| Buch - 04.05.2010 |
… zumindest nach Meinung zahlreicher Veröffentlichungen, die sich mit Sexualität und Pornografie beschäftigen und eine zunehmende „Verrohung“ und „sexuelle Verwahrlosung“ von Jugendlichen konstatieren. Mit ihrem ersten, kontrovers diskutierten Buch „McSex“ prangert nun die niederländische Journalistin Myrthe Hilkens die zunehmende Sexualisierung der Gesellschaft an.
Can you control your hoe?“, rappt
Snoop Dob und folgt damit den hip-hopenden Kollegen, die sexistisches Liedgut
als postmoderne Poesie zu verkaufen suchen. Nach der Musikjournalistin Myrthe
Hilkens ein Phänomen der Pornofizierung: 13-Jährige, die ihre Freundinnen um
ein Rendezvous zum Analsex bitten, Stringtangas in Kindergrößen bei H&M, „Brazilian“
als schicke Untenrum-Frisur und Plastik-Brüste für obenrum. In McSex hält
Hilkens ihren Lesern das sexistische Frauenbild der Hip-Hop-Szene vor die Nase.
Mädchen berichten von zweifelhaften Vorbildern (Britney Spears, Beyonce) und
eindeutigen Angeboten im Internet.
Hilkens hat Ariel Levys Buch „Female Chauvinist Pigs“ gelesen, die Anti-Porno
Debatte in den 80ern
um McKinnon und Dworkin verinnerlicht und zitiert aus zahlreichen Studien.
Dabei versteht sie sich nicht
als Anti-Porno-Feministin. Im Gegenteil – Hilkens ist stolzes Kind der
„sexuellen Revolution“.
Der erste Teil des Buches liest sich eindringlich. Die Journalistin
argumentiert reflektiert. Im Laufe des
Werks lässt sie sich von der moralinsauren Dynamik der Pornografie mitziehen.
Der Ton wird klagend.
Die Mädchen, die zu Wort kommen, entsprechen jedoch nicht dem Bild, das man von
Infizierten hat. Vielmehr scheinen sie mit den üblichen Problemen konfrontiert,
wie jeder, der die Disziplinarschleife Schule und Clique durchläuft. Mit der
Besonderheit, dass eine neue technische Verfügbarkeit die Jugendlichen früher
aus der Obhut der Eltern entlässt.
Sicher, auf die Jugend prasselt eine Vielzahl vulgärer Bilder ein, die
keineswegs mehr mit dem Hüftschwung von Elvis Presley zu vergleichen sind.
Nervig, dass die Medienwelten immer wieder altbackene Rollenvorbilder nutzen
und der Mensch es somit bitter nötig hat, ein alternatives Imaginäres zu
entwerfen, auf dass Frauen nicht länger als glattrasierte Spermazofen auftreten
und Männer nicht als sprechgeschädigte Muskelpakete. Die Lösungen, die Myrthe
Hilkens anbietet, bleiben indes fragwürdig: Liebe und Medienerziehung.
Letzteres in einem straffen und leistungsorientierten Bildungssystem zu
fordern, erscheint zunehmend schwierig. Auch die Liebe bleibt ein vages
Konstrukt einer heteronormativen Paarbeziehung, das Eltern zu einer unfehlbaren
Instanz macht. Doch ist die Familie nicht zugleich die unangreifbare
Institution, die Missbrauch und Gewalt in einen Deckmantel des Schweigens
hüllt?
„McSex“ ist eine populärwissenschaftliche Auseinandersetzung mit streitbarem
Charakter. Doch damit
ist sie zugleich Teil des gesellschaftlichen „Muss“, über den Zusammenhang von
Medialität, Sexualität und pornografischer Zurschaustellung zu diskutieren.
Julia Jäckel