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Gesellschaft - 09.11.2009

Zwischen Autorennen, Partymeile und Mahnmal

Von Hitler wurde Nürnberg zur Stadt der Reichsparteitage "ernannt", hier war der Verkündungsort der so genannten Rassengesetze, und nach dem Ende des Dritten Reichs war Nürnberg auch symbolträchtiger Schauplatz der Prozesse gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher. Während die übrige Stadt 1945 weitgehend in Trümmern lag, überstand der fertig gestellte Teil der Nazi-Reichsparteitagsbauten die jahrelangen Luftangriffe der Alliierten im Krieg fast unbeschadet. Darunter die 350 Meter lange Zeppelintribüne, auf der sich Hitler einst zujubeln ließ. Bereits zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde eine Lösung zur Nachnut-zung dieser Bauten gefunden: Beim Norisring-Rennen brausen seither Motorräder und Autos rund um die Steintribüne des bis dahin als Reichsparteitagsgelände genutzten Arreals. Und beim "Rock-im-Park"-Festival wird das Zeppelinfeld seit 1997 jedes Jahr Pfingsten gar zur Partyzone. Nun bittet die Stadt Nürnberg um finanzielle Unterstützung bei Bund und Freistaat für eine Generalinstandsetzung des eigentlich ja auch als reines Mahnmal geeigneten Geländes.

Über 300.000 Menschen kamen bei den Massenaufmärschen und Großveranstaltungen während der Reichsparteitage der NSDAP von 1933 bis 38 auf dem Zeppelinfeld in Nürnberg zusammen. Hitler hielt Ansprachen an "sein Volk" von der Zeppelintribüne, die der Nazi-Architekt Albert Speer nach dem Vorbild des Pergamonaltars gebaut hatte - neben weiteren Zuschauertribünen, die ausgerüstet waren mit zahlreichen Türmen, auf denen tagsüber Fahnen wehten und nachts Scheinwerfer Lichtstrahlen in den Himmel schossen. In „Triumph des Willens“, einem ihrer Propagandafilme für den Diktator, hat Leni Riefenstahl dieses Spektakel festgehalten

Nun aber nach bereits gut 70 Jahren bröckelt das, was nach dem Größenwahn der Nazis ein monumentales Symbol für ihr so genanntes "Tausendjährigen Reichs" sein sollte, auch äußerlich. Eine nachhaltige Generalinstandsetzung der unter Denkmalschutz stehenden Zeppelintribüne soll nach vorsichtiger Expertenschätzung bis zu 70 Millionen Euro kosten - da die Stadt Nürnberg diese finanzielle Belastung nicht allein schultern kann, sollen nach Oberbürgermeister Ulrich Maly das Land Bayern und der Bund den Großteil der Kosten übernehmen: "Es gibt in ganz Deutschland nur noch zwei bauliche Erzeugnisse aus der Nazi-Zeit, die in dieser Form ausschließlich für die Inszenierung der Nazis dienten. Das eine ist Prora an der Ostsee und das andere ist das Reichsparteitagsgelände. Das ist ein Stück deutscher Geschichte. Es ist ein Bauwerk… an dem man heute noch die Hybris der Nazis erkennen kann. Insofern sage ich, diesen authentischen Ort der Geschichte zu erhalten wird einen Bundeshaushalt von 250 Milliarden Euro nicht aus der Bahn werfen. Und deshalb mag ich es mit diesen Maßstäben, ob wir für so was Geld haben oder nicht, gar nicht messen."

Um weitere Schäden etwa auch durch Besucher zu verhindern schirmt seit diesem Sommer ein Zaun das Zeppelinfeld ab; letztes Jahr bereits erhielt die Tribüne Notdächer gegen Frostschäden... Auch ohne die geplante Generalsanierung - allein fast alle Stufen aus Natursteine sind marode, sollen erneuert werden - verschlingen Instandsetzungsarbeiten jährlich bis zu 100.000 Euro aus dem Stadthaushalt.

Die Bewahrung der Zeugnisse der NS-Zeit als Denkmäler und Geschichtsquellen hat der Nürnberger Stadtrat bereits vor fünf Jahren in seinen Leitlinien als Ziel festgehalten. Dabei gehe es natürlich nicht um Modernisierung oder Verschönerung, unterstreicht SPDler Maly: "Bei uns in Nürnberg ist es so, dass wir mittlerweile im Reichsparteitagsgelände selbst mit einem Geländeleitsystem dokumentieren, was damals gewesen ist. Indem wir im Torso der geplanten Kongresshalle ein großes Dokumentationszentrum haben, und indem wir auch die Zeppelintribüne für demokratische säkulare Aktivitäten nutzen. Dort finden Rock-Konzerte statt, dort finden Autorennen statt, dort finden Skater-Veranstaltungen statt… Wir wollen die Zeppelintribüne nicht in Kunstharz gießen und als Schaustück, sondern wir wollen sie einerseits durch die heutige zivile säkulare Nutzung demokratisieren, andererseits aber auch als Dokument der Geschichte erhalten."

Und so diskutiert man in der Frankenmetropole einmal mehr das Für und Wider des Erhalts von NS-Bauten. Nach dem Krieg wollte hier kaum einer die düsteren Geschichtszeugnisse haben. 1945 sprengten die Amerikaner das Hakenkreuz über dem Mittelbau der Tribüne; 1967 ließ die Stadt auch die Säulen-Galerie wegen Einsturzgefahr abtragen. Hermann Glaser, der damalige Kulturreferent Nürnbergs - heute nur noch publizistisch tätig - sprach sich seinerzeit wie heute dafür aus, das Ganze ohne Zutun dem endgültigen Verfall auszu-setzen und das Gelände und die Gebäude so gewissermaßen als siechende Erinnerung zu behandeln. Abgesperrte Ruinen als Ausdruck von Abscheu vor der architektonischen Botschaft der Nazis. Der aktuelle Baureferent der Stadt Nürnberg Wolfgang Baumann sieht das naturgemäß anders - gerade der liegen gelassene Schutt habe maßgeblich zu dem heutigen, auch für Besucher gefährlichen Zustand der Anlage beigetragen: "Ich denke, dass man damals noch heftigst gestritten hat, inwieweit man überhaupt diese Bauwerke der NS-Zeit erhalten, oder ob man sie nicht kontrolliert verfallen lassen soll. Auf alle Fälle, man war sich fraktionsübergreifend einig und hat die Säulenhalle gesprengt. Es spielte sicher auch eine gewisse Rolle, dass Nazi-Symbole an der Decke untergebracht waren. Die gesamte Diskussion, die wir auch am Obersalzberg zeitverzögert erleben seit 1-2 Jahren, dieselbe Diskussion hat sich '67 offenbar in der Stadt abgespielt."

Ohne eine Generalinstandsetzung könne die Anlage nicht erhalten werden, so Baumann. Kann diese nicht bald erfolgen, würde das 14 Hektar große Areal mit der Zeppelintribüne und den 34 Türmen mutmaßlich spätestens in 10 Jahren verfallen sein. Im Nürnberger Stadtrat sei man auch heute deshalb wieder fraktionsübergreifend der Meinung, dass dieser Teil der deutschen Geschichte erhalten bleiben muss - ungeachtet der immensen Kosten. Die Entscheidungen von Bund und Freistaat über eine Finanzierung sind indes noch nicht absehbar.

(Red.)