| Kulturtrüffel 2009 - 4. Kandidat |
„Nein, nein, ich liebe dieses Land“, sagt Cherilyn McNeil, die eine, stimmgewaltige Hälfte von Dear Reader aus Johannesburg, Südafrika. „Und ich hasse es hier auch“, fügt sie hinzu. „Ich fühle mich oft fremd und nicht zugehörig. Aber nach Schottland, oder England oder Holland, wo überall meine Ahnen herkamen, da gehöre ich auch nicht hin.“ Und seufzt: „Ach ich weiß es nicht. Das hier ist schon meine Heimat...“
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Dieser Antagonismus allein sagt schon sehr
viel über die Unvereinbarkeiten aus, in denen diese Band tagtäglich agiert
und existiert. Die Mitglieder von Dear Reader
(neben Cheri noch Darryl Torr an Bass und Keyboards; und Schlagzeuger Michael
Wright stößt live dazu) gehören alle zu der kleinen, britisch-stämmigen
Minderheit, die, historisch gewachsen, ungeliebt neben den in Südafrika unter
den Weißen dominierenden Afrikaans existieren. Sie fühlen sich also weder der
Mehrzahl unter der weißen Minderheit zugehörig, noch dem schwarzen Gros der
Bevölkerung. Südafrika ist das Land mit der höchsten Kriminalitätsrate der
Welt. „We live in constant fear“ ist kein
einfach so dahin gesagter Satz sondern eine Tatsache: die Band lebt wie der
Großteil der Mittelschicht hier hinter enorm hohen Mauern und Stacheldraht. Seit das Land in den
letzten Jahren unter Millionen von Flüchtlingen aus
Botswana, Mosambik und anderen Nachbarstaaten ächzt, sei es mit der
stän-digen Gewalt nur noch schlimmer geworden. Man muss, zumindest ein wenig, diese
Umstände im Hinterkopf haben, um die Entstehung ihrer Musik in
den richtigen Kontext zu bringen. Denn wer kann sich schon
vorstellen in einer Gesellschaft zu leben, die von ihrer 40 %igen
Arbeitslo-senquote geprägt ist, in der ein Menschenleben keinen Wert mehr zu
haben scheint, und in der Korruption, Filz und Wildwuchs jegliche Hoffnung
auf Fortschritt zunichte machen.
Aber das sind nur die Begleitumstände. Das im Februar erschienene Album "Replace
Why With Funny" ist eigentlich ein sehr
persönliches. Denn Cherilyn McNeil ist natürlich dennoch eine sehr
lebenslustige, ja fast aufgedrehte junge Frau von 25 Jahren, die ein solches
Ausnahmetalent am Klavier ist, dass sie schon seit Jahren vom Unterrichten an
diesem Instrument leben kann. ihre Stimme verschlägt einem eh die Sprache.
Dazu Darryl Torr - ein
versierter Tonmeister und Studio-Ingenieur, der tatsächlich einen echten Grammy auf seinem Kühlschrank stehen hat, für seine Produktion mit dem auch
hierzulande relativ bekannten Soweto Gospel Choir. Er arbeitet hauptberuflich
in den Tonstudios der South African Broadcasting Company, einem
staatlichen Radiosender, mitten in Johannesburg gelegen. In diesem Furcht
einflößenden Ungetüm von einem Gebäude haben auch Dear Reader ihr Debütalbum aufgenommen. Allerdings haben sie sich etwas Hilfe aus der nördlichen
Hemisphäre geholt. Ein junger Amerikaner namens Brent Knopf, den ein paar
Menschen von seiner Band Menomena her kennen ist nach Johannesburg geflogen
um mit dem Duo diese CD zu realisieren.
Als er
wieder ins Flugzeug auf den unendlich langen Flug zurück nach Portland stieg,
hatte er zwar absolut nichts von der Schönheit Südafrikas gesehen, war sich
aber sicher, Teil eines einmaligen Kreativprozesses gewesen zu sein. Er hatte
Gospelchöre arrangiert und dirigiert. Waldhörner und Trompeten platziert.
Selber Schlagzeug, Piano und Gitarre gespielt, gesungen und eine Band, die
sich von ihm nur zu gerne inspirieren und mitreißen ließ, zu musikalischen
Höchstleistungen getrieben. Man kann etwas davon ahnen, wenn man sich die
kleinen Filme auf der myspace.com/deareadermusic Seite anschaut.
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