| Buch – 17.11.2008 |
„Tess schnappte sich eine Sektflasche, die verlassen am Eingang stand, taumelte über den Schulhof und brüllte: „Ausziehen! Alles, was Schwänze hat, sofort ausziehen!“ Dieser Klappentext kombiniert mit dem Namen Enno Stahl und dem„Verbrecher Verlag“ macht durchaus neugierig. Und führt – gezielt – in die Irre. Denn „Diese Seelen“ ist alles andere als primitiv und in Zeiten der Finanzkrise sogar hochaktuell.
Die kranke Seele und das, was sie krank gemacht hat, das soziale System, der Kapitalismus und die menschlichen Abgründe, in die man dadurch geschickt werden kann, sind Thema des Autors, der von sich selbst sagt, er erzähle Geschichten aus der neoliberalen Wirklichkeit. Was auch immer er darunter versteht, denn die Deutungsmöglichkeiten sind gerade hier und im Zusammenhang mit seinem Buch vielseitig.
Da ist einmal Robert. Er sieht sich selbst auf dem geraden Weg zum Professor, wird aber Opfer von Parteigeklüngel, das auch und gerade vor Universitätstüren nicht halt macht. Der von sich selbst extrem überzeugte Wissenschaftler kommt damit überhaupt nicht klar. War er vorher schon ein arroganter Kotzbrocken, so wird er jetzt fast zum Mörder. Zur Weißglut bringt ihn unter anderem Mika, die versucht, in einer Behörde wie der Arbeitsagentur eine reine Weste zu behalten und daran brutal scheitert. Sie wiederum ist die Schwester von Jürgen, der so gerne ein Fernsehstar wäre, sich dafür sogar versucht, hochzuschlafen und letztendlich eine Karriere als Pornostar noch aufregend findet. Dabei hat er doch alles Möglichen und Ungmögliche getan, um Tess zu gefallen und in ihrer Fernsehshow oder durch ihre Beziehungen einen Platz im Showbiz zu erhalten. Doch Tess ist das scheißegal. Die Ex von Robert ist inzwischen alt und abhalftert und versucht das im grausamen Medienbusiness noch ein bisschen zu verbergen.
Entgegen des Klappentextes sind Kraftausdrücke diesmal nicht das hervorstechende Stilmittel des Autors. Im Gegenteil. Und trotzdem direkt aus dem Leben gegriffen. Aus einem Leben bzw. aus mehreren Leben, die so normal sind, wie sie nur normal sein können. Obwohl: Minimal weichen sie wohl dann doch von der Norm ab. Und das genügt, um Spannung zu erzeugen.
Enno Stahl, selbst ein Dr. phil., veröffentlicht bereits seit
Jahren Prosa, Lyrik, Essays, Glossen und Kritiken. Auch mit diesem Buch
arbeitet er an und mit der Seele der Gesellschaft. Diesmal allerdings etwas
ruhiger als sonst. Der Rheinländer und Wahlkölner ist übrigens Mitbegründer
des Krash-Verlags, der die „1.Deutsche Literaturmeisterschaft“ organisiert
hat. Zusätzlich agiert der vielseitige Mitvierziger erfolgreich und weltweit
als Performancekünstler.
Simone Blaß