logo comdirect - giro + 1 Euro

Buch-Special - 05.11.2009

Berlin ist auch keine Wolke

"Einsamkeit und Sex und Mitleid" heißt der neue Roman von Helmut Krausser, in dem er Menschen mit unterschiedlichsten Befindlichkeiten und Bedürfnissen zusammenbringt. Ob ein Callboy, ein gläubiger junger Mann, eine gut situierte Frau, ein Leiter einer Lebensmittelabteilung, ein suspendierter Gymnasiallehrer, die Eltern eines entführten Kindes oder ein Punk – die Suche nach dem Glück ist allen gemein.

Vincent ist ein gefragter Callboy, was ihn jedoch nicht vor Einsamkeit bewahrt. Selbst am Weihnachtsabend hockt er alleine in einer Kneipe. Als sie zumacht, geht er nach Hause - seine Wohnung schließt er nie ab, Diebe könne das ohnedies nicht abhalten. Er lässt sich gerade eine Badewanne ein, als er einer Einbrecherin Gewahr wird: die junge Obdachlose hat indes lediglich seine Zigaretten eingesteckt. Die beiden kommen miteinander und in der Folge bleiben sie zusammen.

Eine von den Frauen mit denen Vincent für Geld schläft ist gut situiert, steht gerade davor die höchste Stufe der Karriereleiter ihrer Firma hochzusteigen und lässt sich jeden Sonntag von diesem Callboy verwöhnen. Ihr Mann, von dem sie sich scheiden lassern will, liebt sie immer noch, arbeitet als Chef in der Lebensmittelabteilung einer Karstadtfiliale und hat eine Auseinandersetzung mit einem Kunden, der ein spezielles Produkt nicht vorfindet. Dieser Kunde, der ehemalige Lateinlehrer, ist vom Leben vergrämt. Eine Schülerin, der er nicht bereit war einen Gnadenpunkt mehr zu geben, hat gewisse Gerüchte über ihn verbreitet und sein Gymnasium ihn daraufhin suspendiert. Nun hockt er jeden Abend in einer Kneipe und erzählt der gleichaltrigen Kellnerin nach Ladenschluss Geschichten der alten römischen Kaiser. Der besagten Schülerin indes machen zwei Jungs aus unterschiedlichsten Gründen den Hof. Und irgendwann geht ein kleines Kund verloren.

Diese und weitere Episoden verflechtet der gnadenlos gute Erzähler Helmut Krausser (u. a. "Fette Welt", 1992, "Der große Bagarozy", 1997) in seinem neuen Roman "Einsamkeit und Sex und Mitleid" (Dumont Literatur und Kunst Verlag), mit lakonischer, oft komischer, teils auch richtig ironischer Sprache. Viele schräge, auch viele lediglich tragikomische Gestalten laufen dem Leser da über den Weg. Die Miniaturen scheinen weitgehend recht unabhängig voneinander, anfangs zumindest. Nach und nach, teils mit enormer Wucht treffen dann aber verschiedene Interessen, Träume, Lebenseinstellungen aufeinander. Kraussers Bilder bleiben im Kopf hängen, wenn man das in einem Rutsch durchgelesene Buch zugeklappt hat. Zum Beispiel das eines Punks, der seine erst einige Stunden alte Bekanntschaft gleich heiraten will, sich aber schämt, ganz "bürgerlich" gegen Tetanus geimpft werden zu sollen, weil ihre Ratte ihn in die Zunge gebissen hat, als er im Anflug von Eifersucht dem Tier den Kopf abbeißen wollte.

Red.