| Buch - 09.05.2010 |
Annemarie Schwarzenbach gehört zu der faszinierenden Lebensform der Intellektuellen der Weimarer Republik und der Emigration bzw. des Exils, deren Kultur uns heute zugleich fremd und bekannt erscheint. Schwarzenbach wurde 1908 als Tochter einer wohlhabenden Schweizer Industriellenfamilie geboren und zog Anfang der 30er Jahre nach Berlin, wo sie auch in engeren Kontakt mit Klaus und Erika Mann stand. Deren Vater, der Zauberer Thomas Mann, notierte über ihren Besuch am 3.8.1934 in sein Tagebuch: „Später kam auch A.M. Schwarzenbach, die wieder erfreulicher aussah als letzthin.“ In die Zeit davor fällt auch ihr erster Kontakt mit Morphium.
Lange wurde Schwarzenbach vor allem
als Randnotiz in der Familienbiographie der Manns wahrgenom-men. Umso
markanter, dass ihre Orientreisen ohne das berühmte Geschwisterpaar
stattfanden. Die erste, die noch mit diesen geplant war, scheiterte 1932 am
Selbstmord des vierten Reiseteilnehmers, Ricki Hallgarten. Als Schwarzenbach
dann im Oktober 1933 zur ersten ihrer vier Orientreisen aufbrach (Thomas Mann
notiert in sein Tagebuch „Zu Gast Erika und A.M. Schwarzenbach, die morgen eine
Reise nach Persien antritt.“), hatten sich die politischen Vorzeichen durch die
Machtübergabe an die Nationalsozialisten grundlegend geändert. Der Gegensatz
zwischen dem Eigenen und dem Fremden hatte eine neuen, einen bitteren
Beigeschmack gewonnen.
Der Band „Orientreisen“ versammelt einen Teil der journalistischen Texte, die
Schwarzenbach unterwegs im Orient verfasste. Dass diese Texte heute noch
lesenswert sind, hat mehrere Gründe. Im Reisebericht findet sich
eine für die Intellektuellen der Weimarer Republik paradigmatische Form. Zum
ersten Mal wird durch Schiff, Eisenbahn, Auto und Flugzeug eine Mobilität in
diesem Ausmaß möglich. Diese Beschleu-nigung drückt sich nicht nur im Vorgang
des Reisens aus, sondern auch in den Texten selbst. Denn es sind kurze Skizzen,
kleine scharfe Beobachtungen, die zwar für ein eilig lesendes Publikum verfasst
sind, aber dennoch – oder vielleicht auch gerade deshalb – in einem
faszinierenden Bruchstück das Ganze erscheinen lassen. Die erste Geschichte des
Bandes „Plaza Hotel“ kokettiert genau damit: in New York vor dem genannten
Hotel trifft die Berichtende einen Landstreicher, der 36 000 Kilometer zu Fuß
zurückgelegt habe: „Was ich in sieben Jahren gesehen habe,“ sagt er, „– um
welchen Preis würde ich es hergeben?“ Annemarie Schwarzenbach kann von ihren
Reiseberichten leben, nur was muss sie dafür hergeben? Und was macht die
Berichtende: Sie hört nicht zu. Und denkt an die Abendzeitungen, die „schon von
zwanzig Minuten eingetroffen sein mussten. Mit den Nachrichten aus aller Welt.“
Bei Schwarzenbachs Reiseberichten aus dem Orient handelt es sich
nicht um bloßen Exotismus. Vielmehr handelt es sich um eine Auseinandersetzung
mit dem Eigenen im Fremden; der Orient wird nicht zuletzt zu einer zentralen
Projektionsfläche. Walter Fähnders zitiert in seinem Nachwort eine Passage aus
Schwarzenbachs „Kabuler Tagebuch“: „Heute über ein fernes, asiatisches Land zu
schreiben, bedeutet für mich immer eine Versuchung, – die Versuchung, mich
selbst innerlich weit weg zu begeben von der Welt der uns täglich umgebenden
Tatsachen und Probleme, – genau wie ich beim Antritt einer grossen Reise von
allen Gewohnheiten des Alltags Abschied nahm, und glaubte, ich würde jenseits
einer mir noch unbekannten Grenze auf meinem Wege ein ganz anderes, ganz neues
Leben finden, ein Leben ohne Traditionen, Konventionen und Gesetze, – eine Form
der Freiheit, eine absolute Form.“ Reisen und Schreiben werden zu einer
grenzüberschreitenden Form der Selbsterfahrung. Zugleich findet sich im fremden
Raum des Orients eine ursprüngliche Gegenwelt zur westlichen Welt, in der die
Vermischung von Fort- und Rückschrittlichkeit gerade in der Explosion begriffen
ist.
Diese Bedrohung wird meist subtil eingeflochten, immerhin muss der Text gut
lesbar bleiben. Aber gleichgültig ob beim Besuch eines Dorfes im anatolischen
Hinterland die gewalttätig anmutende Frage fällt „Wissen sie, was das Wort
Zivilisation bedeutet?“ oder ob in Aleppo die Schritte der schwarzen Soldaten
in den Gewölben widerhallen; das Unbehagen lässt sich auch durch die absolute
Form nicht wegschreiben. Und so zeigt sich auch in den Orient-Reportagen jener
Zwiespalt zwischen politischen Engagement und unpolitischer Beschreibung. Die
Reportage „Das Antlitz des Großen Buddha“ berichtet vom Besuch der
Buddhastatuen im afghanischen Bamyian. Dabei wird ein blinder Dichter beschrieben, der tausende schöner Verse
aufzusagen weiß. Eine nächtliche Angst vor Zerstörung und Verfall wird
heraufbeschworen, doch als die Sonne aufgeht ist die Gruppe schon abgereist
„und wir haben nicht einmal Abschied genommen. Wir wollen den Tag loben …“ Da
ist es wieder, dieses Achselzucken als Bestimmung der eigenen Lebensform.
Der Band „Orientreisen“ bietet ein faszinierendes Bild, indem er immer wieder
kleine Blickpunkte aufleuchten lässt, die sich so trotz ihrer Flüchtigkeit
verhaken. Das gelungene Nachwort von Walter Fähnders vermag diese Punkte nach
dem Lesen zu bündeln und so jenes diffuse Ganze, das nach den Reportagen übrig
bleibt, etwas zu ordnen. Und so ist, könnte man an Schwarzenbach anschließen,
auch das Lesen eine absolute Form, eine Form der Selbsterfahrung des Eigenen im
Fremden.
Stefan Rehm