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| Neu im Kino - 06.09.2011 |
Die Mülltonne als Spiegel der
Gesellschaft
Regisseur Valentin Thurn schaut in „Taste The Waste“ in Industrieländern
nach weggeworfenen Lebensmitteln und stellt fest, dass die Millionen von
Tonnen noch brauchbaren Essens den Welthunger zweimal decken würden.
Gleichzeit zeigt er diverse Kleinprojekte, die versuchen, Produkten den
verlorenen Wert zurückzugeben.
Den Dokumentarfilm über
Lebensmittel, die achtlos auf dem Müll landen, konnten Zuschauer, die abends
etwas länger fernsehen, in einer Kurzfassung bereits im Oktober 2010 in der
ARD sehen: um 23.30 Uhr statt zur angebrachten Prime Time, in der strahlen
die Programmverantwortlichen der GEZ-finanzierten Sender lieber
Musikantenstadel und ähnliche Volksverdummung aus. Der fürs Kino nun sinnvoll
und Spannung haltend auf eineinhalb Stunden ergänzte, von den Botschaften und
Sachinfos in beiden Fassungen äußerst entdeckenswerte Film, in dem unter
anderem Gesetzesirrsinn, Marktmacht und weltpolitische Zusammenhänge im
Bereich Lebensmittelindustrie aufgezeigt werden, ist eine wahre Doku-Perle..
Auch hierzulande landen viel, viel zu oft Produkte in Mülltonen, von denen
noch nicht einmal das offizielle Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist.
Oft weil die Verbraucher oder gar die Supermärkte selbst
zu viel eingekauft haben - oft wurden die Verpackungen nicht einmal
aufgemacht. Angeblich machen noch genießbare Lebensmittel 10 Prozent vom
Haushaltsmüll aus. Was im privaten Einzelfall oft mit der peinlichen Mär "das
fällt doch nicht ins Gewicht" schön geredet wird, bekommt im
Wirtschaftskreislauf eine noch ganz verrücktere Dimensionen. 90 Millionen
Tonnen noch essbare Lebensmittel werden in der EU jährlich weggeschmissen.
Mehr als die Hälfte dessen, was produziert wird. Und das meiste davon – im
Bereich Gemüse und Obst – bereits auf dem Weg vom Acker oder Garten in den
Laden, bevor etwas überhaupt im Handel landet, wird kräftig ausgesiebt. und
nicht etwa wegen EHEC-Angst oder tatsächlichen Erregern. Sondern weil etwas
nicht der vorgegebenen Normen entspricht: die Tomate zu groß, der Apfel zu
klein, die Haut der Aubergine nicht ganz glatt, die Gurke zu gekrümmt statt
gerade gut passend für die rechteckigen Versandkisten, ein farbton nicht
"typisch" genug... Umschlagplätze für Lebensmittel aus alles Ecken der Welt
schmeißen Produkte Kisten- ja tonnenweise weg - und andernorts verrecken
Menschen, weil sie nichts vernünftiges oder zu wenig "zum Beißen" haben -
nicht nur in Somalia.
Doch der Film erinnert aber nicht nur an Leid oder zeigt "nur" die Folgen von
Konsum-wahn und Machtpolitik von Wirtschaftsunternehmen - er gibt auch ein
wenig Hoffnung, berichtet von den Versuchen von engagierteren Bauern und
umweltbewussten Konsumenten aus den USA und Europa, die in kleinen Projekten
oder Aktionen Lebensmitteln ihren Wert "zurückzugeben". Nicht selten fischen
Menschen aus Mülltonnen der Supermärkte brauchbares Essen, nicht weil sie es
sich nicht leisten könnten, "regulär" einzukaufen, sondern, weil sie mit
dieser Wegwerfpolitik an sich nicht einverstanden sind. Abgesehen davon,
gehen etwa 31 Prozent der Treibhausemissionen laut Weltklimarat auf die
Landwirtschaft zurück. "Wird ein Drittel der Lebensmittel vernichtet, so ist
dieser Müll an zehn Prozent aller Treibhausgas-Emissionen schuld. Das ist
annähernd so viel wie der gesamte Transportsektor. Würde man die
Essensabfälle auf die Hälfte reduzieren, wäre der Klimaschutzeffekt ähnlich
wie die Stilllegung jedes zweiten Autos,“ so der Regisseur.
"Taste the Waste" macht deutlich, wie viel Schuld neben der Politik (u.a. mit
immer niedriger werdender Mindesthaltbarkeit) auch die Konsumenten selbst
(mit ihrem unbedachten Umgang mit gekauften Lebensmitteln) an der Situation
tragen. "Wenn wir Lebensmittel dem freien Marktgeschehen aussetzen, zerstören
wir unsere Lebensgrundlagen," ist eine der Botschaften des Films, der zu mehr
Bewusstsein für den Hunger in der Welt, über die Problematik der Müllberge
und zu den Folgen des Konsumwahns aufruft.
(Red.)