| Neu im Kino - 13.11.2009 |
In ihrem neuen Film "Ganz nah bei dir" bringt Regisseurin Almut Getto ("Fickende Fische") zwei Menschen zusammen, die unterschiedlicher nicht sein könnten; In "Résiste - Aufstand der Praktikanten" dreht sich formal alles um die Belamge unbezahlter Fachkräfte; Béla Tarr schafft mit "The Man From London" - frei nach einem Georges Simenon Roman - echt anspruchsvolles Schwarz-weiß-Kino; und in "Looking for Eric" bringt der große Eric Cantona seinem Namens-vetter bei, selbstbewusster aufzutreten
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Eine Bügelmaschine dient Phillip als
Wecker. Mit der Ansage, sie habe Betriebstemperatur erreicht, holt sie ihn aus
dem Bett, und sorgt nebenbei auch für faltenfreie Hemden. Der junge Mann lebt -
abgesehen von der Schildkröte Paul, die er wohl wirklich um ihren Panzer
beneidet - allein in einer recht steril wirkenden Wohnung: Schnell wird klar,
Phillip hat generell Probleme auf Menschen zuzugehen, selbst die Berührung von
anderen zuzulassen ist ihm ein Graus. Immer wieder träumt er davon, auf einer
lokalen Kleinkunstbühne die er schon oft als Zuschauer besuchte,
Pantomimenummern vorzuführen. Aber auch zu dem Schritt kann er sich nicht
durchringen. Tagsüber hockt der auch sonst etwas verschroben wirkende Mann im
Keller einer Großbank und prüft Geldscheine auf Echtheit. Sein einziger Freund
heißt Aaron - und der ist gleichzeitig sein Therapeut, wo er regelmäßig auf der
Coach liegt, sich Gedanken über die Welt sowie sich selbst macht und darauf
besteht, bei diesen Sitzungen - anders als außerhalb der Praxis - gesiezt zu
werden. Und genau jener Misanthrop landet eines Abends mehr zufällig in einer
Eckkneipe, wo ihm die blinde Cellistin Lina quasi sprichwörtlich in die Arme
stolpert - weil er zuvor arglos einen Tisch zu nahe Richtung Toilettenausgang
gerückt hat - und seine Weltordnung auf den Kopf stellt. Als ob diese Begegnung
nicht "Action" genug gewesen wäre für einen Abend, findet Philip kurze zeit
später seine Wohnung samt Glühbirnen und der Schildkröte komplett ausgeräumt.
Nur besagte Bügelmaschine haben die Einbrecher zurück gelassen...
Ganz nah bei dir heißt der aktuelle Langspielfilm von Almut Getto, die
mit ihrem Erstling "Fickende Fische" - einem ebenso unaufgeregten wie
poetischen Film übers Erwachsenwerden in Zeiten von AIDS - 2002 unter anderem
mit dem Max Ophüls Preis und 2003 mit dem Deutschen Filmpreis in Gold für das
beste verfilmte Drehbuch ausgezeichnet wurde. Auch ihre Singlekomödie jetzt
weiß vollends zu über-zeugen, auch hinsichtlich der herausragenden Leistungen
von Bastian Trost ("Das Leben der Anderen", "Schläfer") und Katharina Schüttler
("Es kommt der Tag"), die die
liebevollen Charaktere des schrulligen, in sich gekehrten Mannes und der
blinden forschen Musikerin mit sicheren Gespür für feine Komik und Melancholie
zu einem wunderschönen Film machen, hinter dem u.a. der Verleih Timebandits
steht, der schon Fatih Akins Meisterwerk "Gegen
die Wand" ins Kino brachte.
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In Frankreich protestieren Studenten schon seit Jahren gegen unsichere Jobs. Und auch bei uns versuchen Gewerkschaften neuerdings Hochschüler zu mobilisieren und zu sensibilisieren. Schließlich sind viele von ihnen Praktikanten von morgen - die Mitarbeiter, die keinen Namen, kein Gesicht haben und ständig wechseln. Und da klingt in der Theorie doch schön, wenn ein Unterhaltungsfilm über die "Generation Praktikum" erzählen will, die zu eben nicht unerheblichen Teilen aus hoch qualifizierten Akademikern gespeist wird, die als billige oder gar gänzlich unbezahlte Arbeitskräfte über die Runden kommen müssen, weil sie keinen festen Job finden. Résiste - Aufstand der Praktikanten heißt Jonas Groschs Film, der allerdings alles andere als selbst auch nur zwischen den Zeilen ambitioniert daherkommt, nicht einmal auch nur als halbwegs gute, unpolitische Komödie durchgehen kann. Ganz ab davon, dass wenigstens dreiviertel des Plots absolut vorhersehbar sind: es geht um den ehemaligen Praktikanten Till (Hannes Wegener), der nun der Leiter einer recht erfolgreichen Firma ist, die mit teils suspekten Methoden anderen Praktikanten hilft, nicht ganz in ihrer Arbeit zu ersticken; und um die linke Aktivistin und Halbfranzösin Sydelia (Katharina Wackernagel), die unterjochte unbezahlte Praktikanten, ohne die in diesem System kaum etwas läuft, bundesweit für ihre Rechte auf die Straße bringen will. Irgendwann taucht auch noch ein gewisser Magnum auf, ein Sinnbild des bösen Kapitalismus, der Till auch mittels Gewalt "nahe legt", seine Firma an den Nagel zu hängen bzw. in seine Hände zu geben. Bei dem von Devid Striesow verkörpertem Belzebub könnte man sich wenigstens noch über schauspielerische Leistung streiten, der Rest indes ist dermaßen schlecht gespielt, dass der Gnadenpunkt für diesen Film nur einigen wenigen netten Ansätzen im Drehbuch zu verdanken ist - und als Kritiker braucht man ja auch immer Luft nach unten - wer weiß ob Mel Gibson nicht mal wieder bekehren will.
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Wer, ob des Namens Georges Simenon, einen eher klassischen Krimi bei The Man From London erwartet, könnte enttäuscht sein, denn der Filmregisseur und Gastdozent der DFFB Berlin, Béla Tarr (1955), ging für die gleichnamige ungarisch-französisch-deutsche Koproduktion sehr künstlerisch ambitioniert mit dem Roman "L’Homme de Londres" um: Der schweigsame Franzose Maloin (der tschechische Schauspier Miroslav Krobot) hat aus seinem Beobach-tungsturm den Hafen komplett im Blick, wenn er die Weichen für die kleinen Züge stellt, die dann die Schiffspassagiere wegbringen. Und da er gemeinhin nachts arbeitet wird er Zeuge, wie zwei Engländer um einen Koffer streiten. Dabei landet einer samt dem Gepäckstück im Wasser und taucht nicht mehr auf. Als sich der andere aus dem Staub macht, fischt Maloin das Streitobjekt aus dem Wasser - der Koffer ist randvoll mit Geldscheinen. Während in den folgenden Tagen extra ein Inspektor aus London anreist, um den Dieb zu fangen, verstrickt sich Maloin immer mehr in Schwierigkeiten. Er sieht im Geld zwar die Chance, seiner in ärmlichen Verhältnissen lebenden Familie ein besseres Leben zu bescheren, will sich aber seiner verzweifelten Frau (Tilda Swinton) nicht offenbaren. Mit dem Geld ausgeben muss Maloin wo nun überall Polizei herumschwirrt und ihm auch der eigentliche Täter immer näher zu kommen scheint, ohnedies sehr vorsichtig sein. Und so ist ein Pelz für die Tochter, die er gerade erst aus den Fängen einer fiesen Arbeitgeberin loseiste, bis auf weiteres der einzige Luxus für das Geld ausgegeben wird.
„Natürlich ist dies Kunstkacke, aber saugute“, soll in einem Berliner Stadtmagazin geschrieben stehen - das trifft es so ungefähr! Fast zweieinhalb Stunden eine extrem langsam erzählte Geschichte, die noch dazu mit Worten geizt, ist sicher für viele Menschen in der Theorie eine Zumutung. Aber wenn man sich auf dieses Spiel mit Perspektiven und Stimmungen einlässt, werden einen die wunderschönen schwarz-weiß Bilder, die fantastischen Licht- und Schatten-Kontraste und nahen Einstellungen auf Gesichter in den Bann ziehen. "The Man From London" ist ein visueller Genuss, für den neben dem Regisseur Béla Tarr (er feierte mit seiner Verfilmung von László Krasznahorkais "Satanstango" - einem 415-minütigen Schwarzweißfilm, an dem er rund sieben Jahre lang gearbeitet hat, auf der Berlinale 1994 Premiere und erregte gleich damals international Aufsehen) vor allem auch Kameramann Fred Kelemen (wirkte selbst schon als Regisseur, für "Verhängnis" wurde er mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet) zu loben ist. Auch als ausgesprochener Arthouse-Fan wird man mit dieser Geschichte wohl aber erst nach gut einer halben, dreiviertel Stunde warm.
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Der Postbote Eric Bishop (Steve
Evets) leidet an Panikattacken. Das war auch der Grund, warum er seine erste
und wahre Liebe Lily samt der gerade geborenen, gemeinsamen Tochter vor
vielen Jahren sitzen und sich bei ihr auch nicht mehr blicken ließ. Die
Erwartungshaltung seiner Familie hatte ihn förmlich erdrückt. Später
heiratete er zum zweiten Mal. Seine Frau lief ihm nach sechs Jahren weg und
ließ zwei heranwachsende Stiefsöhne zurück, die Eric kaum gehorchen und immer
mehr in ein kleinkriminelles Milieu abdriften. Mit seiner leiblichen Tochter
indes hat er heute ein sehr gutes Verhältnis, passt ab und zu auf deren Baby
auf. Als Eric zur Kindübergabe nach so vielen Jahren mit Ansage auch mit
seiner Ex Lily zusammentreffen soll, werden seine Panikattacken schier
unerträglich - er haut erst einmal ab. Nur gut, dass der schmächtige
unrasierte Mann mit vom Leben gezeichneten Gesicht viele Freunde im
Kollegenkreis hat, die ihn aufzubauen versuchen, und sei es mit Angelesenem
aus Psycho-Ratgebern. Er solle sich sein Idol vorstellen und dann sich selbst
mit dessen Augen betrachten. Und so kommt es, dass bei einer Jointpause in
seinem Zimmer plötzlich Eric Cantona (ehemaliger Fußballgott von Manchester
United, in weniger als fünf Jahren schoss er mehr als 80 Tore, auch durch
diverse Disziplinarastrafen bekannt, spielt sich selbst) leibhaftig vor ihm
steht, wie quasi gerade dem lebensgroßen Poster was wohl schon seit Jahren an
der Wand des Postboten prangt entsprungen. Natürlich kommt es wie es kommen
muss: Der große Eric hilft dem kleinen, den festge-fahrenen Karren aus dem
Dreck zu ziehen - und tatsächlich, sich der Vergangenheit mit Lily zu
stellen, gar den in kriminellen Machenschaften verwickelten Stiefsohn zu
helfen oder seinen Job bei der Post in den Griff zu bekommen, alles gar nicht
so schwer.
Looking for Eric heißt die neue Komödie von Ken Loach ("It's a Free
World", 2007), die, typisch für den Regisseur, im britischen Arbeitermilieu
spielt. Es geht um Menschen, die vom Schicksal gebeutelt sind, um
Familiendramen und Überlebenskämpfe. Der Film richte sich gegen den
Individualismus, so Loach: "Wir sind stärker, wenn wir uns in einer Clique
verbünden". Und so schlagen Eric Bishops Kollegen und Freunde, über Hundert
Mann auf dem Weg zu einem ManU-Spiel - allesamt mit Masken von Cantona auf
dem Kopf (da werden für Sekunden Bilder aus dem grandiosen "V for Vendetta"
wach) - einem kleinen, aber wirklich fiesen Mafiosi, der Erics Stiefsohn zum
Aufbewahren einer Waffe zwingt, was schon die Polizei auf den Plan rief, in
seinem Haus alles kurz und klein. Auch wenn vieles vorhersehbar und mit etwas
zuviel Zuckerguss garniert daherkommt, der Streifen hat viele schöne, viele
tragikomische und auch teils recht originäre Momente. Besonders nett für
wahre Fußballfans: neben atemberaubenden Archivbildern mit einigen der
schönsten Tore von Eric Cantona kommt auch die Kommerzialisierung des
Profisports ausführlich und sogar unprätentiös zur Sprache: Fans geraten
aneinander, weil der eine den FC United of Manchester unterstützt (wurde von
Fans gegründet wurde, nachdem der amerikanische Investor Malcolm Glazer 2005
die Aktienmehrheit bei ManU übernommen und den Club förmlich in ein
Showbiz-Wirtschaftsunternehmen verwandelt hat), aber immer noch die Spiele
mit Rooney und Co. im Public-Viewing genießen will. Schade, dass es rund um
den 1. FC Nürnberg keine ernsthafte Bewegung gibt, die sich, wenn schon nicht
generell gegen Trikotwerbung ausspricht - übrigens
Leo Bassi kommt demnächst nach München (17. Dezember, 20 Uhr, Das
Schloss, Theaterzelt am Olympiaberg) - ,einem Verein wenigstens die rote
Karte zeigt, wenn er unverholen für Atomstrom wirbt.
Red.
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