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Musik - 21.10.2009

Ein ganz grelles, großstädtisches Element

Georg Ringsgwandl, der bayrische Liedermacher und Kabarettist, hat Ende der 70er Anfang der 80er Jahre die damals als tendenziell recht behäbig geltende Kleinkunstszene mit seinem schrillen Auftreten sowie poetischen, kritischen und recht melodischen Liedern aufgemischt. Mittlerweile hat der ehemalige Herzdoktor, der seinen Beruf zu Gunsten der Kunst an den Nagel gehängt hat, zahlreiche Platten veröffentlicht, verschiedene Theaterstücke geschrieben und viele Preise eingeheimst. Mit seiner neuen CD „Untersendling“ ist Georg Ringsgwandl auf Deutschlandtournee. kulturkueche.de hat mit dem Musiker gesprochen.

Nach einem Münchener Stadtteil hat Georg Ringsgwandl seine neue CD benannt – Untersendling. Dort wohnt er nun schon seit 30 Jahren. In seinen neuen Songs erzählt der ehemalige Kardiologe seine Beobachtungen in diesem Viertel: von der Bäckereiverkäuferin, die einem einsamen Single zur Kompensation seines Alleinseins auch noch ein Vanillekringel verkauft; von einer Zugehfrau, die Ringsgwandl in seiner Wohnung braucht; oder von einem Computerfreak, der nur mehr digital lebt und dem analoge Dinge wie Liebe oder Sex abhanden gekommen sind. Ringsgwandl dazu: "Untersendling ist ein ganz einfaches Wohnviertel. Es ist nicht besonders schick, das übrige München ist ja wahnsinnig schick. Da laufen die Leute in Trainingsanzügen durch die Straßen… und die leben völlig unbeschattet vor sich hin. Das ist irgendein Großstadtviertel, das es wahrscheinlich in anderen Städten auch gibt. Und dort haben wir uns das direkte Leben angeschaut."

In Untersendling sei Ringsgwandl wenigstens etwas heimisch geworden, erzählt der 60jährige Musiker und Kabarettist, der in seinem Leben bisher das Gefühl nicht loswerden konnte, überall ein Fremder zu sein: "Ich bin nicht so zu Hause, wie ein Mensch, der in Deggendorf geboren ist, in Deggendorf aufgewachsen ist, in Deggendorf studiert hat, in Deggendorf sich verbrennen lässt am Schluss und seine Urne in Deggendorf aufbewahren lässt. Dieses Glück hatte ich nicht. Es lag auch daran, dass ich gesellschaftlich nicht so gut integrierbar bin."

1948 wurde Georg Ringsgwandl in Staufenbrücke, einem Vorort von Bad Reichenhall, in der Nähe der österreichischen Grenze geboren. Damals war dies eine Siedlung von Kriegsheimkehrern, die bei Null anfangen mussten. Das erste Instrument, das "der Schorschi" lernte, war die Zither. Seine ersten Auftritte hatte er als Achtjähriger bei den Kaffeekränzchen des örtlichen Konsumladens. Die Gage bestand aus Limonade und Bockwurst. Später spielte Ringsgwandl Posaune in einer Dixie-Band. Damit war aber Schluss, als er mit 18 Jahren mit Lungentuberkulose ins Sanatorium musste. Dort schrieb der Sohn eines Postbeamten seine ersten Songs und lernte Gitarre spielen. Er wäre gern Musiker geworden, studierte aber Medizin, wurde Kardiologe und arbeitete als Oberarzt am Klinikum Garmisch-Partenkirchen. 1978 ging er mit seinem ersten eigenen Programm "Gurkenkönigs Hausfrauenshow" auf Tour. 1986 dann erschien die erste CD des Doktors: „Das Letzte“.

Mit geschminktem Gesicht, einer gelben Plastikbadekappe, neonfarbenen Leggins und einem blauen Plastikmüllsack am Körper ist er damals auf die Bühne gegangen. Als Protest, wie er sagt, gegen die Biederkeit der damaligen Kleinkunstabende in Jeans und kariertem Hemd. Wie ein ganz grelles, großstädtisches Element wollte Ringsgwandl seine Shows gestalten. Die Initialzündung für den Wagemut lieferte seinerzeit insbesondere ein amerikanischer Chaosclown: "Ich hab dann Jango Edwards gesehen. Das war Ende der 70er bei einem Freien Theater in München. Das was der damals machte war eine absolute Weltsensation. So was hat man bis dahin auch nicht annährend gesehen. Einfach exzessiv. Was ich normalerweise zu Hause in der Badewanne oder im stillen Kämmerchen ausfantasiert habe, hat der alles auf der Bühne gemacht. Und da dachte man, das ist genau die Richtung. Schau was ist das Verrückteste in deinem Kopf und das haue mit voller Wucht raus. Das habe ich dann auch gemacht."

Nicht nur sein Auftreten war provokant, auch in seinen Songtexten nahm Ringsgwandl seine spießigen Mitbürger mit hintergründigem Witz und pointenreichem Klamauk gehörig ins Visie, etwa mit dem legendären Garten-Nazi aus dem Album "Gache Wurzn". 1993 dann gab der Oberarzt, aus dessen Federn auch mehrere Musicals und die Punk-Oper "Ludwig II Superstar" stammen, seine medizinische Karriere zugunsten der Bühne vollständig auf. Nachdem er etwa 20 Jahre in der Medizin gearbeitet und immer ein bisschen nebenbei Musik gemacht hatte, schien ihm auf die Möglichkeit zu verzichten, am großen Theater zu arbeiten, mit einer Band Musik zu machen, Platten aufzunehmen und auf Tourneen zu gehen, so "dass ich einfach eine Sünde begehe und mein Talent verschleudere."

Heute sehen Ringsgwandl Shows weniger schrill aus. Rückblickend spricht der Künstler gar davon sich so manche "optische Tabuverletzung" geleistet zu haben. Entsprechend ziehe er sich nun vermeintlich auch etwas besser an, so der Deutscher Kleinkunst- sowie Prix Pantheon-Preis-Träger. Er strebe sogar einen gewissen "halbseidenen Balkan-Schick" an, mit ein "bisschen Gold und Glitzer": "Ich versuche, dass die Komik – Vorstellungen müssen schließlich lustig sein –, dass der Humor aus dem kommt, wie ich mich auf der Bühne bewege… Ich mache das heute ohne Hilfsmittel, wie eine lustige Mütze oder komische Frisur, grelle Schminke oder so. Diese Entwicklung gemacht zu haben ist das Einzige, worauf ich stolz bin."

Seine recht melodiösen und abwechslungsreichen Lieder der neuen CD "Untersendling" bewegen sich unter anderem irgendwo zwischen Country und Funk, Rock'n'Roll und Bayern-Rap. Also einmal mehr wenig schubladentauglich. Die Texte aber sind auf einen Nenner zu bringen: sozialkritisch und dennoch unterhaltsam.

Red.