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Buch - 09.05.2011

12 Romane im Schnelldurchlauf



José Eduardo Agualusa - Barroco tropical - A 1, 336 Seiten: Eine Frau fällt sprichwörtlich vom Himmel, direkt vor die Füße von Falcato, einem erfolgreichen Schrift steller. Er ist glücklich verheiratet, hat aber nebenbei eine Geliebte. Vor fünf Tagen wollte sie – die beiden waren sich noch nie begegnet – ein Kind von ihm. Zudem hatte ihm die Tote von Orgien in der Präsidentenfamilie erzählt – Falcato steckt nun in Schwierigkeiten. Der Roman beschreibt eine kleine, reiche, feudal herrschende, korrupte Schicht, die sich in einem vermeintlich demokratischen Angola im Jahr 2020 auf einem Machterhaltungstrip befindet. Wer die langen Passagen zur Einführung zahlreicher Protagonisten übersteht, hat Spaß, wenn die Grenzen zwischen Traum und Realität aufweichen.

 

Jochen Rausch - Trieb. Storys - Berlin Verlag, 192 Seiten: Das neue Buch „Trieb“ von Jochen Rausch sorgt für Irritationen: Was sind das für Texte, was ist mit „Storys“ gemeint? Ist das Journalismus im Stile einer „Seite drei“ oder eines „Dossiers“? Oder am Ende doch Literatur? Der Klappentext verrät, es handle sich um „reale“ Geschichten, doch am Ende des Buches heißt es, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen seien rein zufällig. Ein bösartiger Witz, weil die meisten Figuren – oder doch Personen? – ohnehin sterben? Oder doch Literatur? Man weiß es nicht und eigentlich ist es auch egal. Eines nämlich ist sicher: Diese 13 Storys, diese kleinen, grausamen Miniaturen, sind wunderbare Erzählungen von faszinierender, präziser Brutalität. Deshalb: unbedingt lesen!

 

Peter Handke - Der große Fall - Suhrkamp, 280 Seiten:„Der große Fall“ heißt der neue Erzählband von Peter Handke. Aus dem bisherigen Werk des österreichischen „Großschriftstellers“ ist man Selbstbezüglichkeiten von Erzähler und Figuren gewohnt. Etwa in der „Morawischen Nacht“ entsteht gerade daraus eine wunderbare Spannung. In vielen seiner Bücher gelingt der genaue, vorurteilsfreie Blick und es entsteht eine Poetik des Kleinen, Alltäglichen, des Einzigartigen (man denke nur an die drei „Versuche“). Bei der neuen Erzählung allerdings, in der ein Erzähler „seinen“ Schauspieler aus der Natur in eine Metropole begleitet, muss man wirklich ein hartgesottener Freund dieser Selbstbezüglichkeit sein, um die beinahe 280 Seiten durchzuhalten.

 

Hans Platzgumer - Der Elefantenfuß - Limbus, 240 Seiten: Zu einer elefantenfußähnlichen Form sind unter dem Sarkophag von Tschernobyl Uran und Plutonium mit Brandlöschsubstanzen verschmolzen. Schauplatz ist die ukrainische Geisterstadt Prypjat, wo 1986 ein explodierter Reaktor über 4.000 Quadratmeter in ein totes Gebiet verwandelt hat. Nachdem der Zaun um diese Gegend fast zerfallen ist, kreuzen dort die unterschiedlichsten Typen auf: Biologen, Gottesfanatiker, Outcasts, Marodeure und Rückkehrer. Äußerst wortgewandt beschreibt der Roman mit Parallelhandlungen auf zweigeteilten Seiten – etwas anstrengend zum Lesen – die postapokalyptische Hölle.

 

Milena Magnani - Der gerettete Zirkus - Nautilus, 190 Seiten: Am Rande der Stadt gibt es ein Roma-Lager mit ärmsten Hütten, umgeben von verlassenen Fabrikgeländen und Schnellstraßen. Von der Außenwelt schauen nur Polizisten oder Sozialarbeiter vorbei. Eines Tages taucht dort Branko auf. Seine geheimnisvollen Kisten erregen Aufmerksamkeit besonders bei Kindern. Nach und nach erzählt er ihnen die Geschichte des Zirkus von seinem Opa, der samt Familie und Artisten von den Nazis umgebracht wurde. In Kisten ist das Überbleibsel dieses Zirkus verstaut. Ein sehr unter die Haut gehender, wunderbar erzählter Roman der Italienerin Milena Magnani..

 

Karin Richner - Sieben Jahre Schlaf - Bilgerverlag, 112 Seiten: Lucie verlässt ihren weiteren Partner und weiß, auch er wird sie nicht zurückhaben wollen. Denn sie hat ihm nicht einmal ihren richtigen Namen gesagt. Nach dem Anruf, ihre Mutter liege mit Hirnschlag im Krankenhaus, fährt sie zurück in ihr Dorf. Es kommen Kindheitserinnerungen hoch: die Mutter Aline, die ihren Mann und zum Schluss auch ihre Tochter verlässt; Großmutter Estelle, die Aline an Pflegeeltern weggab. Und so muss sich Lucie auch mit sich selbst auseinandersetzen. Ein bildreicher Roman, der aber aufgrund vieler Klischees leicht in die Schublade „Frauenliteratur“ zu stecken ist.

 

Kathrin Schmidt - Finito. Schwamm drüber - Kiepenheuer & Witsch, 238 Seiten: Nach dem mit dem Deutschen Buchpreis prämierten Roman „Du stirbst nicht“ (2009) folgt jetzt der erste Erzählband von Kathrin Schmidt: „Finito. Schwamm drüber“, gleichzeitig auch der Titel einer der Geschichten über die Umwege eines Asylverfahrens. Mit diesem lapidaren Satz wird das Geschehene einfach weggewischt. Die Sache ist noch einmal gut gegangen, also Schwamm drüber. Viele der anderen 31 Miniaturen aber gehen nicht gut aus, doch auch dafür passt der Satz. Schwamm drüber, nächste Geschichte, die nächste seltsame Begebenheit, in der Hoffnung, dass es dieses Mal gut endet.

 

Vlasdislav Todorov - Die Motte: Roman noir - Dittrich, 150 Seiten: Kurz bevor 1944 die Kommunisten in Sofia die Macht übernahmen, wurde „Motte“ unschuldig wegen eines Raubmordes eingebuchtet. Nach 25 Jahren freigelassen, landet er bei seinem ehemaligen Komplizen, inzwischen Polizeimajor, der wissen will, wo ein Diamant versteckt ist, und „Motte“ vergift et, damit dieser fleißig sucht. Nur 24 Stunden hat der Bulgare Zeit, sich zu retten. Und so irrt er in einer unwirklichen Welt mit Gestalten aus seiner Vergangenheit umher. Der spannende Thriller mit Seitenhieben auf den sozialistischen Realismus ist an den Stil des Film noir der 40er Jahre angelehnt.

 

Helmut Krausser - Die letzten schönen Tage - Dumont, 223 Seiten: Der Werbetexter Serge bricht im kalten Berliner Winter seelisch zusammen, als der Fotograf David bei einer Besprechung seine Idee kritisiert. Er ist mit Kati
liiert, die er heiraten möchte. Kati selbst hat eine Affäre mit David. Als Serge in einer Nervenklinik landet, überzeugt sie ihn, mit ihr eine Auszeit auf Malta zu nehmen. Die beiden bilden die Hauptfiguren von Helmut Kraussers neuem Roman, in dem teilweise gleiche Tagesabläufe aus verschiedenen Perspektiven erzählt werden. Schwarzhumorig, bissig, tiefsinnig und nach und nach beängstigend – vor allem dann, als Serge Katis Affäre zufällig herausbekommt.

 

Johannes Weinberger - Schwarz und voller Vögel - Luftschacht, 173 Seiten: Der Patient Weinberger ist in einer psychiatrischen Klinik und gibt Einblick in seine verstörende Sicht auf eine zerfallende Wirklichkeit um ihn herum. Sein Alltag ist voll von skurril-komischen Dialogen zwischen Patienten, Pflegern und Ärzten, er ist benebelt von Tabletten und Hirngespinsten, mit teilweise recht schrägen und verstörenden, aber auch poetischen Bildern. Die ganze Welt erscheint aus Plastik, mal die Mutter, mal die Freundin ist eine Hexe, und das Fenster kann oft nicht hoch genug liegen, um am Boden zu Brei zu zerschmettern. Viele Textpassagen geben das Gefühl der Atemlosigkeit und Panik authentisch wirkend, aber fast zu erschreckend wieder.

 

Iain Banks - Die Wespenfabrik - Milena, 242 Seiten: Vorweg: Das Buch ist nichts für sensible Menschen mit lebhaft er Vorstellungskraft, denn die Geschichte des 16-jährigen Frank, der zusammen mit seinem Vater alleine auf einer schottischen Halbinsel lebt, steckt voller sehr detailliert beschriebener Grausamkeiten. Für seine eigens erfundenen Rituale oder Totems quält und tötet er Vögel und Kleintiere. Und er hatte – was niemand weiß – bereits in frühester Kindheit das Leben dreier Altersgenossen auf dem Gewissen. Als sein Bruder aus einer geschlossenen Anstalt ausbricht, gerät Franks Welt aber erst richtig durcheinander. Die Spannung hält bis zum Schluss. Das Buch ist provokant, schwarzhumorig, doch leider mit Ungereimtheiten im Handlungsablauf.

 

Leo Perutz - Wohin rollst du, Äpfelchen … - Zsolnay, 267 Seiten: Leo Perutz gehört zu den immer noch zu wenig bekannten Autoren der ersten österreichischen Republik. In seinem verqueren Bildungsroman haben Offizier
Georg Vittorin und seine vier Kameraden in der Kriegsgefangenschaft geschworen, sich für die unehrenhaft e Behandlung bei dem Lageroffizier Seljukow zu rächen. Nun ist der Krieg vorbei und Vittorin der Einzige, der sich daran noch erinnern will. So beginnt eine rasante Jagd durch den russischen Bürgerkrieg und ganz Europa. Einer von Vittorins Kameraden diagnostiziert dessen Tugend als kriegsbedingte Neurose. Aber, so Hans-Harald Müller im Nachwort, eine „Neurose kann jeder haben, es kommt darauf an, was man daraus macht“.

(Red.)