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Buch-Spezial - 14.10.2009

Zwischen Sein und Heiligenschein

Petra Foede fühlt kulinarischen Legenden auf den Zahn und klärt unter anderem auf, wie Fürst Pückler zu seinem Eis kam; Ein HB Bildatlas entführt nach Wien; respektive nach Waldbach, wenn es nach Silke Poust und Stephan Hormes geht, die in "Atlas der wahren Namen" Landkarten quasi neu beschriften; "Las Vegas Studio" huldigt dem Architektenpaar  Robert Venturi und Denise Scott Brown, die mit ihrer "Learning from Las Vegas" die Postmoderne eingeläutet haben; Und Marcus Wegner zeigt mit "Exorzismus heute", dass das Mittelalter für die Katholische Kirche noch lange nicht vorbei ist.

In "Die Feuerzangenbowle" (1933) beschreibt der Autor Heinrich Spoerl wie bei einem "Herrenabend" Männer um eine blutrote dampfende Flüssigkeit versammelt sitzen. Einer hält einen dicken Kristallzuckerklumpen über das Gefäß, der andere begießt ihn mit Rum und zündet ihn an. Der geschmolzene Zucker tröpfelt dann in eine Mischung aus Weiß- und Rotwein. Nach der Verfilmung mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle wurde dies zu einem Kultgetränk. Als die Kulturhistorikerin und Journalistin Petra Foede in einem Rezeptbuch aus dem Jahr 1929 allerdings las, dass eine Feuerzangenbowle vollkommen kalt sein müsse, ehe man sie serviere, stutzte sie, denn Spoerl hatte ja etwas völlig anderes beschrieben. Dabei war eine Bowle immer ein Getränk für Sommerabende. Im Winter genehmigte und genehmigt man sich einen Punsch, z. B. den Feuerzangenpunsch - nach dem alten Rezeptbuch genauso gemacht, wie Spoerl es unter anderem Namen ein paar Jahre später aufgeschrieben hatte. Für Foede ist die Sache klar: Der Autor war wohl mit den Begrifflichkeiten nicht so vertraut und hat Punsch mit Bowle verwechselt. Wie der Bismarck auf den Hering kam (Kein & Aber) heißt das Buch, in dem die Frau die 1992 ihren Magister in Göttingen machte 56 kulinarischen Legenden - von A wie Aalsuppe der Hamburger über L wie Labskaus und R wie Russisch Brot bis Z wie Zabaione - auf den Grund geht und die gängigen Assoziationen auf ihren Wahrheitsgehalt prüft. Zum Beispiel wie die dreifarbige Fürst-Pückler-Eistorte aus Schoko-, Erdbeer- und Vanilleeis zu ihrem Namen kam: Den Fürsten gab es bekanntermaßen wirklich, Hermann Ludwig Heinrich Fürst Pückler-Muskau (1785-1871) aus der Oberlausitz war Schriftsteller, Landschaftsgestalter und Frauenheld. Zu seinem Bekanntenkreis zählte auch Johann Georg Kranzler, ein gebürtiger Österreicher und Konditor, der sein Café 1834 Unter den Linden eröffnete. Und so soll er Foede zufolge mit größter Wahrscheinlichkeit auch das Pückler-Eis erfunden haben. Das leicht humorig geschriebene Buch ist eine nette Unterhaltung, wenn man wissen möchte, woher bekannte Speisen und Getränke kommen. Das Ganze ist zudem garniert mit witzigen Zeichnungen des Illustrators Daniel Müller.

Wenn man mit dem Zug im Volksland fährt und zwar von Nord nach Süd, fährt man von Uferburg über Sumpf-stadt, Linde und Felsberg bis nach Bei den Einsiedlern. Was sich anhört wie eine Reise in einem erfundenen Staat, ist eine Route von Hamburg über Berlin, Leipzig, Nürnberg nach München. Volksland ist die Bezeichnung für Deutschland: das Wort "deutsch", zum ersten Mal taucht es zur Zeit des Frankenkönigs Karl (seit 786 n. Chr.) auf in der latinisierten Form "theodiscus", bedeutete "zum (eigenen) Volk". Stephan Hormes und Silke Peust haben etymologische Faltkarten zusammengestellt, die nun hübsch aufbereitet unter dem Namen Atlas der wahren Namen im Carlsen Verlag erschienen ist. Mit einer kurzen Einführung und mit nem reichhaltigen Register der ins Deutsche übersetzten Ortsbezeichnungen aus der ganzen Welt entführt das Autorenteam zu den Ursprüngen der Ableitungen - zum Beispiel steht "Die heftig Anschwellende" für Neckarsulm und "dürres Land" für Arabien, vom arabischen Wort "arab" - dürr, trocken, wüst. Waldbach steht für Wien, Stadt für Bootsleute für Paris und Kaufmannshafen für Kopenhagen... Sogar selbst die Planeten bekommen ihre Namen hier übersetzt! Das Ganze ist eine lustige und spannende Reise für Alt und Jung zu mehr als 2.300 Orten, Ländern, Gewässern und Gebirgen und durch die Geschichte der Sprache.

Auch im Herbst gibt es in Wien noch einige wärmere,  recht sonnige Tage, um durch die prächtige Altstadt und die teils unglaublich üppigen Parkanlagen zu flanieren; kälterem Wetter entflieht man bestens in gemütlichen Kaffeehäusern mit ihrer reichlichen Auswahl an Torten und ebenso leckeren Mehlspeisen. Und so widmet sich auch der neue HB Bildatlas Wien den Schlössern, Museen, Beisln und Cafes der österreichischen Hauptstadt. Ob Ausgehtipps für Kunst- oder Musikliebhaber, für Wanderer oder Genießer - von der Redaktion werden Empfehlungen ausgesprochen, einige sind extra auf die dazu gefügten überschaubaren Citypläne vermerkt. Die Reise startet am Stephansdom und der noblen Einkaufsmeile drumherum; die Hofburg mit ihren kaiserlichen Wohngemächern ist ein beliebtes Touristenziel wie auch die Sommerresidenz Schönbrunn; hat man etwas mehr Zeit und das Wetter spielt mit, so bietet der Wienerwald - gemeint ist hier nicht (!) die Hendlkette - viele Ausflugsmöglichkeiten. Das Wiener Schnitzel darf natürlich nicht unerwähnt bleiben, wie eben die berühmten Kaffeehäuser, die der Stadt ihren Flair geben, wenngleich sich auf diesem Gebiet mittlerweile eine recht stillos wirkende rosafarbene Kette in vielen Gassen der sonst vergleichsweise franchisefreien Metropole ihr Unwesen treibt. Doch zurück zum Gegenstand unserer Buchkritik: Das Werk ist wie immer bei diesen Veröffentlichungen des Dumont Reiseverlags im DIN A4 Format gehalten, also eher nicht so gut für Rucksack- oder Umhängetaschentouristen geeignet. Vor allem aber ist es bestenfalls eine erste Annährung an dieses weitaus vielfältigere Urlaubsziel als es diese gar z.B. zum Thema Kaffeehaus äußerst "gekauft" wirkende Veröffentlichung preis gibt: Eine Kaffeehausbesitzerin darf so gleich dreimal im Heft auftauchen, sowohl in einem Interview als auch in einem Portrait über ihren Betrieb gar recht unverholen Eigenwerbung machen.

Ende der Sechzigerjahre setzte sich bei Stadtplanern in den USA allmählich das Bewusstsein durch, dass ihre Großentwürfe, insbesondere die Sozialbauprojekte, mit denen nach dem Krieg in amerikanischen Städten ganze Viertel neu gebaut wurden, häufig nicht funktionierten. Zu oft wurde an den Bedürfnissen der Bewohner vorbeigebaut, so dass ganze Neubausiedlungen nach wenigen Jahren wieder abgerissen werden mussten. In dieser Zeit - namentlich 1968 - machte sich der Architekt Robert Venturi, der als bedeutender Vertreter postmoderner Architektur gilt und besonders auch als Theoretiker und Publizist geschätzt wird, zusammen mit Denise Scott Brown und Steven Izenour sowie einer Gruppe von Studenten aus Yale auf den Weg nach Las Vegas: mit dem Ziel, zu analysieren wie eine vitale und erfolgreiche Stadtlandschaft in der Realität wirklich funktioniert. Herausgekommen ist so "Learning from Las Vegas", in dem Venturi am Beispiel des Strip, der zentralen Hauptstraße Las Vegas', auf die Alltagsbaukunst Amerikas verwies und diese ins Zentrum der Architekturdebatte hob. Nicht die Bauwerke der Moder-ne seien "funktional", sondern gerade triviale und mitunter hässliche Formen des Bauens, die den Großteil der Städte ausmachen und ihre reale Funktionalität tagtäglich in der Praxis unter Beweis stellen. Las Vegas Studio nun (Untertitel: Bilder aus dem Archiv von Robert Venturi und Denise Scott Brown) ist eine reichhaltig illustrierte Hommage an diesen Archi-tekturklassiker, der als eine der einflussreichsten Schriften der Architekturtheorie seit 1972 in vielen Sprachen erschien und als Startschuss der Postmoderne gilt. Fotografie und Film waren in diesem Studio wichtige Instrumente der Stadtanalyse. Das Originalmaterial ist im Firmenarchiv von Venturi, Scott Brown & Associates in Philadelphia aufbewahrt. Das bei Scheidegger & Spiess erschienene Buch nun präsentiert insgesamt etwas zu lieblos unter anderem viele bisher unveröffentlichte Aufnahmen, geprägt von typischer Zeichensprache einer Großstadt. Ergänzt wird das Ganze mit Einführungen und Essays zu "Learning from Las Vegas" sowie im Allgemeinen über Architektur und Designgeschichte. Dies widerum ist recht interessantes und aufschlussreiches Hintergrundmaterial über das Architektenpaar und zu ihrer Arbeitsweise, sowie eine Momentaufnahme einer durch Leuchtschilder, Autos, hässlichen Bauwerken und der umliegenden Wüste geprägten Stadt.

Es war eine zufällige Begegnung mit einer Frau Mitte 30, die den Journalisten Marcus Wegner zunächst zu einem Radiofeature für den WDR und dann zum im Gütersloher Verlagshaus veröffentlichten Buch Exorzismus heute (Unteertitel: Der Teufel spricht deutsch) animiert habe. Ganz offen teilte sie dem ihr bis dato unbekannten Mann mit, dass sie den Satan und die Hölle gesehen habe und auch mehrfach der Exorzismus über sie gesprochen worden sei. Zwei Jahre lang recherchierte Wegner dann zum Thema Teufelsaustreibung, von deren Ritualen die katholische Kirche sich distanziert hatte, nachdem Mitte der Siebziger die Studentin Anneliese Michel nach zahlreichen Exorzismen gestorben war. Rein statistisch werde hierzulande fast jeden Tag an irgendeinen Orten ein Exorzismus vollzogen, so Wegner. Dazu kommen zahlreiche Fälle in Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Frankreich, Polen und vor allem in Italien. Von anderen Ländern und Kontinenten ganz zu schweigen. Verbindliche Regeln für eine Teufelsaustreibung, dem ritualisierten Kampf zwischen göttlichen und satanischen Gewal-ten gibt es seit 1614, und mancher Gläubige gehe bei psychischen Problemen bis heute eben tatsächlich lieber zum Exorzisten als zum Arzt. "Heute weiß ich: Anneliese Michel ist nicht die einzige Exorzismus-Tote der letzten Jahrzehnte und es besteht kein Grund anzu-nehmen, sie sei die letzte in Deutschland gewesen", schreibt der Autor, der zahlreiche Gespräche mit Priestern, vermeintlich Besessenen und deren Angehörigen sowie mit offen wie versteckt agierenden Exorzisten geführt und eine recht verstörende, versteckte Welt inmitten der aufgeklärten heutigen Gesellschaft zeichnet, ohne Sensationshascherei.

Red.

Legende der Punktwertungen:

= schlichtweg herausragend

= empfehlenswert

= interessant

= zwiespältig

= ziemlich mau

= grausam



(Red.)