| Film – 20.11.2007 |
Mit "The Saddest Music in the World" von Guy Maddin bringt das Label "cinema
surreal" nach der herrlichen französisch-belgischen Produktion "Aaltra" seine
zweite DVD heraus. In der kältesten Stadt von Kanada veranstaltet eine
Bierbaronin einen Wettbewerb um das traurigste Lied der Welt. Es darf reichlich
gezecht werden - und das mitten in Zeiten der ersten Weltwirtschaftskrise.
Die kanadische Stadt Winnipeg wird 1933 erneut zur traurigsten Stadt der Welt
gekürt. Ein willkommener Anlass für die sehr unnahbar erscheinende Brauerei-Chefin Lady Helen Port-Huntley
(Isabella Rossellini), einen Wettbewerb um die traurigste Musik der Welt
auszuloben. Dem Gewinner winken neben einer Krone aus gefrorenen Tränen vor
allem 25.000 Dollar: In Zeiten der Weltwirtschaftkrise natürlich ein mehr als
verlockender Preis. So packen Musiker und Sänger aus allen Ländern ihre Koffer
für die Reise in die kälteste Stadt Nordamerikas. Auch drei
Männer aus ein und der selben Familie: der schmierige Broadway-Produzent Chester Kent (Marc
McKinney, "Snow Cake"), der für die USA auftritt und von Narcissa (Maria de
Medeiros, die Frau mit den Blaubeerpfannkuchen aus "Pulp Fiction") begleitet wird;
dessen Bruder Roderick alias Gavrilo (Ross McMillan), der den Tod seines
kleinen Sohnes noch nicht überwunden hat und für Serbien spielt; und beider Vater Fyodor
(David Fox), ein ehemaliger Chirurg, der heute als Straßenbahnfahrer versucht
über die Runden zu kommen. Chester und er
waren einst beide besagter Lady Helen verfallen.
Während sich der Sohn im
Grunde nur wegen des Preisgeldes wieder an die reiche Bierproduzentin heranschmeißt, ist Fyodor noch
immer in
diese Frau verliebt, der er nach einem Autounfall unter Alkoholeinfluss versehentlich
erst das verbliebene gesunde Bein
amputiert hat, ehe er auch noch nie die ohnedies unrettbare Extremität absägen
musste.
Soweit grob die Ausgangslage dieser bizarren Tragikomödie, die bereits formal mit musikalischen
Einlagen und Schwarzweiß-Bildern im Stil der Ästhetik alter Stummfilme zu
faszinieren vermag. "The
Saddest Music in the World" von Guy Maddin aus dem Jahr 2003 ist die zweite DVD
unter dem Label "cinema surreal" - verantwortlich zeichnet das Berliner
"b-ware!"-Netzwerk,
das seine Vorliebe für skurrile und verträumte Filme fernab des Mainstreams im
Sommer diesen Jahres ja bereits mit der herrlichen französisch-belgischen Produktion "Aaltra"
(ein Rollstuhl-Roadmovie voller schwarzem Humor) – angedeutet hat.
Winnipeg nun, der Schauplatz von "The Saddest Music in the World", ist die
Heimat des 1956 geborenen Filmemachers. Seitdem Maddin Mitte der achtziger Jahre
den Bankjob an den Nagel gehängt hat, wird er für seine filmischen Werke, die
mehr als eine Vorliebe für den späten Stumm- und den frühen Tonfilm erkennen lassen,
mit Auszeichnungen sowohl zuhause als auch international
überhäuft.
"The Saddest Music in the World" ist mit kleinen Ausnahmen in Schwarz-Weiß
gedreht, die Bilder sind verschwommen und verfremdet, die Montageabfolge zum Teil
richtig Schwindel erregend. Regelrecht verrückt sind aber erst jene Szenen, in
denen Lady Helen mit ihren gläsernen Prothesen umher stolziert, die ihr der alte Fyodor
als späte Wiedergutmachung für seinen "Arztfehler" angefertigt hat und durch
einen seiner Söhne überbringen ließ.
Die durchsichtigen Beine sind wunderschön geformt und randvoll mit Bier gefüllt. Die
Baronin des Gerstensaftunternehmens, erstklassig gespielt von Isabella Rossellini, ist
jedoch Intrigen nicht
abgeneigt, und ergreift während des Wettbewerbs eindeutig Partei zu Gunsten von
Chester Kent, zeigt sogar im Finale in dessen Show ihre neuen Beine. Und es
kommt natürlich wie es kommen muss: die
halten bei dieser ihre Lebenslust wieder gewonnenen Frau nicht lange. Es
ist gruselig und gleichzeitig faszinierend mit anzusehen, wie Gläser Risse bekommen,
Bier zu fließen beginnt und Lady Helen auf ihren Beinstumpfen landet. Und wenn
Sie jetzt glauben, sich den Film sparen zu können, weil sie ja mutmaßlich einen
Großteil der Geschichte bereits kennen, können wir nur kontern: Es geht hier um
viel, viel mehr, als um die Lauffähigkeit oder Voreingenommenheit einer
einzigen Frau - unter anderem um Filmkunst!
(red.)