| Neu im Kino - 16.10.2009 |
Der estnische Spielfilm "Klass" beschreibt, wie Mobbing unter Schülern ausarten kann und welche Auswirklungen das auch für Mitläufer haben kann; In "Ein Teil von mir" wird ein 16jähriger Vater wider willen und ist zwischen seinen Ängsten und der Neugier aufs Kind hin- und hergerissen; In "Sonic Mirror" folgt Mika Kaurismäki dem sozial engagierten Schlagzeuger und Perkussionisten Billy Cobham; und in der Neuverfilmung von Paul Maars "Lippels Traum" geht es um die Kraft der Fantasie.
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Eine höhere Klasse in einer estnischen Schule: eine Clique um Andres gibt vor, was zu tun ist. Joosep, ein introvertierter Junge, wird zum Opfer auserkoren und muss ständig Hänseleien bis hin zu körperlicher Gewalt über sich ergehen lassen. Kasper gehört zu Andres Clique, bis er irgendwann beschließt, da nicht mehr mitzumachen. Er stellt sich fortan betont schützend vor Joosep, versucht ihn rigoros vor tätlichen Angriffen zu schützen, sehr zur Überraschung der ganzen, ansonsten offenkundig nur aus Mitläufern bestehenden Klasse. Dabei nimmt er in Kauf, das sich seine Freundin aufgrund des Drucks der Gruppe langsam von ihm abwendet - dass es für Kasper eine Frage der Ehre ist, die physischen und vor allem auch psychischen Gewaltorgien zu stoppen, ist ihr wenig nachvollziehbar. Vor allem kommt Kaspers entdecktes Ehrgefühl dem Außenseiter und ihm selbst teuer zu stehen. Wenn seine ehemaligen Kumpels ihn zunächst nur festhalten, damit er nicht wieder die schützende Hand über den Außenseiter hält, während sie Joosep nunmehr aufs Äußerste schikanieren, wird er nun nach und nach selber direkt Opfer.
Joosep kann das Mobbing gegen sich zu Hause nicht lange geheim halten, der Vater - ein Machotyp mit Vorliebe für Schusswaffen - versucht in seiner hilflosen Art, aus ihm einen "Mann" zu machen, der Junge müsse endlich zurückschlagen und zwar kräftig. Kasper indes ist es, der ihn ihm einen Vergeltungsplan reifen lässt, der deutlich radikaler ist...- für sein Spielfilmdebüt Klass habe sich Ilmar Raag, der auch das Drehbuch schrieb, von eigenen Erfahrungen in der Schule und seiner Wehrdienstzeit inspirieren lassen. In sieben Kapitel aufgeteilt, erzählt sein Film äußerst glaubwürdig, auch Dank des authentischen Spiels nahezu sämtlicher Jungdarsteller, wie es zu einem Amoklauf kommen kann. Wenn zum Beispiel eine Schießerei in der Schule passiert, sei die erste Reaktion der Medien, den Täter zu entmenschlichen, um ihn verurteilen zu können, so der Regisseur: "Mit der gleichen Handlung weigern wir uns, die Wurzeln von Gewalt zu verstehen, und sie wiederholt sich dadurch immer und immer wieder"..
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Christoph Röhls Jugendfilm Ein Teil von mir ist ebenfalls ein Debüt. Die zentrale Figur ist der 16jährige Jonas (Ludwig Trepte aus 1. Mai - Helden bei der Arbeit), der plötzlich damit konfrontiert wird, dass ein bereits halb vergessener Party-Flirt, die ein wenig ältere Vicky wieder in sein Leben taucht - und zwar nicht allein. Bis dato lebte er ein ganz normales Leben: in der Schule läuft alles gut, die Mutter ist stolz auf ihn, seine Kumpels akzeptieren ihn. Und nun steht er plötzlich mit diesem Brief von Vicky da, worin sie ihm mitteilt, dass er Vater wird. In erster Panik weist er sie zurück, und da sie ihn auch nicht weiter bedrängt, versucht Jonas auch wieder unbekümmert in seinen Alltag zurückzukehren - bis das Mädchen ihn dann irgendwann nach seinem Nebenjob abfängt und ihn unter einem kleinen Vorwand kurz mit dem gemeinsamen Baby allein lässt.
Jonas ist fortan hin und her gerissen zwischen der Neugier auf das Kleine, der Anziehungskraft die Vicky gar nicht so bewusst auf ihn ausstrahlt und der Angst, was auf ihn zukommt. Ohne wirklich Forderungen zu stellen, versucht die junge Mutter ihn für seine kleine Tochter weiter zu interessieren. Und irgendwann kommt auch Jonas Mutter dahinter... Eine durchweg unprätentiös erzählte und gut gespielte Geschichte über das Erwachsenwerden an sich und im Speziellen über gescheiterte Familienmodelle - beide Haupt-figuren wachsen ohne Vater auf - und Entscheidungen, die man so oder so treffen muss.
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In der Doku Sonic Mirror begleitet Mika Kaurismäki den Jazz-Schlagzeuger und Perkussionisten Billy Cobham. Der 1944 in Panama geborene Künstler zählt er seit den 70er Jahren zur Elite der Jazz-Rock-Drummer. Dadurch, dass er in die Rock-Musik bis dato unbekannte Spielweisen einbrachte, z. B. lateinamerikanische Techniken, beeinflusste er diese Musikrichtung nachhaltig. Er arbeitete mit Jazzlegenden wie Miles Davis und Horace Silver zusammen und ist Mitglied des Mahavishnu Orchestra. Seine Diskografie umfasst Hunderte von Einspielungen und er leitet weltweit diverse Workshops. Regisseur Kaurismäki erzählt Cobham nun über seine persönliche und kulturelle Identität. Der Film begleitet seinen Protagonisten zudem während seiner Auftritte mit der finnischen "Espoo Big Band" und dem Trompeter Randy Brecker; er besucht mit ihm seinen Vater, einen Pianisten; beleuchtet Cobhams Arbeit mit Kindern im brasilianischem Bahia, wo der Ausnahmemusiker bei einer Samba-Reggae-Truppe seine afrikanischen Ursprünge wieder findet. In der Schweiz - seiner sonstigen Wahlheimat - musiziert der portraitierte zudem mit jungen autistischen Erwachsenen. Diers gehört zu den eindrucksvollsten Szenen des Films, der insgesamt aber leider seinem Anspruch nicht gerecht wird. Der Regisseur, der komplett auf Off-Kommentare verzichtet, schafft es nicht Cobham zu einem wirklichen Mittelpunkt zu machen; erst recht den Zuschauern, die den Musiker bisher bestenfalls vom Hörensagen kannten, wird kaum etwas Hintergründiges zu der bisherigen künstlerischen Arbeit ge-boten, Bilder, Musik und Gespräche verschmelzen nur selten ansprechend miteinander, über weite ist das Gezeigte überhaupt nicht fesselnd.
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Der 11jährige Philipp, genannt Lippel wohnt allein mit dem Vater, dem äußerst gutherzigen Gourmetkoch Otto Mattenheim (Moritz Bleibtreu). Die Beiden verstehen sich entsprechend gut. Als Otto auf Geschäftsreise muss, engagiert er eine neue Haushälterin. Frau Jakob (Anke Engelke) soll dabei nicht nur auf das Haus, sondern vor allem auf Lippel aufpassen. Die auf den ersten Blick sympathische Frau entpuppt sich sehr schnell als kleinkarierter Kinderschreck, die Lippel als Strafmaßnahme sogar das Märchenbuch wegnimmt, das ihm der Vater als Trostpflaster hinterlegt hat. So muss der Junge die angefangene Geschichte aus tausend und einer Nacht im Traum selber zu Ende spinnen, in dem er einen gleichaltrigen Prinzen und dessen Schwester - die zwei neuen Mitschülern zum Verwechseln ähnlich sehen - vor den Intrigen derer Tante rettet. Arbeit, die natürlich mit einmal Schlafen gehen nicht zu bewältigen ist, Lippel also einige Tage - und eben Nächte - beschäftigen wird. Mit jeder Erfolg verheißenden Entscheidung und Handlung in seinen Träumen, wird der Junge auch im Realen selbstbewusster, Problemen wie einem rabiaten Mitschüler, der sinnigerweise der Sohn des ebenfalls dreist agierenden Konrektors (Uwe Ochsenknecht) ist, auf Augenhöhe zu begegnen. Lippels Traum heißt Lars Büchels ("Erbsen auf halb 6") Neuverfilmung (1990 gab es bereits eine Leinwandarbeit mit Hans Clarin als orientalischen König) des gleichnamigen Romans von Bambergers Paul Maar: Es ist ein rundum gelungener, sehr charmanter Familienfilm.
Red.
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