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Buch - 23.10.2009

Schuldig im Sinne der Herrschenden

„Angriff auf die Freiheit“ von Ilija Trojanow und Juli Zeh möchte man ständig verschenken. Es ist Argumentationshilfe, Wecker für Schläfer und Provokation in einem. Nach der Lektüre fällt es einem leicht Juli Zeh zu verzeihen. Hat sie doch 2002 empfohlen Gazprom-Gerhard zu wählen. Zehs juristisches Wissen ist eine wesentliche Zutat, neben Trojanows Weltläufigkeit und Radikalität. Nicht nur einmal zerstört sie damit scheinbar plausible Argumentationsketten, die Folter oder Abschüsse von Flugzeugen legitimieren. Trojanow ermögliche bereits vorher mit globalisierungskritischen Essays und Romane wie „Der Weltensammler“ interkulturelle Einblicke in die indische und arabische Welt.

Zu Beginn des Buches erwacht der Leser an einem ganz normalen Morgen, wird überwacht, obwohl er nichts zu verbergen hat, mit allen Möglichkeiten. Jene, denen es noch nicht bewusst war, werden genau dort abgeholt wo sie bis jetzt schliefen: Mit einer Penetranz, bei der jeder aufwacht. Das Autorenduo Trojanow und Zeh hat sich die Methode von Regierung, Militär und Polizei zu Eigen gemacht, die uns die vermeintliche allgegenwärtige Bedrohung durch den internationalen Terrorismus vor Augen pressen und damit Angst schüren. „Wir wollten ein Buch schreiben, das die Massen bewegt“, so Zeh beim Erlanger Poetenfest, als das Buch in einem proppevollen Saal mit knapp 900 Menschen vorgestellt wurde. Schon im ersten Kapitel packen sie vermeintliche Demokraten an der Nase und fragen: „Kann man ein Werte-system verteidigen, indem man es abschafft?“ So intelligent diese Frage ist, so sehr wird dadurch ein vermeintliches Wertesystem gutgeheißen, das in den letzten Jahrzehnten zwar einiges erreicht, aber mit seiner Politik in Afrika die Hungersnöte gefüttert hat, dank Weltbank und IWF und sich daran fettgefres-sener westlicher Politik. Um an dieser Stelle nur eine tödliche Folge für Millionen der so gepriesenen Demokratie zu nennen.

Vermutlich müssen für die Mehrheit der Leser die tatsächlichen Errungenschaften, wie die in der Praxis durch die Polizei oft außer Kraft gesetzte Unschuldsvermutung, so deutlich benannt werden, um argumentieren zu können. Wer Troijanow kennt, weiß, dass es sich bei ihm um keinen repräsentativen Demokraten handelt, er fordert schon mal die „Bürgerpflicht zum utopischen Denken.“ Durch Aufzeigen des historischen Wegs zu den sogenannten Grundrechten soll daran erinnert werden, dass „vergangene Generationen für eine bessere Zukunft gekämpft haben“ und augenblicklich wir diese bessere Zukunft sind, wodurch dem Leser einmal mehr in den Arsch getreten wird. Auch, dass sich bei Obamas in Sach-en „feindliche Kombattanten“ nichts geändert hat, wird hier thematisiert. Für Terroristen gilt weiter das Kriegsrecht, aber kein Gericht und keine Unschuldsvermutung. „Angriff auf die Freiheit“ verdeutlicht, wie Bedrohungsszenarien geschürt werden, wie real diese tatsächlich sind und mit welch rhetorischer Intelligenz Politiker, Medien und Theoretiker diese willentlich befeuern. So erfährt man, dass die Gefahr eines unnatürlichen Todes beim Badputzen am höchsten ist und bei einem terroristischen Anschlag zu sterben bei eins zu vier Millionen liegt, aber 76 Prozent der Deutschen Angst haben, bei einem Anschlag zu sterben. Was leider auch belegt, dass die Panikmache funktioniert, wenn das Wort Terrorverdächtiger – das sich seit dem 11.9. explosionsartig in den Medien vermehrt hat –, vor allem den Terror im ängst-lichen Gehirn zurücklässt, aber die potentielle Unschuld ausblendet. Oder wenn Merkel davon spricht, dass alle eigentlich ganz prima läuft, „aber trotzdem brauchen wir mehr Überwachung.“

Und das Autorenduo illustriert, worin die eigentliche Bedrohung gesehen wird. Der War on Terror wird „nicht gegen einen konkreten Feind geführt, sondern gegen ein Phänomen.“ Die Kultur des Abendlandes ist bedroht, durch das Morgenland, was einen virtuellen Angriff darstellt, jedoch keiner gegen Häuser oder Menschen, aber dem „Kampf der Kulturen“ Munition liefert. Im Epilog konkretisieren sie, was der Leser gegen den „Sicherheitswahn, Überwachungsstaat“ tun kann. Sie verstärken diese Forderungen mit Zahlen aus England, wo lokale Behörden Anti-Terror-Gesetze benutzen um „Bürger auszuspionieren, die möglicherweise Müll auf die Straße werfen;“ bis Juli 2008 wurden „867 Terror Ermittlungsverfahren gegen Alltagssünder eingeleitet.“ Wem diese Beispiele an den zu Berge stehenden Haaren herbeigezogen sind, kann sich im fast dreißig seitigen Glossar seine Realpsychose noch einmal bestätigen lassen.

Aber was tun? Geheimnisse für sich behalten und nicht für ein paar Treupunkte an der Kasse einscan-nen lassen, nicht mehr dem „simplen Freund-Feind-Schemata“ von guter Christ, böser Moslem erliegen, Aussagen von Politrics auf ihren Tatsachengehalt überprüfen, wenn sie von „Kulturkampf“ sprechen und nicht zuletzt für unsere Freiheit zu kämpfen, sagen die Autoren, was ein wenig unkonkret ist. Man könnte dem Buch vorwerfen, es würde nicht aufzeigen, welche der unzähligen Überwachungsmechanis-men Praxis sind. Darauf sagte Juli Zeh, dass sie „irgendwann fertig werden wollten und täglich neue Beispiele hinzukommen, weil es sich um einen schnellen aktiven Prozess handelt.“

Wie dieser Prozess in Jahrzehnten enden kann, zeigt sie in ihrem Buch „Corpus Delicti“, das sie mit der Band Slut vertont hat, die zusätzlich noch eigene Songs eingespielt haben. Darin schildert sie eine Gesundheitsdiktatur namens „Methode“, für die Gesundheit oberste Maxime ist und unter anderem mit einem Mikrochip im Oberarm kontrolliert wird; der speichert auch „Umgang mit toxischen Substanzen“, wie Koffein. Daneben wirken so genannte Wächterhäuser, die sich in vorauseilendem Gehorsam als vorbildlich im Umgang mit Keimen und anderen Bedrohungen erwiesen haben. Widerstand leistet eine Terrorgruppe mit dem ironischen Namen „Recht auf Krankheit“ (R.A.K.). Der Protagonistin Mia Holl wird ganz im Sinne des § 129a, Bildung einer terroristischen Vereinigung untergeschoben, weil sie durch den Selbstmord ihres Bruders Moritz die Methode grundsätzlich in Frage gestellt und Aufruhr verursacht hat. Das Hörbuch akzentuiert die Geschichte dramaturgisch intelligent, beispielsweise wenn Zeh gleich zu Beginn auffordert, das Handy auf stumm zu schalten, aber eingeschaltet zu lassen, „damit der Verfas-sungsschutz weiß, wo sie sind. Alles was hier geschieht, geschieht zu ihrem Besten.“. Oder wenn die pervertierte Version von Gesundheit im Lotusblüten-Gesummsel gelesen und im „The Wall“ Stil, mit feinnervigem Gesang, von Orgel-Kirchenmusik unterlegt, die Einsamkeit des romantischen Moritz aufgezeigt wird. „In meinem Kopf gibt es Freiheit, tanzen, trinken und feiern Menschen“, verriet ihr Moritz einmal. Der R.A.K. würde er sich nie anschließen, weil er darin dasselbe Problem sähe, „wie beim Leben mit der Methode. Man würde mich zwingen, bestimmte Dinge zu denken, zu sagen oder zu tun.“ „Corpus Delicti – Eine Schallnovelle“ ist kraftvolle Musik, verwoben mit Zehs Poesie des dystopischen Weitblicks.

Leonhard F. Seidl