert-son) ahnt lange nichts. Doch während die Flüchtlinge im Frachtraum untergebracht und notdürftig mit einem Eimer als Toilette versorgt sind, versteckt sich ein kleines chinesisches Mädchen unbemerkt im Maschinenraum. Als Su Li (Angel Li) aus der Küche Bohnenbüchsen stibitzt und dafür an ungewöhnlichen Orten heimatliche Geldscheine hinterlegt, wundert der Koch sich nicht wenig.

Um bei der Zollbehörde nicht aufzufallen, muss für alle Beteiligten derweil ein großer Fang her. Während der Fischerkutter erfolglos in der See herumstochert, wird die Situation der Chinesen zunehmend uner-träglich - als dann auch noch ein Sturm losbricht, nimmt die Katastrophe endgültig ihren Lauf.

Ausschlaggebend für das Thema seines ersten Lang-Spielfilms waren für Steve Hudson (Jahrgang 1969, Darsteller u.a. in "Tor zum Himmel") zwei Ereignisse: Zum einen wurden im Jahr 2000 in Dover 58 tote illegale chinesische Einwanderer in einem Container entdeckt. Sie erstickten, weil der LKW-Fahrer aus Angst, dass sein illegales Geschäft auffliegt, während der Überfahrt mit der Fähre alle Luftklappen fest verschlossen hatte. Zum anderen erlebte der Fischereihafen Fraserburgh im Nordosten Schottlands seinen wirtschaftlichen Niedergang: Innerhalb von zwei Jahren verlor er die Hälfte seiner Flotte - über 100 Boote. Während große Schiffe überlebten, gingen die kleinen traditionsreichen Familienunternehmen zugrunde. Steve Hudson, der seit 1996 in Deutschland lebt, schrieb das Drehbuch und verfilmte die rohe, unter die Haut gehende Geschichte um vier Männer und der ihr anvertrauten menschlichen "Ware".

"True North" fesselt mit einer sich eineinhalb Stunden teils bis ins Unerträgliche steigenden Spannung. Und obwohl der Zuschauer von Anfang an ahnt, dass das alles nicht gut ausgehen kann, überrascht der Film doch mit unvorhersehbaren Wendungen. Es ist ein perfektes Zusammenspiel zwischen menschlicher Verzweiflung und unberechenbarer Natur. Er wollte schon immer einen Film auf einem Schiff drehen, so Regisseur Hudson, "weil es so eine fantastische Kombination ist: unter Deck ist es komplett klaustropho-bisch, und auf Deck kann man 50 Kilometer in jede Richtung schauen... Die Gefühle werden nie richtig ausgedrückt, und doch sind sie gleichzeitig sehr nah an der Oberfläche... Es ist beinahe so, als sei man in einem Gefängnis. Man ist zusammengepfercht mit anderen Menschen und gleichzeitig der Natur und ihren Elementen auf eine Weise ausgesetzt, wie wir das sonst nie erleben."

Neben der hervorragenden Kameraarbeit – die dieses klaustrophobische Gefühl bestens einfängt -, sind es vor allem die Schauspieler, die die Glaubwürdigkeit schaffen. Den 24jährigen Martin Compston ("Red Road", 2006, Jurypreis in Cannes), der den fürsorglichen, vom Mitleid für seinen Vater zerfressenen Sohn spielt, lernte Hudson wie Gary Lewis ("Kleine Morde unter Freunden", 1994; "Billy Elliot", 2000), der für ihn in die Rolle des schweigsamen Skippers schlüpfte, der keinen ans Steuer lässt und dessen In-sich-Gekehrtheit so unheimlich wirkt, während seines eigenen Auftritts als Ikea-Angestellter am Set des isländischen Films "Niceland" (2004) kennen. Peter Mullan ("Trainspotting"; in "Mein Name ist Joe" Preis als Bester Schauspieler in Cannes 1998) gibt derweil den Riley, der, wenn er nicht fischt, am liebsten säuft und Bordelle besucht. Der Zigarettenschmuggel war seine Idee, und gegen die menschliche Ware hat er zumindest anfangs auch nicht viel. Wichtig scheint ihm nur, dass die Kohle stimmt. Als später dann durch das Wetterchaos eine ganz andere Seite zum Vorschein kommt, wirkt das bei diesem durch sein hartes Leben verrohten Mann, kein bisschen aufgesetzt. Die letzte Hauptrolle hat Angel Li inne, im wahren Leben ebenfalls Flüchtlingskind und bei den Dreharbeiten gerade mal 12. Man merkt ihr nicht an, dass "True North" ihre erste Filmarbeit darstellt, so überzeugend spielt sie das Mädchen, das offenbar ohne Eltern unterwegs ist. Sie brauche eine Geschichte, wird sie am Anfang des da noch wie eine Doku über die Menschenrechtsverletzungen in China wirkenden Films von den Mittelsmännern belehrt. Im satten Westen interessiere es schließlich keinen, dass es ihrer Familie finanziell schlecht gehe und dass sie die einzige Hoffnung ist, damit ihre Sippe überlebt.

Oliver Renn