| Neu im Kino - 30.09.2009 |
In "Es kommt der Tag" muss eine ehemalige RAF-Terroristin ihre längst hinter sich gelassene Vergangenheit unfreiwillig Revue passieren; Im Sinan Akkuss Erstlingsfilm "Evet, ich will!" dreht sich alles um Liebschaften mit zumindest je einer türkischen Beteiligung; Und in "Die Welt ist gross und überall lauert die Rettung" hilft ein Großvater seinem Enkel die durch einen Autounfall verursachte Amnesie zu überwinden
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Evet, ich will! ist der
Erstlingsfilm des deutsch-türkischen Regisseurs Sinan Akkus. Es dreht sich
alles um die Liebe und die Steine, die ihr im Wege stehen. Seien es unterschiedliche Religion, Herkunft, "falsches" Geschlecht oder
die politischen
Umstände. Der Film hat vier Erzählstränge, die mehr oder minder miteinander
verflochten sind und auf unterhaltsame Art und Weise die jeweiligen Paarbeziehungen oder einzelne
Menschen auf dem Weg zu ihrem Glück begleiten: Zum einen sind da Özlem (Lale Türkan Yavas)
und Dirk (Oliver Korittke), er
ist der Sohn betont liberal und übertrieben ökomäßig auftretender Eltern
- Helga (Ingeborg Westphal) und Lüder (Heinrich Schafmeister) lehnen für sich
selbst vordergründig die Institution Ehe grundsätzlich ab, haben "im Prinzip"
nichts gegen eine türkische Schwiegertochter, aber wenn der Sohnemann wegen
ihrer recht religiösen Eltern zum Islam konvertieren soll, hört der Spaß auf.
Das zweite Paar: die Radiomoderatoren Coskun (Tim Seyfi) und Günay (Idil Üner). Ihr Vater
will nichts von Coskun wissen, weil der Kurde ist; der Junge selbst drängt
seinen Vater, auch mit Hilfe einer Pistole, trotzdem, ganz traditionell bei den
poten-tiellen Schwiegereltern um die Hand Günays
anzuhalten. Da auch das nicht hilft, muss der alte Brauch der Brautentführung her.
Kfz-Mechaniker Emrah (Eralp Uzun) hat völlig andere Sorgen: Er ist in einen
deutschen Mann verliebt. Die Familie weiß nichts von seiner Neigung zum
gleichen Geschlecht und ist "sinnigerweise" gerade dabei eine
Hochzeit für ihn zu arrangieren. Die vierte Geschichte die im Fokus steht dreht
sich um Salih, der aus der
Türkei nach Deutschland kam um zu heiraten. Einen Partner/eine Partnerin indes
gibt es hier nicht - nur die Frau die ihm ein entfernter Verwandter vermitteln
soll, darf nicht zu viel für eine Scheinehe berechnen und sollte wenigstens
halbwegs ansehnlich sein, denn alles für eine
Aufenthaltsgenehmigung hinzunehmen, ist der naive Mann dann doch nicht bereit.
Mit viel Augenzwinkern, äußerst liebevoll gezeichneten Charakteren und einer
Menge
Situationskomik erzählt Sinan Akkus seine Ja-Wort-Geschichten, die gekonnt
ineinander fließen und, ohne übertriebenen Zeigefinger, Zuschauer – egal welcher
nationalen Zugehörigkeit – mit eigenen Vorurteilen und Klischees konfrontiert.
Ein angenehm erfrischender Film.
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Judith Müller lebt mit ihrer Familie im Elsass. Sie ist eine recht kämpferische Frau, zusammen mit anderen Weinbauern geht sie auf die Barrikaden, damit in der Region kein Genmais angebaut wird. Als allerdings ein Foto mit ihr über die Protestaktion auch in deutschen Zeitungen groß veröffentlicht wird, ist sie darüber alles andere als glücklich. Während ihre Mit-streiter denken, das sie nur etwa bescheiden ist respektive nicht Personen sondern Themen im Zentrum sehen möchte, ahnt der Zuschauer, dass hier mehr dahinter ist. Besagter Zeitungsausschnitt befindet sich wenig später in einer Aktenmappe von Alice, einer jungen Frau, die aus Deutschland ins Elsass fährt, und nachts Judith, deren Mann Jean Marc und deren fast erwachsenen Kinder Francine und Lucas beim Abendbrot beobachten wird, dann einen Autounfall vortäuscht, um sich für ein, zwei Tage bei der Familie, die zu anderen Jahreszeiten auch offiziell vermietet einzunisten.
Bei Judith schrillen rasch die Alarmglocken. Vor etwa dreißig Jahren ist sie
selbst als junge Frau aus
Deutschland abgehauen. Sie wurde als Terroristin gesucht, mutmaßlich soll sie
bei einem Banküberfall gar einen Mord begangen haben, wahrscheinlich wird auch
immer noch gegen sie ermittelt - die Grenze würde sie jedenfalls bestimmt nicht
freiwillig übertreten. Alice hingegen geht es erst in zweiter Instanz um diese
Tat, sie will wissen,
warum Judith sie, ihre Tochter, im Alter von drei Jahren an wildfremde Leuten
weggegeben hat und seither nie versucht hat Kontakt mit ihr aufzunehmen.
Es kommt der Tag heißt die deutsch-französische Produktion von Susanne
Schneider, die nicht nur für die Regie
sondern auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, in der Iris Berben als
Mutter Judith und Katharina Schüttler als ihre Rollentochter phänomenal gut
agieren, jede für sich und auch absolut perfekt zusammen. In der von Wüste Film
("Gegen die Wand","Emmas Glück") produzierten Geschichte prallen Welten
aufeinander: Einerseits eine junge Frau, die extrem verletzt und gebrochen ist,
und glaubt ihre Verlorenheit und ihre Sehnsüchte hinter einer emotionalen Mauer
verstecken zu können, andererseits eine reife Frau, die ihre
gesellschaftspolitischen Ideale nie abgelegt hat und ihre damalige
Entscheidung, ihr Kind zu opfern um nicht ins Gefängnis zu gehen und gar noch
weiter "kämpfen" zu können, heute wohl noch einmal genauso fällen würde – denn
durch das Kind wäre sie ziemlich erpressbar gewesen, ganz abgesehen davon, dass
Alice ein Leben im Untergrund mutmaßlich auch nicht gewollt hätte.
Der Film behandelt aber auch recht allgemeingültig die Frage, was im Leben Priorität haben sollte - das persönliche, ganz individuelle Glück, welches heute dem Konsens entspricht, oder die Verantwortung für die Gesellschaft. Vor voreiligen Schlüssen warnt die Produktion dabei implizit, die Regisseurin tut das in Interviews gar explizit: "Für mich war vor allem die Frage elementar, wie weit wir heute für unsere Ideale gehen würden. Nehmen wir mal an, die politischen Verhältnisse in unserem Land würden sich destabili-sieren, wie weit würde unser Engagement gehen? Um es ganz pathetisch auszudrücken: Was wären wir bereit zu tun, für eine bessere Welt? Ich finde es spannend, der Verurteilung vergangener Systeme die Überlegung voranzuschicken, wie man sich selbst entscheiden würde."
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Am Anfang des Films Die Welt ist
groß und überall lauert die Rettung steht ein Autounfall in
Deutschland: Mutter und Vater sterben, der erwachsene Sohn landet ins
Krankenhaus. Er weiß nicht mehr, wie er heißt, wo er herkommt, was mit ihm
passiert ist. Eine Amnesie, attestieren die Ärzte; lebende Verwandte werden
ausfindig gemacht. Und so reist der Großvater Bai Dan aus Bulgarien nach Leipzig und
erlebt einen Schock, weil die Weißkittel es versäumt haben, ihm bis jetzt vom Gedächtnisverlust des
Enkels zu erzählen. Entsprechend wird der einst heiß und innig geliebte Opa, der
nun versucht Alex an seinem Krankenbett zu umarmen, von diesem recht
geschockt
abgewiesen. Bai Dan gibt aber nicht auf, er bleibt da und versucht
ihn mit Gesprächen und vor allem auch mit Backgammon-Spielen, das er dem Jungen
einst beigebracht hat, Stück für Stück in sein altes Leben zurückzuholen. Da
aber auch Fotos wälzen und Geschichten erzählen keine Erinnerungen wecken,
reißt er den lethargischen Alex irgendwann recht unvermittelt äußerst heftig
aus seinem um den Kopf nicht einschalten zu müssen offenkundig viel zu
bequemen Krankenbett und fährt mit ihm auf einem Tandem nach Bulgarien.
In kurzen Rückblenden erzählt die bulgarisch-deutsche Produktion, die auf dem
gleichnamigen Roman von Ilija Trojanow
(Leipziger Buchmessepreis 2006 für "Der Weltsammler") fußt, etwa
auch Einiges von der bewegenden Geschichte von Alex
Eltern, die vor einem ebenso korrupten wie diktatorischem Regime der damaligen Kommunistischen
Partei aus ihrer Heimat floh und in einer feist geleiteten Asylunterkunft in
Italien fast zugrunde ging.
Miki Manojlovic spielt den Großvater Bai Dan. Der 1950 in Belgrad geborene
Serbe wurde international durch die Filme von Emir Kusturica ("Papa ist auf
Dienstreise", "Underground" und "Schwarze Katze, weißer Kater") sowie durch
die männliche Hauptrolle 2007 in Sam Garbarskis "Irina Palm"
bekannt. Während er einmal mehr durch ausnahmslos gutes Charakterspiel
glänzt, wirkt Carlo Ljubek als Alex nicht nur im direkten Vergleich äußerst
enttäuschend, ja regelrecht gekünstelt. Daher gewinnen primär die Rückblenden –
die sich auch durch ihre weichen Farben von den Gegenwartsbildern absetzten –
die Zuschauer für sich. Dabei wird dann auch die
ergreifende Geschichte von Bai Dan erzählt, der weniger weil er ein unumstößlicher Backgammon-König
ist, sondern wegen seiner generell direkten und auch unangepassten Art dem
örtlichen Parteisoldaten ein Dorn im Auge ist. Dieser versucht gar Bai Dans Schwiegersohn
- Alex' Vater - als Spitzel zu instrumentalisieren, was letztlich zu
besagter Flucht der Kleinfamilie führen sollte. Wer den Streifen nicht
gesehen hat, wir kaum glauben können, dass das Backgammon-Spiel - zwischen
Schicksal und Wille, zwischen Zufall und Meisterschaft - als Sinnbild für das
Leben funktioniert, erst recht bei Bildern von menschenunwürdigen Auffanglagern in Trieste
oder wenig dezenten Andeutungen des Gewaltregimes im
kommunistischen Bulgarien. Aber die Rechnung der Drehbuchautoren geht
weitestgehend auf.
Red.
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